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Antibiotika-Einnahme Weniger ist mehr

Wer von seinem Arzt ein Antibiotikum verschrieben bekommt, kriegt meist eingeschärft, das Medikament auf jeden Fall zu Ende zu nehmen. Mittlerweile mehren sich jedoch die Hinweise darauf, dass viele Antibiotika-Behandlungen zu lang sind und dadurch Resistenzen begünstigen. Forscher fordern die Verkürzung der Vergabedauer.

Von Magdalena Schmude

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Ein Arzt hält Tabletten in der Hand. (imago/STPP)
"Viel hilft viel" trifft bei Antibiotika nicht unbedingt zu. (imago/STPP)
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Um die Entstehung von Bakterienstämmen, gegen die Antibiotika nichts mehr ausrichten können, zu verhindern, versuchen Ärzte und Wissenschaftler seit Jahren, den Einsatz von Antibiotika zu reduzieren. Das heißt bisher vor allem, sie nur dann zu verschreiben, wenn sie wirklich gebraucht werden und etwas ausrichten können.

Doch langsam gerät auch eine zweite Einsparmöglichkeit in den Blick: Die Dauer der Antibiotika-Einnahme. Denn bisher werden die Wirkstoffe standardmäßig für sieben oder zehn Tage verschrieben, manchmal länger. Ein historisches Relikt, wie Louis Rice erklärt, der an der Brown University die Medizin-Abteilung leitet.

"Als das erste Mal Penizillin verwendet wurde, gab es nicht so viel davon, und deshalb zeigten die ersten Studien, dass man Lungenentzündungen und andere Infektionen mit relativ geringen Dosen über zwei bis drei Tage behandeln konnte. Weil es ein paar Ausnahmen gab, hat man dann zur Sicherheit alle Patienten länger behandelt. Und als dann die Pharmaunternehmen eingestiegen sind, haben sie einfach Therapielängen festgelegt, die bequem sind. Eine Woche oder zehn Tage oder zwei oder drei Wochen. Da die meisten Antibiotika relativ wenig Nebenwirkungen haben dachte man, dass es keinen Grund gibt, die Gabedauer zu verkürzen. Aber das war eben, bevor es Probleme mit Resistenzen gab."

"Jede Dosis, die der Patient nicht braucht, ist eine zu viel"

Diese Zeiten sind lange vorbei. Immer mehr Bakterien reagieren nicht mehr auf eines oder mehrere Antibiotika. Louis Rice hat deshalb schon vor zehn Jahren darauf hingewiesen, dass sich die Vergabepraxis ändern muss, um die Wirksamkeit der Medikamente zu erhalten. Mittlerweile haben Studien nachgewiesen, dass Resistenzen sogar zurückgehen können, wenn weniger Antibiotika verschrieben werden

"Wir müssen jetzt wirklich genau darüber nachdenken, wie lange und wie viel Antibiotika wir geben. Denn jede Dosis, die der Patient nicht braucht, um eine Infektion zu bekämpfen, ist eine zu viel. Sie hat keinen Nutzen mehr für den Patienten. Sie fördert nur die Entstehung von Resistenzen."

Ausreichende Therapiebedauer abhängig von der Infektion

Auch Benedikt Huttner, Infektionsbiologe am Universitätsspital Bern, beschäftigt sich mit dem Zusammenhang von Antibiotikaresistenzen und der Vergabedauer. Für ihn ist wichtig, dass neue Empfehlungen zur Therapiedauer auf einer soliden wissenschaftlichen Basis stehen, um die Sicherheit der Patienten zu gewährleisten. Erste Beispiel gibt es.

"Für Blasenentzündungen ist es relativ klar, dass kurze Therapiedauern ausreichen, da gibt es auch gut Studien. Dann zum Beispiel bei Lungenentzündungen weiß man auch, dass generell zu lange behandelt wird. Da gibt es inzwischen auch sehr gute Studien, die zeigen, dass eigentlich fünf Tage durchaus ausreichend sind in den meisten Fällen."

Auch für Nierenbeckenentzündungen oder Streptokokken-Angina bei Kindern reichen kürzere Behandlungsdauern aus. Oft ist es gar nicht nötig, alle Keime medikamentös abzutöten, denn ab einem gewissen Punkt gewinnt das Immunsystem wieder die Oberhand und kommt dann ohne Unterstützung zurecht.

"Die Frage ist, wie man das besser individualisieren kann"

Wie lange jeder Patient im Einzelfall Antibiotika einnehmen muss, um einen Erreger unter Kontrolle zu bekommen, hängt von vielen Faktoren ab. Dem Alter des Patienten, der Fitness seines Immunsystems und seinem Stoffwechsel zum Beispiel. Auch hier sieht Benedikt Huttner Einsparpotenzial.

"Momentan sind wir noch in einer Ära wo man eben praktisch für alle die gleiche Therapiedauer bedingt. Und das macht sicher keinen Sinn. Die Frage ist, wie man das besser individualisieren kann. Da gibt es einige Ansätze über sogenannten Biomarker, dass man dann im Blut anschaut, wie die Entzündungsparameter sich verändern. Aber da ist man noch relativ weit davon weg."

Louis Rice sieht mittlerweile auch ein Umdenken bei Gesundheitsbehörden, wie den amerikanischen National Institutes of Health, die eine Reihe entsprechender Studien finanzieren. Er hofft, dass wissenschaftliche Daten dann auch Ärzte überzeugen können, ihre Verschreibungspraxis zu überdenken. Der Effekt könnte enorm sein.

"Ärzte werden ihr Verhalten nur ändern, wenn wir ihnen genügend Nachweise zeigen, dass es sicher und effektiv ist, was sie tun. Ich denke, wenn das gelingt, können wir insgesamt ein Drittel aller für den Menschen verschriebenen Antibiotika einsparen."

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