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Antriebsfeder Angst

Thomas Glavinic: "Das Leben der Wünsche". Hanser Verlag

Der Autor Thomas Glavinic nennt Angst und deren Umwandlung in positive Energien als Motivation für sein Schreiben. Und so leidet auch sein neuer Protagonist Jonas unter der Furcht, sich etwas wünschen zu können, was er sich nicht wünschen sollte.

Von Günter Kaindlstorfer

Wenn sich alle Wünsche erfüllen, erfüllen sich auch die schlechten. (AP)
Wenn sich alle Wünsche erfüllen, erfüllen sich auch die schlechten. (AP)

Wie schon in seinem Erfolgsroman "Die Arbeit der Nacht" entwirft Thomas Glavinic auch diesmal eine ins märchenhaft Düstere hinüberspielende Versuchsanordnung. Glavinics Protagonist Jonas – verheiratet, zwei Kinder, eine Geliebte – arbeitet als mäßig inspirierter Angestellter einer mäßig glamourösen Werbeagentur. Eines Tages in der Mittagspause erscheint diesem Jedermann unserer Tage ein schlecht gekleideter Typ, der ihm die Erfüllung dreier Wünsche in Aussicht stellt. Jonas, bauernschlau, erklärt, er wünsche sich die Erfüllung aller Wünsche. Und dann, als er den schlecht rasierten Kerl mit der spiegelnden Sonnenbrille längst vergessen hat, geschehen plötzlich seltsame Dinge in seinem Leben. Jonas' Aktien steigen überraschend im Wert. Sein Sohn Chris, der ein Kleinwüchsigkeitsproblem hat, wird plötzlich um vier Zentimeter größer. Und dann sieht der Werbetexter, der unter unterschwelligen Aggressionen zu leiden scheint, während einer Live-Übertragung im Fernsehen, wie eine vollbesetzte Seilbahngondel abstürzt, obwohl er sich doch gerade die Rettung der Insassen gewünscht hat. Thomas Glavinic erklärt das Prinzip seines psychoanalytischen Märchenromans:

"Jonas wird ja in Aussicht gestellt, dass sich nun alle seine Wünsche erfüllen, und er versteht das Prinzip dahinter nicht. Er glaubt, es wird sich alles erfüllen, was er will, aber das ist eben nicht der Fall: Es erfüllt sich alles, was er sich wünscht. Das schließt die unbewussten Wünsche ein. Ich glaube, das wäre für alle von uns ziemlich verheerend: Ich gehe davon aus, dass wir alle einiges an dunklen und an nicht ganz so freundlichen Wünschen in uns vergraben haben."

Das trifft auch auf Glavinics Protagonisten zu. Denn eigentlich ist er ja glücklich, na sagen wir: halbglücklich verheiratet. Allerdings: So richtig aus sich heraus geht Jonas vor allem im Bett mit seiner Geliebten Marie. Als er eines Tages – sehr zu seinem Entsetzen - seine Ehefrau tot in der Badewanne findet, beginnt sich Jonas des sonderbaren Fremden zu erinnern. Könnte es sein, dass seine geheimsten Wünsche ein unheimliches Eigenleben zu führen beginnen? Wäre es denkbar, dass gewisse Sehnsüchte, die aus den Tiefen seines Unbewussten emporsteigen, plötzlich realen Schrecken verbreiten?

"Bei der 'Arbeit der Nacht' und beim 'Leben der Wünsche' arbeite ich ja bestimmte Motive heraus, die natürlich in meinem Leben eine wesentliche Rolle spielen. Es geht um Angst, um Einsamkeit und um Liebe. Diese Motive sind in der 'Arbeit der Nacht' sehr zentral, und sie sind jetzt im 'Leben der Wünsche' sehr zentral. Wobei jetzt die Liebe wahrscheinlich ein bisschen mehr im Vordergrund steht als in 'Arbeit der Nacht'. Aber dieser Jonas funktioniert über seine dunkle Seite. Ich hab natürlich auch eine dunkle Seite, aber zum Glück nicht nur. Bei ihm kann ich ja fast nur diese dunklen Seiten zeigen."

