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StartseiteTag für TagDas neue Unbehagen in jüdischen Gemeinden25.07.2016

Antisemitismus 2016Das neue Unbehagen in jüdischen Gemeinden

Fast ein dreiviertel Jahrhundert nach Auschwitz könnte man meinen, alles sei gesagt über den Antisemitismus. Eine internationale Tagung in Berlin scheint das Gegenteil zu beweisen. Demnach gibt es immer wieder neue Erscheinungsformen des Antisemitismus.

Von Thomas Klatt

Schild "Nie wieder" (picture alliance / dpa / Maja Hitij)
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"Also den mittelalterlichen religiösen Antijudaismus, wonach die Juden das Volk der Gottesmörder sind, das ist eigentlich nicht mehr ernst zu nehmen. Das erlebt man auch in stark christlich-religiösen Kreisen eigentlich nicht mehr."

Antisemitismusforscher Olaf Glöckner vom Moses-Mendelssohn-Zentrum in Potsdam weiß um das Auf und Ab antisemitischer Argumentationsmuster. Der christliche Antijudaismus tritt kaum noch in Erscheinung, sicherlich auch das Ergebnis einer "Theologie nach Auschwitz". Juden werden nicht mehr als vermeintliche Christusmörder verachtet. Das Judentum gilt heute als unumstößliche Wurzel des christlichen Glaubens. -  Auch der nationalsozialistische Antisemitismus begegnet einem heute kaum noch. Olaf Glöckner:

"Rasse-Antisemitismus, also eine Form von Vernichtungsantisemitismus a la Adolf Hitler ist im Großen und Ganzen auch out. Diese Form von Antisemitismus mögen vielleicht Neonazis nach wie vor im stillen Kämmerlein pflegen, aber man weiß, dass das öffentlich radikal sanktioniert ist."

Alles aber kein Grund zur Entwarnung. Denn nach der jüngsten Befragung der "Agentur der Europäischen Union für Grundrechte" steigt in jüdischen Gemeinden Europas die Furcht vor Antisemitismus. Auch deutsche Juden sehen sich verstärkten Anfeindungen ausgesetzt.

"Aus den deutschen Ergebnissen können wir herauslesen, dass es massive Konsequenzen in der jüdischen Bevölkerung in Deutschland gibt. Wenn also knapp 20% in dieser Umfrage angegeben haben, sie vermeiden es ständig oder zeitweise, einen jüdischen Veranstaltungsort aufzusuchen. Und auch 19% der in Deutschland befragten Juden haben angegeben, dass sie in letzter Zeit vermieden haben, an ihrer Äußerlichkeit als Jüdin oder Jude erkannt zu werden."

Einschränkung der Lebensqualität für Juden 

Zwar würden anders als in Frankreich deutsche Juden noch kaum über einen Wegzug nach Israel nachdenken, weiß Antisemitismusforscher Olaf Glöckner. Aber das Leben wird vielen hier immer unangenehmer.

"Das heißt, wir haben hier eine Einschränkung der Lebensqualität. Wir erleben einen Anstieg der Verunsicherung kollektiv in den Gemeinden, aber auch bei einzelnen Personen und das gilt es, wissenschaftlich zu erforschen."

Denn es gibt neue Erscheinungsformen des Antisemitismus. Längst vergessen geglaubte Argumentationsmuster etwa aus der Zeit des Kalten Krieges werden wieder hervorgeholt, um Juden anzufeinden.

"Was stärker geworden ist in den letzten Jahrzehnten oder auch Jahren, ist der sekundäre Antisemitismus. Man tendiert einfach ein Stück dazu, Nazivergleiche anzustellen, wenn es um Israel geht im Nahostkonflikt. Die Israelis führen einen Vernichtungsfeldzug gegen die Palästinenser, das ist so ein klassisches Stereotyp. Das letzte Mal so intensiv hatten wir es eigentlich in den DDR-Medien. Man möchte Moshe Dayan mit General Rommel vergleichen."

Immer wieder wird Juden vorgeworfen, sie seien hier gar nicht zu Hause, sondern in Israel und damit auch für die dortige Politik verantwortlich.

"Wir erleben auf der anderen Seite ein sehr starkes Israel-Bashing. Die Negativdarstellungen über Israel in den Medien nehmen zu - und auf der Straße erleben das die befragten Personen, dass sie als Juden in Deutschland dafür verantwortlich gemacht werden, was sich im Nahostkonflikt entwickelt."

Die Zunahme antisemitischer Einstellungen spiegele sich auch im Internet wider, weiß die Berliner Sprachwissenschaftlerin Monika Schwarz-Friesel. Dort finde sich eine neuartige Durchmischung der einst getrennten Lager von Rechts, Mitte, Links bis religiös-motiviert:

"Also noch vor 15 Jahren, als wir angefangen haben, konnte man viel deutlicher auf Grund bestimmter Ideologiefragmente in den Texten erkennen, ob jemand aus der antiimperialistischen linken Ecke oder jemand aus der Neonazi-Ecke kam. Das verschwimmt heute. Von einem Rechtsradikalen, der mit Heil Hitler beginnt: Juden sind das Übel der Menschheit und bedrohen den Weltfrieden. Und ein linker Lokalpolitiker mit Namen und Adresse schreibt: Israel ist ein Unrechtsstaat und bedroht den Weltfrieden. Also wir haben exakt die gleichen Konzeptualisierungen."

Duldet Facebook Antisemitismus?

Dass sich im Internet Hass-Botschaften schnell verbreiten, macht jüdischen Gemeinden zusätzliche Sorgen - auch, dass sie nur selten gelöscht werden.

"Es gab zwei Bilder mit Gewaltaufrufen, einmal gegen Israel gerichtet, 'stop the israelis and we will do ever we can', und der andere war anti-palästinensisch. Facebook hat sofort den anti-palästinensischen vom Netz genommen und den antiisraelischen fanden sie völlig in Ordnung und hatten überhaupt kein Problem damit."

Besonders besorgniserregend sei die Zunahme judenfeindlicher Einstellungen in muslimischen Gemeinschaften. Fände man in der Gesamtbevölkerung Europas antisemitische Einstellungen bei gut 15-20%, so sei dieser Anteil unter westeuropäischen Muslimen mit 55 % weit größer, so die Umfrage der "Anti-Defamation League" von 2015. Es bestehe die Gefahr, dass sich Hass auf Juden vor allem bei fundamentalistisch ausgerichteten Muslimen zu einer Norm verfestige, die nicht mehr hinterfragt wird, befürchtet Antisemitismusforscher Günther Jikeli.

"Dass Leute, wenn ihnen die Frage gestellt wird, warum sie denn keine Juden mögen, gar nicht denken, warum sie das begründen müssten, dass es zu einer Norm geworden ist. Jüdisch-Sein ist etwas Negatives. Und da sieht man, dass die Schwelle zur Gewaltbereitschaft, gerade dann wenn sich so eine Norm durchgesetzt hat, sehr gering ist."

Die höchsten Werte an antisemitischen Einstellungen fänden sich  allerdings bei Muslimen im Mittleren Osten und Nordafrika: 75%. Menschen, die nun als Flüchtlinge auch vermehrt nach Europa kommen.

 

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