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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenWie ein achtarmiger Oktopus12.05.2016

Antike Vorstellungen von Körper und SeeleWie ein achtarmiger Oktopus

Befindet sich die Seele im Herzen oder im Gehirn? Und was ist die Seele überhaupt? Darüber zerbrachen sich antike Philosophen und Mediziner den Kopf. Seit Dienstag widmet sich die Ausstellung "Die Seele ist ein Oktopus" im Medizinhistorischen Museum der Charité antiken Vorstellungen vom belebten Körper. Und das mitten zwischen den pathologischen Präparaten des Mediziners Rudolf Virchow.

Von Isabel Fannrich-Lautenschläger

Illustration eines menschlichen Gehirns von der Seite. (imago/CHROMORANGE)
Modell eines menschlichen Gehirns. Ist da irgendwo die Seele? (imago/CHROMORANGE)

Das Metallrohr ist kurz, seine gezackte Öffnung so groß wie ein 20-Cent-Stück. Die Kunsthistorikerin Uta Kornmeier erklärt, dass es sich um die Kopie eines seltenen Fundstücks handelt. Der Bohrer stammt aus einem Grab bei Bingen. "Das ist ein aus einer Kupferlegierung gegossener Bohrer, mit dem man den Schädelknochen aufgebohrt hat in Fällen von Verletzungen am Kopf, um Druck zu entlassen oder möglicherweise auch böse Geister zu entlassen oder einfach auch dem Pneuma mehr Raum zu geben. Es ist lange bekannt, dass diese Trepanationen stattgefunden haben. Dieses Stück ist einfach wahnsinnig wichtig für die Archäologie der Medizin. Und dieser Trepan ist wirklich, das ist die Mona Lisa der Ausstellung vielleicht. Aber Sie sehen, es macht erst mal optisch nicht so viel her."

Zählten Schädelöffnungen in der Antike zum gängigen medizinischen Repertoire, war dagegen das Sezieren von Menschen aus moralischen und religiösen Gründen verboten. Deshalb schnitten Ärzte und Philosophen spätestens seit dem 6. Jahrhundert vor Christus tote, aber auch lebende Tiere auf, um Erkenntnisse über die inneren Körperteile zu gewinnen, wie die kleine Ausstellung "Die Seele ist ein Oktopus. Antike Vorstellungen vom belebten Körper" zeigt.

Diese könnte spannungsvoller kaum platziert sein. Im Medizinhistorischen Museum der Berliner Charité, mitten zwischen den pathologischen Präparaten des Mediziners Rudolf Virchow, zwischen fehlgebildeten und verletzten Schädeln, in gläsernen Behältern konservierten Nierensteinen, Lebern und Lungen widmen sich farbige Tafeln, Grafiken und archäologische Objekte dem unsichtbaren Teil des Menschen: seiner Seele.

Seele in den Körperteilen

Kerngedanke der Ausstellung ist, dass vor rund 2.000 Jahren Philosophen und Mediziner ein eher biologisch-materielles Verständnis von der Seele hatten. Anders als heute. Diese galt als Kraft, die den Körper belebte und sein Funktionieren organisierte. Die Stoiker etwa verglichen sie mit einem Oktopus, dessen Arme die fünf Sinne, das Denken, Sprechen und die Fortpflanzung symbolisieren. Philipp van der Eijk, Professor für Klassische Altertumswissenschaften und Wissenschaftsgeschichte an der Berliner Humboldt-Universität: "Es gab zum Beispiel die Vorstellung, dass die Seele selbst auch körperlich ist, ein Teil des Körpers, aus materiellen Komponenten besteht, die dann materiell zu beeinflussen sind durch Ernährung, Fitness, durch Bewegung. Dann gab es die etwas raffiniertere Vorstellung etwa bei Aristoteles, dass die Seele die Form des Körpers ist. Und was er damit meinte, ist, das ist dasjenige, was den Körper gestaltet, strukturiert und auch zum Leben ermöglicht. Das ist eigentlich eine Sammlung von Funktionen und Fähigkeiten, die in den Körper eingebettet sind und untrennbar mit Körperteilen, mit Organen, mit Substanzen im Körper verbunden ist."

Für den griechischen Philosophen Plato etwa bestand die Seele aus drei Teilen, die gemeinsam agierten. Er lokalisierte den Verstand im Gehirn, Willenskraft und Gefühle in der Brust und die Begierden, die für Ernährung, Wachstum und Fortpflanzung zuständig waren, in der Leber.

Herz oder Hirn?

Irgendwo im Körper musste allerdings der führende Seelenteil sitzen, mutmaßten nicht wenige Philosophen und Mediziner, stritten aber über den Ort. Kuratorin Uta Kornmeier: "Da gab es zwei sehr starke Meinungen, die vor allem sehr weit verbreitet waren. Das eine ist, dass die Seele im Herzen sitzt. Und das zweite ist, dass die Seele im Gehirn sitzt und dort ihre Macht ausübt. Und so haben wir zum Beispiel uns bei dieser Abteilung überlegt: Wie kann man das bildlich darstellen? Natürlich ein Dualismus zwischen Herz und Hirn bot sich an, aber wie soll man diese Theorie darstellen als Bild? Sollten wir eine Waage zeigen, in die die Wissenschaftler Argumente werfen für das Herz oder für das Hirn?"

