Freitag, 24.11.2017
StartseiteKommentare und Themen der WocheVertrauen wurde verspielt13.11.2017

Apotheker-Prozess in BottropVertrauen wurde verspielt

In über 60.000 Fällen soll ein Bottroper Apotheker Krebsmedikamente gestreckt haben. Imbissbudenbesitzern werde von den Behörden strenger auf die Finger geschaut als Apothekern, kommentiert Sebastian Auer. Das sei ein Skandal. Der Druck müsse verschärft werden.

Von Sebastian Auer

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Der wegen der Herstellung gepanschter Krebsmedikamente angeklagte Bottroper Apotheker (Mitte) wird am 13.11. in den Verhandlungssaal des Landgerichts Essen geführt. Der Angeklagte wurde aus persönlichkeitsrechtlichen Gründen unkenntlich gemacht (picture alliance / Rolf Vennenbernd/dpa)
Der wegen der Herstellung gepanschter Krebsmedikamente angeklagte Bottroper Apotheker (Mitte) im Verhandlungssaal des Landgerichts Essen (picture alliance / Rolf Vennenbernd/dpa)
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Egal wie das Verfahren ausgehen wird, eines ist in den vergangenen Monaten deutlich geworden: Die Kontrolle von Apotheken muss verschärft werden. Da soll der Bottroper Apotheker jahrelang Medikamente für todkranke Krebspatienten gestreckt haben und nichts ist passiert. Wie kann das sein? Wer bei den Gesundheitsämtern der Städte nachfragt, bekommt die Antwort: Eine Apotheke, die solch sensible und individuell zubereitete Medikamente herstellt, wird im Schnitt alle drei Jahre kontrolliert - nach vorheriger Ankündigung.

Das ist der Skandal. Einem Imbissbudenbesitzer wird strenger auf die Finger geschaut. Erschreckend: Schon 2013 gab es Hinweise, dass der Bottroper Apotheker Medikamente strecken könnte. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft wurden damals aber eingestellt. Unter anderem, weil ein Zeuge seine Aussage widerrufen hatte. Und die Stadt Bottrop hat seinerzeit bei einer Kontrolle eklatante Hygienemängel im Labor des Apothekers festgestellt. Im sogenannten Reinraumlabor soll der Apotheker in Straßenkleidung gearbeitet haben. Sogar sein Hund sei manchmal mit im Raum gewesen. Konsequenzen: Fehlanzeige.

Umfassende Änderungen verordnet

Nachdem das nun alles bekannt ist, hat der NRW-Gesundheitsminister umfassende Änderungen verordnet: Mehr Kontrollen- häufiger unangekündigt, zubereitete Medikamente sollen auf ihre Zusammensetzung untersucht werden. Ergebnisse sollen im Internet für alle sichtbar veröffentlicht werden. Richtig so, der Druck auf die Apotheken muss verschärft werden. Auch wenn der Bottroper Fall, sollte er sich bestätigen, ein Einzelfall ist. Die angekündigten Konsequenzen aus der Politik können nur ein erster kleiner Schritt sein. Denn diese Regeln gelten zunächst nur für Nordrhein-Westfalen. Der Bottroper Apotheker hat aber seine Medikamente in sechs Bundesländer geliefert. Höchste Zeit also, dass die Apothekenkontrolle bundesweit einheitlich geregelt wird.

Aufarbeitung ist vielfach schief gelaufen

Die Gesundheitsminister der Länder müssen darauf drängen, dass sich die zukünftige Bundesregierung mit dem Thema beschäftigt und in ganz Deutschland strengere Kontrollen für Apotheken gelten. Und noch etwas ist in den vergangenen Monaten gründlich schief gelaufen: Die Art und Weise, wie die mutmaßlich betroffenen Patienten informiert wurden. In den meisten Fällen mussten sie sich nämlich selbst drum kümmern. Bei der Stadt Bottrop anrufen, ihre behandelnden Ärzte fragen, um jede Information kämpfen. Das hätte anders laufen müssen: Krebspatienten hätten erwarten können, dass sie von ihren Ärzten angesprochen werden. Die belieferten Ärzte ihnen erklären, dass da ein Verdacht besteht, dass ihre Medikamente gestreckt sein könnten. Dass sich das aber nicht mit absoluter Sicherheit sagen ließe. Stattdessen berichten viele Krebspatienten, dass niemand auf sie zugekommen sei. Die Aufarbeitung des Bottroper Apothekerskandals ist vielfach schief gelaufen. Vertrauen wurde verspielt. Es wird dauern, bis das aufgearbeitet wurde.

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