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StartseiteInformationen am MorgenDie dunkle Seite der britischen Hauptstadt08.01.2016

Antisemitismus in LondonDie dunkle Seite der britischen Hauptstadt

London wird von internationalen Touristen für seine kulturelle Vielfalt gepriesen. Aber es gibt auch Seiten fernab der Weltoffenheit: antisemitische Übergriffe. Die Vorfälle reichen von Hakenkreuz-Schmierereien über Pöbeleien bis hin zu gewaltsamen Überfällen. In einigen Wochen wollen sich Bundestag und britisches Unterhaus auf einer Konferenz über Probleme mit Rassenhass und Antisemitismus austauschen.

Von Friedbert Meurer

Ein orthodoxer Jude läuft telefonierend an der Ahavas Torah Synagoge in Stamford Hill im Norden Londons vorbei. (afp / Niklas Halle'n)
Im Londoner Stadtteil Hackney leben 30 000 orthodoxe Juden. (afp / Niklas Halle'n)
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Wenn man durch das Bürofenster der Vizepräsidentin des britischen Unterhauses Natascha Engel nach draußen schaut, sieht man das weltoffene London direkt vor sich. Gegenüber auf der anderen Themse-Seite dreht das London-Eye seine Runden, über die Westminster Bridge strömen die Touristen aus aller Welt zwischen Riesenrad, den Houses of Parliament und Big Ben hin und her. Aber das für seine kulturelle Vielfalt gepriesene London hat auch seine anderen Seiten. Natascha Engel, eine gebürtige Berlinerin und jetzt Deputy Speaker im Parlament, kennt die neuesten Zahlen antisemitischer Übergriffe in London und Großbritannien von Scotland Yard. "Nicht nur haben sich die Zahlen verdoppelt, sondern es ist das erste Mal seit wer weiß wie lange, dass es über tausend Vorfälle gewesen wären. Das ist das erste Mal in einem Jahr. Und deswegen müssen wir etwas machen."

Antisemitismus gibt es auch in Großbritannien

Die Vorfälle reichen von Hakenkreuz-Schmierereien, Anpöbeln jüdischer Schüler, rassistischen Beleidigungen bis hin zu gewaltsamen Überfällen. Im Londoner Stadtteil Hackney leben 30.000 orthodoxe Juden, alleine hier wird jeden dritten Tag ein polizeilich relevanter Vorfall registriert. Antisemitismus gibt es also auch in Großbritannien – und er suche im Nahostkonflikt oft einen Vorwand. "Was in Israel und Palästina passiert, dass das irgendwie mit der jüdischen Community hier in London zu tun haben soll. Leute erkennen vielleicht nicht, wie schädlich das sein kann."

Die orthodoxen jüdischen Gemeinden haben in Hackney eine eigene Bürgerwehr gegründet – sie arbeitet eng mit der Londoner Polizei zusammen. Sogenannte Hate Crimes, Verbrechen aus Rassenhass, treffen inzwischen immer mehr Minderheiten in Großbritannien. Bundestags-Vizepräsidentin Petra Pau von der Linken sieht Rassenfeindlichkeit und Antisemtismus nicht nur bei Rechtsradikalen. "Es gibt auch antisemitische Handlungen von Leuten, die sich selbst als links verorten würden, die ausgeübt werden oder auch debattiert wird. Ich erinnere an Auseinandersetzungen rund um Finanzen und Wirtschaftskrise, wo auch antisemitische Vorurteile und Klischees z.B. aus gewerkschaftlichen Räumen hervorgebracht wurden."

Zusätzliche Brisanz durch Übergriffe in Köln?

Petra Pau und Natascha Engel, die beiden Vize-Präsidentinnen von Bundestag und Unterhaus, haben sich auch über die Flüchtlingskrise in Europa unterhalten. Die Labour-Politikerin Engel warf Premierminister David Cameron zu Beginn der Krise vor, zu wenige Flüchtlinge aufzunehmen. Ihre deutsche Kollegin Petra Pau spricht – nach den Vorfällen von Köln – aktuelle Sorgen deutscher Juden an. "Ich weiß, dass es auch in der jüdischen Community in der Bundesrepublik Befürchtungen gibt, dass beispielsweise über die zu uns kommenden Flüchtlinge, die vielen Flüchtlinge, gegebenenfalls auch antisemitische Vorfälle ansteigen. Aber aus meiner Sicht gibt es keine Anzeichen dafür, dass es deshalb für Jüdinnen und Juden in der Bundesrepublik in irgendeiner Weise bedrohlicher oder gefährlicher würde."

Diese Sorge dürfte also bei der internationalen Konferenz in Berlin im März zur Sprache kommen. Rassenhass und Antisemitismus, meint Natascha Engel, seien zum globalen Problem geworden. Auch die Polizeiarbeit in den verschiedenen Ländern soll miteinander verglichen werden. Mit den Übergriffen am Kölner Hauptbahnhof könnte dieses Thema zusätzliche Brisanz erfahren.

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