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StartseiteKultur heuteAnti-Theater auf der Bühne26.01.2007

Anti-Theater auf der Bühne

Michael Lentzens "Gotthelm oder Mythos Claus" am Schauspiel Frankfurt

Eine Premiere im doppelten Sinne auf der Kleinen Bühne des Frankfurter Schauspielhauses: Das erste Stück eines Autors erlebte seine erste Aufführung. Michael Lentz nämlich ist bisher vor allem als Lyriker und Theaterfeind aufgetreten. Jetzt hat der 42-Jährige zum ersten Mal fürs Theater geschrieben. "Gotthelm oder Mythos Claus" heißt sein Sieben-Personen-Stück.

Von Christian Gampert

Ein Lyriker als Dramatiker: Michael Lentz (Stock.XCHNG / Christy Thompson)
Ein Lyriker als Dramatiker: Michael Lentz (Stock.XCHNG / Christy Thompson)
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Schauspiel Frankfurt

"Wir begrüßen herzlich: Claus und Claus und Claus und Claus..."

Alle heißen Claus in dem Stück von Michael Lentz, der als Bachmann-Preis-bekränzter Erforscher des "Muttersterbens" und auftrittserprobter Turbo-Laut-Poet nebenbei auch ein bekennender Theaterhasser ist. Das Frankfurter Schauspiel hat ihn überredet, jetzt mal was für die Bühne zu schreiben, nun hat es den Salat: einen auf sieben Personen verteilten Sprech-Anfall, ein wunderbar komisches Kabinett-Stück, das jeden theatralischen Tiefsinn, jede Sinnsuche überhaupt und den bei Theaterleuten stets zum Ziel erhobenen gesellschaftlichen Mehrwert ("kritische Fragen stellen, politische Haltungen formulieren") gnadenlos verweigert und sogar durch den Kakao zieht.

Der Autor schickt sieben Frauen zum Frisör, er lässt sie in Illustrierten blättern und Kreuzworträtsel lösen, und das Lösungswort heißt "Gott" - so weit ist es gekommen mit dem Allerhöchsten: vier Buchstaben in einem Rätsel. Das ist eine geniale Verschränkung von Tief- und Flachsinn, von Banalität und dem allgegenwärtigen dubiosen Bedürfnis nach ein wenig Metaphysik. Und natürlich kann man das nicht inszenieren wie ein herkömmliches Handlungsstück, sondern nur als Installation, als Happening, als Performance - wie bei Rainald Goetz oder beim frühen Peter Handke, der ja noch - kunstvoll - das Publikum beschimpfte.

Die junge Regisseurin Christiane J. Schneider hat sich lustvoll eingelassen auf Michael Lentz' kreiselnde, blitzschnell assoziierenden Sprachspiele, auf seine Verhackstückung der öffentlichen Rede, auf allerpersönlichste Bekenntnisse, auf politische Pseudo-Philosophie und esoterische Selbstsuche. Die Inszenierung ist eine chaotische Podiumsdiskussion mit grauenvoll geschmacklos gekleideten Sprech-Harlekinen, Schauspielerinnen, die Text agieren, hauchen, flüstern, schreien, prusten, zucken, hyperventilieren, verkörperlichen.

Roboter-Claus, An-und-Auszieh-Claus, Homunkulus-Claus, Atem-Claus, Räucherstäbchen-Claus: sie alle haben ein Erweckungs-Erlebnis unter einer Trockenhaube, einer Art Zeit-Kapsel, dem "Gott-Helm", sie werden unsterblich und berichten von ihren ganz persönlichen Gottes-Theorien, Gottes-Beweisen - modernisierter Thomas von Aquin. Ist Gott ein Roboter? Oder eine Wurst? Versteckt er sich in der Quantenmechanik? Gott, unsere Projektion! Kann man ja mal drüber reden:


"Es steht völlig außer Zweifel, dass Gott die richtige Lösung ist.

Das heißt, jeder Hund ist ein Gott?

Ja, das sehe ich ganz genauso. Jeder Hundezwinger ist die Revolution der Ratio!

Hahaha.

Der was?

Der Ratio.

Ich möchte jetzt hier eine Resolution einbringen. Es scheint ja egal zu sein, ob wir über Gott reden oder ob wir nicht über Gott reden. Wenn wir aber über Gott reden, dann sollten wir vermeiden, NICHT über Gott zu reden. Es ist schon passiert, dass wir über Gott reden, weil er plötzlich so aufgetaucht ist. Wir sollten vermeiden über etwas zu reden, was es nicht gibt."

Der ständige Wechsel zwischen High and Low; die Austauschbarkeit der Figuren; das Sprachgewirr, das sich dann in bekenntnishafte, eine göttliche Existenz beschwörende Soli auflöst: all das macht sich souverän lustig über Rituale der Politik und auch des Theaters: das "vom Universum" Gewünschte fällt stante pede in Postpaketen vom (Bühnen-)Himmel herunter; und auch die brünstig stammelnde Lyrik darf, als Collage verfremdeter Klassiker-Zitate, bei der Gottesbeschwörung nicht fehlen:

"Wenn man das Rauschen der Zugvogelschwingen hört morgens noch bevor es hell wird....dann ist Gott! Ach, dein weißer Leib! im Klee das Bett im Mai...im Mai, da blüht ein süßer Zeitvertreib, im Mai mit deinem Leib...die Nacht: da sink ich hin ins tiefe Tal...bei dir, ah, ah, ah, im tiefen Erdbeertal, dein schwarzes Haar, den Sommer lang bei dir - komm her, wir spielen wild ein schönes Spiel...ah, ah, die graue Welt macht einem Freud, ich hol dich her, du rotes Tier, ich schreibe schon die die ...oh oh oh oh im Winde, das ist Gott!

Ist ja gut, ja."

Sprachspiele, Bewusstseins-Zuckungen. Am Ende gibt es in diesem Frisier- und Spielsalon noch einen kleinen Totentanz, lauter Perücken-bewehrte weibliche Clowns, die zu gemütlicher Rummelplatzmusik hysterisch kreischen und lachen. Das Stück ist also bockelernst und unheimlich lustig, es ist frech, flott, schnell, grell. Wunderbares Antitheater, das der etablierten Kunst ans Bein fährt. Und ein Geheimtipp fürs Berliner Theatertreffen!

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