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StartseiteCampus & KarriereArbeiten bis 6722.03.2007

Arbeiten bis 67

Arbeitsmedizinischer Kongress in Mainz

Die deutschen Arbeitsmediziner sehen die Rente mit 67 kritisch. Ob im Baugewerbe oder bei der Bundeswehr, in vielen Arbeitsbereichen beantworten die Fachleute die Frage, wie lange wir gesund arbeiten können, eindeutig mit der Aussage: Eigentlich in vielen Jobs nicht bis 67! Dennoch muss sich die Arbeitsmedizin in der betrieblichen Praxis nun mit dem neuen gesetzlichen Eintrittsalter auseinandersetzen.

Von Ludger Fittkau

Älterer Stahlarbeiter in einem Werk in Eisenhüttenstadt (AP Archiv)
Älterer Stahlarbeiter in einem Werk in Eisenhüttenstadt (AP Archiv)

" Wie können wir die Erwartung, dass wir bis 67 arbeiten sollen, wie können wir das praktisch umsetzen, wie können wir das abfangen?"

Diese Frage des Arbeitsmediziners Wolfgang Lochmann ist so etwas wie die Schlüsselfrage des diesjährigen Kongresses für Arbeits- und Umweltmedizin in Mainz. In vielen Branchen, so war von Betriebsärzten oder Fachleuten aus Berufsgenossenschaften zu hören, werden Arbeitnehmer auch künftig längst nicht das alte gesetzliche Rentenalter erreichen können.

Dr. Christof Draht, Arbeitsmediziner in der Bauwirtschaft, hält beispielsweise bei Dachdeckern, Zimmerleuten und Gerüstbauern die Rente erst mit 67 für vollkommen unrealistisch. Das höhere Rentenalter führe auf dem Bau zu einem Effekt, den die Arbeitsmediziner mit einem englischsprachigen Begriff beschreiben:

" Healthy worker-Effekt - das eigentlich nur die durchkommen, die eigentlich von ihrer Natur her so stark sind, das sie es packen, auch noch bis 60 oder 65 zu arbeiten, das durchschnittliche Berentungsalter bei uns im Bau liegt so bei 57 Jahren."

Sich bei schweren körperlichen Arbeiten bewusster zu bewegen und insgesamt einfach gesünder zu leben - viel mehr als diese allgemeinen Tipps können die Arbeitsmediziner den Bau- oder Stahlarbeitern zur Zeit nicht auf den verlängerten Berufsweg mitgeben.
Auf den ersten Blick war es überraschend, auch eine Frau in Luftwaffenuniform als Teilnehmerin eines arbeitsmedizinischen Kongresses anzutreffen. Doch Oberfeldarzt Dr. Beate Moritz vom Fliegerhorst in Nörvenich machte klar, warum die Frage, wie lange wir gesund arbeiten können, auch für die Bundeswehr ein wichtiges Thema ist:

"Also der sportliche Soldat mit 67 in Afghanistan, der wäre schon was für eine Karikatur, sicherlich gibt es Ausnahmen, aber es ist irgendwo auch nicht wünschenswert, dass man bis zum Eintritt ins offizielle Rentenalter körperlichen Belastungen und auch psychischem Stress ausgesetzt ist."

Und auch dem Lärm am Arbeitsplatz - nicht nur auf Luftwaffenstützpunkten ein Dauerthema, sondern genauso in Stahlwerken und anderen Industriebetrieben. Das ist längst ein Fall für die EU - die den Mitgliedsländern einen strengeren Umgang mit Lärmgrenzen verordnet hat. Die Arbeitsmediziner hierzulande müssen seit Jahresbeginn schon bei niedrigeren Lärmgrenzwerten aktiv werden, als bisher:

"Wir machen jetzt eben die Untersuchung Lärm 1 schon ab 85 DBA, was früher 90 war, da haben sich ja die Grenzen verschoben und ab 80 DBA haben wir eben Angebotsuntersuchungen."

Sagt eine Arbeitsmedizinerin aus Kaiserslautern, die ungenannt bleiben will. Denn mit mehr Investitionen in den Arbeitsschutz könnte auch die Gesundheitsbelastung der Beschäftigten reduziert werden, so sagt sie, aber aus Profitgründen unterblieben diese häufig.

Wie lange wir gesund arbeiten können, hängt künftig auch stark davor ab, wie lange wir zur Arbeit pendeln. Heinz Koch, Arbeitnehmervertreter bei der Berufsgenossenschaft der Hütten- und Walzwerke, brachte auf dem Kongress ein Beispiel aus seinem Wohnort Olpe im Sauerland:

"Ein großes Problem, das hatten wir heute morgen auch zum Thema, zum Beispiel Beschäftigte, die acht Stunden und auch teilweise länger arbeiten müssen, die haben ja heute über den Tarifvertrag hinaus unbezahlte Arbeitszeit. Teilweise fahren die aus dem Sauerland eine Stunde oder anderthalb Stunden mit dem Auto zur Arbeit, da wird das gerade für Ältere auch schwierig, egal, welcher Beruf das ist, aber man sagt ja: 100 Kilometer Anfahrtsweg ist heute normal."

Mit dem entsprechenden Verschleiß. Selbstkritisch stellten manche Arbeitsmediziner fest, dass sie sich im Vorfeld der Gesetzesdiskussion um die Rente mit 67 vielleicht nicht lautstark genug zu Wort gemeldet haben:

"Hätte man tun müssen, denke ich, nur der Staat in seiner heutigen Konstellation oder mit den Problemen der Finanzierung - man fragt da bestimmte Gruppen nicht oder zu spät. ( ... )

Die Politiker schenken uns keinen reinen Wein ein, das ist de facto eine Rentenkürzung die verkauft wird: Wegen des demografischen Wandels länger arbeiten."

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