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StartseiteKommentare und Themen der WocheWacklige Freundschaft mit Israel21.04.2018

Antisemitismus in Deutschland Wacklige Freundschaft mit Israel

Bei den Feiern zur 70-jährigen Staatsgründung könne Israel auf uns als Gäste vermutlich verzichten, meint Sabine Adler. Denn Deutschland gehe windelweich mit dem grassierenden Antisemitismus um: hohle Phrasen, bürokratische Reaktionen, sogar Verständnis statt klarer Positionierung, deutlicher Ablehnung, Ahndung.

Von Sabine Adler

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Eine Demonstration zum Jewish Holocaust Memorial Day am 27. April 2017 (imago/ZUMA Press)
Wahre Freundschaft ist eine langsam wachsende Pflanze, kommentiert Sabine Adler (imago/ZUMA Press)
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Rap-Musiker, die ausgerechnet die schwächsten in der Menschheitsgeschichte, die Holocaust-Opfer, verhöhnen, verkaufen ihre Titel nicht nur bestens in Deutschland, sondern werden sogar noch geehrt. Die Musikerszene, die Gesellschaft, braucht Ewigkeiten, sich von diesen sogenannten Künstlern zu distanzieren.

Ein 21-Jähriger wird im Berliner Szenebezirk Prenzlauer Berg mit einem Gürtel verprügelt, weil er auf der Straße die Kippa trug. Eine Szene, die sich 1933 genauso hätte zutragen können. Der Täter soll Muslim gewesen sein. Welche Rechtfertigung soll es für einen Jugendlichen mit islamischem Glauben und oder arabischen Wurzeln geben, dass er auf offener Straße ohne jeden Anlass auf einen Mann einprügeln kann, weil er ihn für einen Juden hielt? Weil es auch Übergriffe auf Muslime gibt?

Seit wann darf man ein Haus anzünden, weil das Nachbarhaus schon brennt? Weil Israels Politik Unwillen erregt? Dann müssten Polen, Russen, Franzosen, Spanier, Amerikaner auch auf offener Straße angegriffen werden, wenn uns deren Politik nicht passt. Dann müssten diese sogenannten Musiker über sie ebenso ekelerregendes Zeug reimen. Damit kein Missverständnis aufkommt: Das war keine Aufforderung, sondern eine Überlegung, die diese krude Argumentation fortführt.

Zur Nazi-Zeit

Aus der Nazi-Zeit wissen wir, dass Bürgern mit organisierten, gezielten Grenzübertretungen ihr Gerechtigkeitsempfinden und Mitgefühl abtrainiert wurde, dass sie sich an den Anblick gewöhnen sollten, dass Schwache von Starken gedemütigt werden. So wurde eine Gesellschaft terrorisiert. Aus sicherer Entfernung schauten die einen zu, wie die anderen drangsaliert wurden. Das wirkte wie eine Versicherung, solange jene dran waren, blieb man selbst verschont. Allerdings nur vorläufig, wie der Pfarrer Martin Niemöller damals anmerkte:

"Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist. Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat. Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte."

Diskriminierung korrumpiert – diejenigen, die bevorzugt werden. Gegenüber den Erniedrigten können sie sich selbst umso höherwertig fühlen.

Keine klare Positionierung

Israel, das seinen 70. Geburtstag in diesen Tagen feiert, kann auf solche Gäste wie uns derzeit vermutlich eher verzichten. Deutschland geht windelweich mit dem grassierenden Antisemitismus um. Hohle Phrasen, bürokratische Reaktionen, sogar Verständnis, wie seinerzeit bei den sogenannten Ehrenmorden, statt klare Positionierung, deutliche Ablehnung, Ahndung. Ein einziges Herumdrucksen, weil es an Israel ja so viel zu kritisieren gebe.

Es mag sein, dass die Israelis in ihrer Verteidigungsbereitschaft oft über das Ziel hinausschießen. Nur stehen sie in jedem Moment ihres Alltags vor der Frage: Leben oder Tod? Auf diese Frage müssen wir in Deutschland so wenig antworten, wie man uns das Existenzrecht verwehrt.

Die streitlustige israelische Gesellschaft misst sich bis heute an ihren hohen Ansprüchen, mit der sie ihren Staat 1948 gegründet hat. Und erkennt selbst am allerbesten, dass sie vielen nicht gerecht wird. Aber das einzige demokratische Land, das wie eine Festung inmitten von arabischen Autokratien steht, hört nicht auf, um seine Ideale zu ringen.

Umgang mit unserer Geschichte

Dass Juden Deutschen überhaupt wieder über den Weg trauen, verdanken wir einem Vertrauensvorschuss, der nach dem Holocaust eher erstaunlich, als selbstverständlich war, der aber zu tun hatte mit der eindeutigen Positionierung deutscher Bundesregierungen an der Seite Israels und mit dem Umgang mit unserer Geschichte, aus der wir doch lernen wollten.

Wahre Freundschaft ist eine langsam wachsende Pflanze, für einen Freund steht man ein, duckt sich nicht weg.  

Sabine Adler (©Deutschlandradio / Bettina Straub )Sabine Adler (©Deutschlandradio / Bettina Straub )Sabine Adler, Journalistin und Buchautorin. Journalistik-Studium Universität Leipzig, danach Sender Magdeburg, radio ffn, Deutsche Welle. Seit 1997 beim Deutschlandradio, u.a. als Russland-Korrespondentin, Leiterin des Hauptstadtstudios. 2011-2012  Leiterin Presse und Kommunikation Deutscher Bundestag. Derzeit Osteuropa-Korrespondentin.

  

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