Gemeinsam mit den Wissenschaftlern und einem Grafiker entschied sich die Kuratorin dafür, beide Auffassungen nebeneinander als Kontur zweier Oberkörper und Köpfe abzubilden, in denen entweder das Gehirn mit den Nerven oder das Herz mit den Blutgefäßen im Mittelpunkt steht. Ein einheitliches Konzept der Seele gab es in der Antike nicht, lautet die Botschaft. Sahen sowohl Stoiker als auch Aristoteles das Herz als Schaltzentrale der Seele an, war Galen von Pergamon, ein bedeutender Mediziner aus dem 2. Jahrhundert, durch Experimente davon überzeugt, dass das Gehirn das Hauptorgan der Seele und durch die Nerven mit dem Rest des Körpers verbunden sei. Dagegen bezeichneten andere das sogenannte Pneuma, eine luftartige Substanz, die durch den Körper fließt, oder das Blut als Sitz der Seele.

Exponate passend zu Virchows Präparaten 

Dass das Exzellenzcluster Topoi, an dem zwei Berliner Universitäten sowie zahlreiche außeruniversitäre Einrichtungen beteiligt sind, die Seele zum Mittelpunkt einer Ausstellung macht, erklärt dessen Sprecher Michael Meyer, Professor für Prähistorische Archäologie: "Warum interessiert uns jetzt die Seele? Wir beschäftigen uns ja mit Space and Knowledge, mit Raum und Wissen im Altertum und der Körper ist natürlich ein Raum. Und Sie werden merken, wenn Sie durch die Ausstellung gehen, es geht ganz prominent darum, um Wissen über den Körper als Raum: Wo sitzt die Seele? Wo sitzen Krankheiten? Was muss man wissen, um Krankheiten heilen zu können, um auf die Seele einwirken zu können? Vielleicht etwas ungewöhnlich zunächst einmal, wenn man sich vorstellt, dass der Körper ein Raum ist. Aber der Körper ist nun mal der Raum, der uns täglich begleitet.

Der Frage, wie sich das antike Raumverständnis außer in Architektur und Kunst auch in der Medizin und ihren Texten niedergeschlagen hat, geht Philip van der Eijk, Mitglied der Forschergruppe "Mapping Body and Soul" des Exzellenzclusters nach. Für ihn stellt dies einen völlig neuen Ansatz dar – nicht zuletzt angesichts vieler unerforschter antiker Quellen. "Es gibt natürlich Vorarbeiten, Vorlagen. Aber es gibt noch sehr viele Texte von antiken Medizinern, die noch nicht erforscht sind. Also das machen wir, wir edieren, übersetzen, kommentieren diese Texte. Wir kontextualisieren sie. Wir versuchen sie auch, sozial, kulturell zu kontextualisieren."

Die Texte, Grafiken und Exponate sind nicht nach aristotelischen Gesichtspunkten angeordnet, sondern fügen sich thematisch passend in Virchows Präparate ein: Zwischen konservierten Verdauungsorganen etwa geht es um den engen Zusammenhang von Ernährung und Seele. Die antiken Forscher und Denker schlussfolgerten, dass ein Körper ohne Nahrung nicht lebe und deshalb auch nicht beseelt sein könne. War zum Beispiel die Leber geschädigt, konnte dies nach damaliger Auffassung den Geist und die Sinneswahrnehmungen verwirren.

Die Seele organisiert

Der Grafiker Christoph Geiger hat auf einem Bild den Magen als Braukessel dargestellt, in dem die Nahrung gekocht wird. Zugleich befeuert diese das innere Feuer. "Zeichnerisch war hier die große Herausforderung, dass quasi dieser Schlund, in dem das Essen verschwindet, da mussten wir 'ne Lösung finden, was eigentlich anatomisch unmöglich ist. Wir wissen ja, dass durch die Speiseröhre das Essen in den Magen kommt, aber hier kommt es in den Magen, in den Braukessel, und fällt aber auch gleichzeitig außen drum herum und befeuert diesen Kessel wieder. Wir haben dann quasi eine Verzweigung des Kanals geschaffen, wo das Essen abzweigt. Geradeaus lotrecht fällt es in den Kessel und links kann es aber eine Kurve nehmen und fällt dadurch in die schon brennende Glut und befeuert diese weiterhin."

"Die Seele organisiert ja den Vorgang in seinen Abläufen, und die Seele organisiert, was ist denn das Ergebnis dieses Brau- und Kochvorgangs. Was wird jetzt gebraucht? Wird jetzt Fleisch gebraucht, wird Blut gebraucht oder wird Pneuma gebraucht? Wir sehen da auch dieses kleine Pneuma-Wölkchen. Die Seele steuert, was aus den Nahrungsmitteln gemacht wird."

Für die medizinische Praxis war die akademisch geführte Diskussion kaum relevant, urteilt Philip van der Eijk. Lange noch hielten die Aristoteliker an ihrer weitverbreiteten Theorie des Herzens fest. Die Vorstellung, dass die Seele im Gehirn zu verorten ist, habe sich erst im Laufe des späten Mittelalters durchgesetzt.

Die Frage, was denn nun die Seele sei, beschäftige die Menschen nach wie vor.

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