Thomas Glavinic wirft in seinem inzwischen siebten Roman die Frage auf, wie wünschenswert das eigentlich wäre: dass alle unsere Wünsche in Erfüllung gehen. Seine Antwort: nicht sehr. Denn auch Glavinic weiß, was Büchners Woyzeck schon vor ihm wusste: Der Mensch ist ein Abgrund, es schwindelt einen undsoweiter.

"Ich glaube jedenfalls auch, und das geht vielleicht aus dem Roman hervor, dass wir nicht sicher sein können, was in uns steckt. Und dass wir uns unserer dunklen Seiten meistens nicht bewusst sind. Ich persönlich glaube ja, dass es günstig ist, über diese dunklen Seiten möglichst viel Bescheid zu wissen, weil man sie dann besser kontrollieren kann. Aber vielleicht ist das auch nur eine Illusion, keine Ahnung."

Thomas Glavinic ist ein Meister der Masken. Die formale und inhaltliche Wandlungsfähigkeit des 37-jährigen Österreichers grenzt fast schon ans Charakterlose. In seinem Roman "Der Kameramörder" hat Glavinic als Thrillerautor reüssiert. In "Wie man leben soll" hat er die Lebenshilfe-Ratgeber-Literatur persifliert. In "Die Arbeit der Nacht" präsentierte er sich als versierter, wenngleich ein wenig langatmiger Apokalytiker, in "Das bin, doch ich" gab er die humoristische Stimmungskanone. Und jetzt, in "Das Leben der Träume", führt uns Glavinic in ein literarisches Spiegelkabinett von verwirrender Tiefendimension.

"Ich weiß nicht, wie es anderen Schriftstellern geht, aber ich habe das Unglück, immer meine Hauptfigur sein zu müssen. Wenn man über einen Mörder schreibt, ist das sehr unangenehm. Diesmal war es erträglicher als in früheren Büchern. Natürlich ist das Teil meiner Arbeit, dass ich mich so in meine Figuren hineinversetze, dass ich in ihnen aufgehe, so wie sie aus mir kommen. Das sind ja alles Seiten von mir selbst, abgelegte oder überwundene Ichs."

Aufs erste Hinlesen scheint Thomas Glavinic die Kunst der schnörkellosen Sachlichkeit zu beherrschen. Er tut, als wäre er Realist. Je weiter indes die Romanhandlung voranschreitet, umso poetischere Züge nimmt Glavinics Realismus an, bis der Leser schlussendlich zwischen Traum und Wirklichkeit nicht mehr zu unterscheiden weiß.

"In erster Linie geht es mir darum zu zeigen, wie Menschen sind, und was mit Menschen passieren kann – im Wirklichen und auch im Unwirklichen."

Er lasse sich bei der Arbeit an seinen Texten nicht nur, aber auch von unbewussten Impulsen leiten, erklärt Thomas Glavinic.

"Ich weiß überhaupt relativ wenig darüber, wie das Schreiben sich in mir entwickelt, und wie es zu Entscheidungsprozessen kommt. Es ist dann einfach da."

Und so kann Glavinic keine stichhaltigen Auskünfte darüber geben, wie er zu den Themen seiner Bücher kommt.

"Also, ich kann mir keine Romane ausdenken, die müssen zu mir kommen. Oder wie Peter Handke das ausgedrückt hat: Man wird angeweht. Ein schöner Ausdruck dafür. Es ist etwas, das kommt. Ich bin allerdings nicht davon überzeugt, dass es aus mir kommt. Wahrscheinlich schon. Ich fühle mich manchmal auch als Medium."

Als Medium, das vor allem von einem Gefühl umgetrieben wird.

"Angst vermutlich. Ja. Angst vor vielem. Und diese Angst muss ich umwandeln in möglichst positive Energien. Und das geht am Schreibtisch am besten."

Mit "Das Leben der Wünsche" hat Thomas Glavinic einen solide gearbeiteten Roman vorgelegt, einen Roman, der kunstvoll die Balance hält zwischen routiniertem Realismus und surrealem Traumspiel.

Thomas Glavinic: "Das Leben der Wünsche", Roman,
Hanser-Verlag, München, 320 Seiten, EUR 21,50

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