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StartseiteSport am WochenendeWenn die Polizeistreife zum Alltag gehört03.08.2014

Antisemitismus-DebatteWenn die Polizeistreife zum Alltag gehört

Von Ronny Blaschke

Ein Hakenkreuz und ein durchgestrichener Davidstern sind am 09.06.2013 an einer Gedenkstätte am Nordbahnhof in Berlin zu sehen. (picture alliance / dpa / Daniel Reinhardt)
Wandel des Antisemitismus auf deutschen Fußballplätzen (picture alliance / dpa / Daniel Reinhardt)

Ein Ende der israelischen Militär-Intervention im Gaza-Streifen ist nicht in Sicht. Zu spüren bekommen das auch viele Juden in Deutschland, die pauschal für die Politik Israels verantwortlich gemacht werden. Welche Auswirkungen hat die Eskalation auf den Fußball hierzulande? Am Dienstag haben Neonazis aus dem Umfeld der Partie „Die Rechte" ein Jugendspiel in Dortmund mit Parolen gestört. Zu Gast war der israelische Klub Maccabi Netanya.

Es gibt wohl keine antisemitische Schmähung, die Claudio Offenberg noch nicht gehört hat. Seit seiner Jugend ist er mit der jüdischen Sportbewegung Makkabi verbunden, in Berlin seit vierzehn Jahren als Fußballtrainer und Funktionär. Wenn die Lage im Nahen Osten eskaliert, spüren das auch die 37 Ortsvereine von Makkabi in Deutschland, mit ihren mehr als 4000 Mitgliedern. Auf den Sportplätzen werden sie mitunter pauschal für die Politik Israels verantwortlich gemacht. Das Fundament dafür sind Klischees, die über Jahrhunderte gewachsen sind, sagt Claudio Offenberg.

"Juden gleich Geld, gleich Macht, gleich Einfluss. Gerade wenn es um Spielerwechsel geht zwischen dem einen oder anderen Verein, da merkt man manchmal den Unterton nach dem Motto: na ja, die Forderung, die wir da stellen für den Spieler, der zu euch kommen will, das ist doch für euch ein Klacks. Das Wort Euch kommt dann immer ganz schnell. Wir haben von einem Spieler eines anderen Vereins, der dann später zu uns gewechselt war, mitgekriegt, dass vor dem Spiel gegen uns eine erhöhte Prämie ausgelobt worden ist. Das an sich ist ja schon skurril, aber das schlimmere ist, dass keiner von den Spielern oder vom Umfeld dieses Vereins nachgefragt hat: Warum? Anscheinend war es allen klar."

Der Antisemitismus hat sich gewandelt. Lange gingen Schmähungen vor allem von Rechtsextremen aus. Zum Beispiel 2006: Im Ost-Berliner Stadtteil Altglienicke beleidigten Neonazis die Gastspieler von Makkabi auf übelste Art. Doch seit vier, fünf Jahren kommen Anfeindungen zunehmend von muslimischen Spielern und Funktionären, sagt Claudio Offenberg. Zum Beispiel 2012, beim BSV Hürtürkel, einem Verein in Neukölln. Makkabi hat nicht nur jüdische Mitglieder, auch Muslime, Christen und Atheisten. Claudio Offenberg möchte nicht verallgemeinern. Die Mehrheit der muslimischen Gegner sei nicht antisemitisch, sondern offen und tolerant. Aber: Immer wieder müssen sich auch seine Spieler rechtfertigen. Claudio Offenberg:

"Wir haben ja auch türkische Spieler. Wie die dann von den türkischen Spielern mit muslimischem Glauben von der anderen Seite angefeindet wurden. Mit Ausdrücken wie: Ihr sollt euch ja schämen, bei den Saujuden zu spielen."

Zu beobachten ist der Antisemitismus im Fußball seit Anfang der achtziger Jahre. Im Umfeld des Berliner Vereins Hertha BSC wurde der Fanklub „Zyklon B" gegründet, in Anlehnung an das Massenvernichtungsgas der Nazis. Zu heftigen Schmähungen kam es 1996 bei einem Länderspiel zwischen Polen und Deutschland in Zabrze. Das Stadion, ehemals Adolf-Hitler-Kampfbahn, liegt sechzig Kilometer von Auschwitz entfernt. 2005 zeigten Cottbuser Fans im Stadion von Dresden ein Transparent mit der Aufschrift „Juden". Diese Beispiele zeigen: Im Profifußball bricht Judenfeindschaft aus, obwohl Juden als Gruppe gar nicht erkennbar sind. Der Berliner Sozialwissenschaftler und Fanforscher Gerd Dembowski hat sich intensiv mit dem Thema beschäftigt.

