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StartseiteCorsoWarum 1967 zum Pop-Schaltjahr wurde16.03.2017

AnthologieWarum 1967 zum Pop-Schaltjahr wurde

"Younger than Yesterday" – unter diesem Titel blickt ein neues Buch auf zwölf popkulturell besonders wertvolle Monate im Jahr 1967 zurück. Es geht in zwölf Kapiteln um zwölf bahnbrechende Alben. Aber auch historische Flops werden gewürdigt.

Von Klaus Walter

Jimi Hendrix beim Auftritt auf Fehmarn. (Lutz Rauschnick )
Der legendäre Gitarrist Jimi Hendrix bei einem Auftritt auf Fehmarn. (Lutz Rauschnick )
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"Es war heute vor 20 Jahren ..." Ausgerechnet das Album, das die Pop-Musik für immer verändern wird, beginnt mit einem Rückblick. Es war vor fünfzig Jahren. Am 1. Juni 1967 erscheint "Sgt. Pepper´s Lonely Heartsclub Band" von den Beatles. Darüber schreibt Frank Witzel, 2015 mit dem Deutschen Buchpreis dekoriert für seinen Roman mit dem recht poppigen Titel "Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969". "Ich habe versucht, mir noch mal neu Gedanken über die Sgt. Pepper zu machen, weil ich sie für ein eher schwächeres Album gehalten habe oder immer noch halte."

Beim Wiederhören kam Frank Witzel auf eine neue Idee: Mit der Geschichte von Sgt. Peppers Club der einsamen Herzen Band hätten die Beatles ihren Arbeitsprozess ausgestellt: "Als Experimentierfeld, in dem alles möglich ist, in dem man sich kostümiert, verkleidet, in dem man Rückschritte macht, auch natürlich Vorgriffe in alle Stilrichtungen, um die Kreativität wieder anzukurbeln."

1967 steht im Zeichen des Höher, Schneller, Weiter

Am Ende kommt ein einziger richtiger Song raus: "Das ist 'A Day in the life', und den halte ich auch für einen sehr gelungenen und innovativen, neuen Song, also den einzigen – in Anführungszeichen – Song der 'Sgt. Pepper', und wir können den kreativen Prozess sozusagen miterleben."

Im Buch fällt immer wieder ein eher pop-fremder Begriff: Überbietungswettbewerb. 1967 steht im Zeichen des Höher, Schneller, Weiter. Die Beatles und die Beach Boys, Jimi Hendrix und die Doors, Bob Dylan und Pink Floyd – sie alle konkurrieren in einem permanenten Wettlauf der Ideen.

Wie beschleunigt dieses Schaltjahr war, das belegt das Kapitel über Jimi Hendrix. Am 4. Juni, also ganze drei Tage nach dem Erscheinen von Sgt. Pepper tritt der als Wunderkind gefeierte Hendrix im Londoner Saville Theatre auf, vor der Creme der britischen Popwelt. Und er eröffnet sein Set nicht mit einem seiner Hits, sondern:

Jimi Hendrix Experience: "Sgt. Pepper´s Lonely Heartsclub Band"

Hendrix verbeugt sich vor den Beatles, und er sagt durch die Blume: Schaut her, das kann ich auch. Für Paul McCartney ist es ein Höhepunkt seiner Karriere. Im Schlusskapitel fasst der Pop-Literaturkritiker Moritz Bassler das Schaltjahr zusammen:

"Musikalisch war das der Übergang vom Beat, dessen Hauptmedium nach wie vor die Single war, zum Rock, der sein definitives Medium in der Langspielplatte fand."

Die Errungenschaften haben sich in ihr Gegenteil verkehrt

Lustigerweise zitiert Bassler gleich mehrfach Jon Savage. Der britische Pop-Historiker war in seinem großen Buch über das Jahr 1966 zum gleichen Befund gekommen. 66? 67? Schaltjahre des Pop sind sie beide. Und ja, es gab auch Frauen, damals. 

Aretha Franklin: "Respect"

Aretha Franklin reißt sich einen Song von Otis Redding unter den Nagel und macht ihn zu einer doppelten Hymne: Hymne der Bürgerrechtsbewegung, Hymne der Frauen. Das schreibt Vea Kaiser, eine von zwei Autorinnen. Ihr Text über Aretha Franklin ist der einzige in diesem Buch, der einer Frau gewidmet ist.

"Aretha Franklin steht für eine kulturelle Wende: Das, was zuvor einzig das black america gehört hat, wird plötzlich bedeutsamer und permanenter Teil der populären Playlists. Arethas Musik ist nicht mehr bloß black music, sondern wird zur Musik aller."

Fünfzig Jahre danach haben sich einige der Errungenschaften aus dem Schaltjahr des Pop in ihr Gegenteil verkehrt. Auch das ist eine Erkenntnis dieses Buches.

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