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StartseiteKommentare und Themen der WocheDie Taschenspielertricks des IOC04.02.2018

Anti-Doping-KampfDie Taschenspielertricks des IOC

Das Internationale Sportgericht CAS hat einige Athleten, die zuvor vom IOC gesperrt worden waren, freigesprochen. Das IOC zeigt sich darüber enttäuscht. Doch das geäußerte Bedauern sei nur ein neuer verbaler Winkelzug im Strategiespiel des olympischen Dachverbandes, kommentiert Marina Schweizer.

Von Marina Schweizer

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Die olympischen Ringe vor einem blauen Himmel. Im Hintergrund große weiße Wolken. (Imago/Westend61)
"Das IOC führt die eigenen Spielregeln und Werte ad absurdum - wenn es jemals selbst an sie geglaubt hat", kommentiert Marina Schweizer (Imago/Westend61)
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Was für eine Enttäuschung! Das Internationale Olympische Komitee muss zusehen, wie ein Sportgericht dem Anti-Doping-Kampf einen Rückschlag verpasst. Während der gute Olympische Dachverband 43 Athleten wegen der Verstrickung in das russische Staats-Dopingsystem lebenslang für Olympia sperrt, spricht der böse Internationale Sportgerichtshof CAS einige von ihnen wieder frei. Dabei war man doch beim IOC wie immer mit aller Härte gegen Dopingbetrüger vorgegangen. Großes Bedauern.

Diese IOC-Reaktion auf das Urteil ohne ironischen Unterton zusammenzufassen, fällt schwer. Ist das geäußerte Bedauern doch nur ein neuer verbaler Winkelzug im Strategiespiel des olympischen Dachverbandes. Wieder einmal ist eine chaotische Situation eingetreten. Wieder einmal schieben sich die einzelnen Spieler die Verantwortung zu.

Dopingproben in einem Labor (imago )Verlierer des vom IOC betriebenen Strategiespiels sei einmal mehr der Anti-Doping-Kampf, meint Marina Schweizer (imago )

Keine überraschende Entscheidung

Die Entscheidung des Sportgerichtshofs kam nicht überraschend. Schon im Vorfeld war klar: Für den Nachweis einer individuellen Schuld einzelner Athleten dürften bei Gericht die Belege fehlen. Aber woher sollten die auch kommen, bei ausgetauschten Urinproben und lauter negativen Tests? Indizien, wie Kratzspuren an Probenfläschchen, haben den Richtern nicht ausgereicht als Nachweis, dass einzelne Athleten wirklich Bescheid wussten über die Manipulation rund um die Olympischen Winterspiele von Sotschi. 

Schwer vorstellbar, dass das IOC diese Entscheidung des CAS nicht mit einkalkuliert hat. Der Rückschlag für den Anti-Doping-Kampf ist demnach nicht das CAS-Urteil. Es ist das Verhalten des IOC.

Das Komitee hat sich auf die Bestrafung von Individuen konzentriert, es sich leicht gemacht und eine schwierige Entscheidung an den CAS outgesourced.

Anders als die individuelle Schuld von Athleten ist nämlich eines bewiesen: das staatlich mitorchestrierte Dopingsystem in Russland. Und hier liegt die Verantwortung beim IOC. Der olympische Dachverband hätte dieses System von Beginn an mit einer unmissverständlichen Entscheidung bestrafen müssen: einem Komplettausschluss. Aber davor war das IOC - wie schon vor den Sommerspielen von Rio - auch jetzt wieder zurückgeschreckt.

Auch Russland kann sich als Gewinner präsentieren

Als Gewinner dieses immer gleichen, perfiden Strategiespiels könnten sich jetzt zwei inszenieren: Erstens das IOC, das sich - mitten in der nach wie vor schlimmsten Imagekrise - immer noch als Durchgreifer präsentieren möchte. Etwa, wenn es jetzt als Reaktion auf das Urteil sagt: Der Freispruch bedeute nicht, dass sich die besagten Athleten das Recht auf einen Olympiastart verdient hätten.

Die 28 Athleten, die nun vom Internationalen Sportgerichtshof freigesprochen wurden, werden für ihren Olympiastart streiten. Der juristische Kampf wird sich bis zur letzten Minute hinziehen.

Und er wird das Foul überdecken, das am Anfang stand: Dass sich das IOC um eine klare Entscheidung herumgedrückt hat.

Jewgenija Medwedjewa bei der Eiskunstlauf-WM 2017 in Helsinki (imago / Xinhua)Das IOC hätte das in Russland praktizierte Doping-System von Beginn an mit einem Komplettausschluss bestrafen müssen, sagt Marina Schweizer (imago / Xinhua)

Deshalb ist der zweite Gewinner Russland: Der jetzt eingestandene Mangel an Beweisen lässt zu, dass man dort prompt die Dinge zu seinen Gunsten auslegt. Der Spruch der CAS-Richter sei die Bestätigung, dass russische Athleten sauber seien, ließ der russische Sportminister nach der Entscheidung verlauten. Russland leugnet - und überhört dabei die Worte des CAS: Nämlich, dass das Urteil gerade nicht bedeute, die Sportler seien unschuldig. Das Spiel geht weiter.

Härte sieht anders aus

Fazit: Von der vielfach geforderten harten Strafe gegen das nach wie vor uneinsichtige Land ist wenig übrig. In Pyeonchang wird nur eine andere Art von Team Russland auflaufen, zwar ohne Hymne und Flagge. Trotzdem für alle Welt erkennbar als Olympische Athleten aus Russland, die sich bei gutem Betragen zum Ende der Spiele wieder mit allen Insignien bei der Abschlussfeier präsentieren können. Härte sieht anders aus.

Verlierer dieses Spiels ist einmal mehr der Anti-Doping-Kampf. Untrügliches Zeichen: An der Spitze des Medaillenspiegels der Spiele in Sotschi steht nach dem Urteil nun wieder Russland. Ausgerechnet der damalige Gastgeber, dessen perfides Doping- und Betrugssystem einen schwarzen Schatten über diese Spiele gelegt hat. Auch dieses Symbol nimmt das IOC durch sein Gebaren in Kauf. Und es führt damit die eigenen Spielregeln und Werte ad absurdum – wenn es jemals selbst an sie geglaubt hat.

In Pyeongchang wird kein Olympisches Feuer, kein vereintes Koreanisches Olympiateam, kein Claqueur dieser Welt dieses Scheitern mehr überdecken können. Wenn der IOC-Präsident mit einem Lächeln die große Strategie-Show eröffnet. Lasst die Spiele beginnen!


Marina Schweizer (privat)Marina Schweizer (privat)Marina Schweizer
 studierte Kommunikationswissenschaft und Geschichte in München, längere Auslandsaufenthalte in Alaska/USA. Während und nach dem Studium arbeitete sie als freie Reporterin u. a. für den SWR-Hörfunk, bevor sie ein crossmediales Volontariat bei Deutschlandradio absolvierte. Nach einem Jahr als Junior-Redakteurin in den Redaktionen Sport und Zeitfunk arbeitet sie heute beim Deutschlandfunk als Redakteurin und Moderatorin in der Sportredaktion und als Moderatorin im "Zeitfunk".

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