"Es ist ja interessant, dass mehrere Staatsanwaltschaften den Begriff Jude, Jude im Stadion nicht als Schimpfwort gewertet haben. Aber Jude wird als Schimpfwort gebraucht, weil da einerseits der gesamte historische Ballast der Geschichte drauf liegt, also der Geschichte der Juden in Deutschland. Und jetzt fragt man sich, wieso ein junger Fan das alles weiß. Das weiß er natürlich nicht. Er weiß nur das, was er in der Sozialisation mitkriegt, von seinen Eltern mitkriegt, in der Bildung mitkriegt, auch durch die Nachrichten mitkriegt. Der Kopf baut dadurch ein eigenes Puzzle zusammen. Und deswegen taugt es scheinbar immer noch als Abwertung. Jude als etwas, das nicht gewollt ist. Was kein Territorium haben darf. Zum Teil wird ja auch der Schiedsrichter in dieses Stigma reingedrückt. Der will uns nur sagen, was wir zu tun haben. Jude ist vielleicht sogar die älteste Beschimpfungsform im Fußball."

In den oberen Ligen ist die Stadionarchitektur moderner geworden. Verbände und Vereine positionieren sich. Fanprojekte leisten Prävention. Antisemitische Gesänge von tausenden Fans wie in den achtziger und neunziger Jahren gibt es heute nicht mehr. Doch die Abwertungsmuster bestehen fort - und äußern sich woanders. In Fankneipen, auf Bahnhöfen, in Sonderzügen. Der israelische Nationalspieler Itay Shechter wurde 2012 während einer Trainingseinheit von Fans antisemitisch beleidigt, er spielte damals für dem 1. FC Kaiserslautern. Zuschauer schritten vor Ort nicht ein, ein Fernsehteam machte den Fall öffentlich. Gerd Dembowski:

"Wenn man Leute dann antippt und sagt: Wieso ruft Ihr das? Dann sagen dir uns: Also wir rufen das nicht, weil wir Juden doof finden, sondern weil das hier schon immer gerufen wurde. Es gibt überhaupt keine Reflektion, also immer noch, dass man bei manchen Begriffen im Stadion einfach sein Hirn ausschaltet."

Diese diffuse Stimmung wollen auch rechtsextreme Gruppen für sich nutzen. So ließ die NPD Flugblätter vor dem Berliner Olympiastadion verteilen. Als Zeichen gegen den Bau des Holocaust-Mahnmals am Brandenburger Tor und für eine neue Fußballarena. Vor der WM 2006 fand die NPD freundliche Worte für Mahmud Ahmadinedschad. Der damalige Präsident des WM-Teilnehmers Iran ist ein bekennender Israel-Feind.

In vielen deutschen Städten gab es zuletzt Demonstrationen gegen Israels Militärpolitik, zu hören waren auch antisemitische Parolen. Die neue Fußballsaison hat noch nicht begonnen. Wie sollen die 21 Landesverbände auf mögliche Auswirkungen reagieren? Gerd Liesegang ist Vizepräsident des Berliner Fußball-Verbandes.

"Und das fand ich so spannend gerade in der letzten Woche rund um die Demonstrationen, wie auch der Regierende Bürgermeister auch von unserer Polizei mehr verlangte, Flagge zu zeigen und drauf zu achten. Selbst staatliche Organe sind nicht vorbereitet auf solche Dinge, die hören auch ganz schnell weg. Und natürlich muss man sehen: Was werden für Worte geäußert? Welche Gestik kommt da rüber am Spielfeldrand? Oder welche Dinge spielen sich auf dem Platz mitunter ab? Wo wir uns manchmal überfordert fühlen. Und da können wir von ehrenamtlichen Sportrichtern und Ansetzern nicht verlangen, dass wir das können, wo die Polizei erstmal Nachholbedarf hat."

Etwa 500 Freundschaftsspiele finden nun wöchentlich in Berlin statt. Der Verband schickt erfahrene Schiedsrichter zu brisanten Spielen. Er arbeitet mit dem Staatsschutz zusammen, auch mit der Polizei und zivilgesellschaftlichen Projekten. Auch dieses Netzwerk gibt jüdischen Sportlern keine Sicherheitsgarantie. Mehrmals am Tag schaut eine Polizeistreife auf dem Vereinsgelände von Makkabi vorbei. Das ist Alltag, auch ohne Eskalation im Nahen Osten.

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