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Arabische Vergangenheitsbewältigung

Eine Bilanz des Berliner Filmfestivals ALFILM

Von Frank Hessenland

Keines der gezeigten Werke ist ein Revolutionsfilm im eigentlichen Sinn.
Keines der gezeigten Werke ist ein Revolutionsfilm im eigentlichen Sinn. (Stock.XCHNG / Pawel Zawistowski)

Seit den Revolutionen in der arabischen Welt ist das Interesse für die künstlerische Produktion zwischen Nordafrika und dem Persischen Golf international stark gestiegen. Auf einem arabischen Filmfestival in Berlin wurden nun mehr als 40 Werke aus verschiedenen Genres präsentiert.

Dass Filmemacher als Menschen zu den progressiven Kräften einer Gesellschaft gehören wollen, ist das eine. Dass der Film als Kunstform eher gesellschaftlichen Veränderungen hinterherhinkt, ist die andere Erkenntnis, die auch vom diesjährigen arabischen Filmfest ALFILM in Berlin wieder einmal bestätigt wurde. 40 Produktionen präsentiert das Festival gut eineinhalb Jahre nach den Umstürzen in Tunesien und Ägypten. Keine davon ist ein Revolutionsfilm im eigentlichen Sinn, obwohl Filmemacher zu den ersten Aktivisten auf dem Tahrir-Platz gehörten. Der junge Filmemacher Sherif El Bendary beklagt die Situation:

"Die Revolution hat die ägyptische Filmwirtschaft überhaupt nicht verändert. Vielleicht kommt das noch in einigen Jahren. Im Moment aber sitzen die Produzenten auf ihrem Geld und machen es den jungen Filmemachern sehr schwer. Das große Geld – oft aus den reichen konservativen Golfstaaten - folgt der Politik und was die Politik angeht, weiß im Moment keiner, wohin die Reise geht. Somit werden wieder viele billige kommerzielle Soaps produziert. Es ist eine sehr schlechte Zeit für die junge Generation."

Dennoch zeigt das ALFILM-Festival sehenswerte Produktionen, die zwar nicht von den großen Medieninvestoren, aber von den Kulturstiftungen aus Dubai oder Katar mitfinanziert wurden. Arabische Vergangenheitsbewältigung leistet unter anderem der Eröffnungsfilm "Fidai" von Damien Ounouri aus Algerien. Er porträtiert einen alten Mann, der im Unabhängigkeitskrieg gegen Frankreich einen Mordbefehl erhielt, ausführte und sein Leben lang daran zu leiden hatte.

Auch "Onkel Nashat" von Asil Mansour aus Palästina dokumentiert einen verschwiegenen Mord. Sein Onkel wurde durch den Geheimdienst der Fatah getötet, die Tat verwischt und als Heldentod im Kampf gegen Israel dargestellt.

Mehr die Gegenwart beleuchtet die BBC-Dokumentation "Salafi" von Karim al Shenawi, über die freundlichen Salafisten von Salafi alCosta, einer ultrareligiösen Muslim-Organisation in Ägypten, die sogar Christen in ihre Reihen aufnimmt und die ärmsten Stadtteile Kairos missioniert, während andere Salafisten in den "Ungläubigen" nicht einmal Menschen erkennen können, geschweige denn demokratische Wahlen und religiöse Toleranz akzeptieren.

Den überall in der arabischen Welt ungelösten Gegensatz zwischen den Vorschriften der Scharia und den Werten einer freien Gesellschaft thematisiert die Dokumentation "Its all Libanon" von Wissam Charaf am eindrücklichsten. Charaf macht klar wie nah sich die finstere, islamistische, antisemitische Hisbollah und die freizügigste Disko-, Promenaden und Bordellkultur in einem arabischen Land wie Libanon kommen können. Die meist halbnackt als Femme Fatal auftretende Sängerin Haifa flirtet öffentlich Turbanträger Hassan Nasrallah wegen dessen "Charisma" an.

Im Gegenzug konzentriert sich der darauf, alles verderbte dieser Welt in Israel zu sehen und die Videos unter anderem von Haifa nicht zu kritisieren. Ein Widerspruch, der umso erstaunlicher ist, als dass die Zensur in allen arabischen Ländern sich ständig mit der zulässigen Länge der Beinkleider von Schauspielerinnen beim Film beschäftigt, wundert sich selbst Fahdi Abdelnour, stellvertretender Leiter des ALFILM-Festivals in Berlin.

"Eigentlich ist es schon krass, dass so eine Sängerin, die halbnackt auf dem Bett liegt und singt wird jeden Tag ausgestrahlt, keiner macht sich den Kopf drum, keiner beschwert sich, aber sobald eine solche Szene im Film kommt und das wird zum Beispiel im Fernsehen gezeigt, alle haben ein Problem damit. Die Nacktheit oder die körperliche Berührung von Mann und Frau, die ist viel weniger konservativ in Musikvideos als im Film heutzutage."

Auflösen können die Macher des ALFILM-Festivals die vielen Widersprüche, die sich in den unterschiedlichen Produktionen und Thematiken des in Spiel-, Dokumentar- und Experimentalfilme aufgegliederten Programms spiegeln natürlich nicht. Anreißen kann das Festival , dass mit nur minimalen Mitteln ausgestattet ist, enorm viele Thematiken. Darin liegt sein Verdienst.



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