• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 18:40 Uhr Hintergrund
StartseiteEuropa heuteDiplomatische Spannungen mal anders29.08.2014

Arbeiten im AuslandDiplomatische Spannungen mal anders

Neues Land, neue Kontakte, neue Kultur: Was nach einem aufregenden und abwechslungsreichen Diplomaten-Leben klingt, wird vor allem für die mitreisenden Ehepartner oft zum Problem. Da kann die fehlende Arbeitserlaubnis schnell mal zur Ehekrise werden.

Von Stefanie Müller-Frank

Ein Mann mit Anzug und Aktenkoffer wirft am 17.05.2013 in Berlin einen Schatten auf das Kopfsteinpflaster.  (Ole Spata / dpa)
Diplomaten müssen in der Regel alle drei Jahre umziehen. (Ole Spata / dpa)
Weiterführende Information

Gunter Pleuger - Spricht ein Diplomat auch mal Klartext? (Deutschlandradio Kultur, Im Gespräch, 28.08.2014)
Balkan-Konferenz - Vorbeugende Diplomatie neben akutem Krisenmanagement (Deutschlandfunk, Informationen am Morgen, 28.08.2014)

Es läutet zum Gottesdienst, Marc Blessing stößt die Kirchpforte auf. Der 46-Jährige ist Pfarrer der lutherischen Kirche in Genf - einer deutschen Gemeinde, zu der auch viele Expats und Diplomatenfamilien gehören. Als Seelsorger erfährt er von Krisen, über die sonst nicht offen gesprochen wird. Erst recht nicht in Diplomatenkreisen:

"Die Kinder orientieren sich relativ schnell. Aber für die Ehepartner ist es wirklich eine Herausforderung, sich zu verwurzeln. Und da gibt es dann durchaus auch Schwierigkeiten. Das macht man sich vielleicht vorher gar nicht so klar, bevor man geht."

Wenn er das mitbekommt, versucht der Pfarrer, die mitreisenden Partner für ehrenamtliche Aufgaben zu gewinnen und sie so in die Gemeindearbeit einzubinden. Denn für die Ehepartner von Diplomaten ist es oft schwierig, einen regulären Job zu finden. In einigen Ländern bekommen sie erst gar keine Arbeitserlaubnis - und selbst wenn sie theoretisch arbeiten dürften, fehlen oft Sprachkenntnisse, die landesspezifischen Abschlüsse, Kontakte.

"Es herrscht eine gewisse Sprachlosigkeit"

Auch Ilona Stoelken hat ihren Mann für einen Posten bei der UNO nach Genf begleitet. Sie selbst ist promovierte Historikerin, die drei Jahre ihrer letzten Station in New York hat sie genutzt, um ein Buch über die deutschen Auswanderer zu schreiben.
Hier in Genf steht sie wieder vor denselben Fragen, so privilegiert die für Außenstehende klingen mögen. Das ist der 51-Jährigen durchaus bewusst. Und dennoch:
"Wenn man weiß, man ist nur eine gewisse Zeit hier - und für uns in der Regel drei Jahre - fragt man sich natürlich immer: Wie sesshaft werde ich hier? Suche ich mir überhaupt einen Posten, eine Stellung? Versuche ich das? Lohnt sich das, mit den Anlaufschwierigkeiten? Mit den ganzen Mühen, wenn man möglicherweise eben nur ein, zwei Jahre diesem Beruf nachgehen kann? Oder versuche ich von Anfang an, etwas anderes zu machen."

Bei Empfängen, zu denen sie ihren Mann von Zeit zu Zeit begleitet, frage man aus Höflichkeit erst gar nicht nach ihrem Beruf, erzählt Ilona Stoelken.

"Es herrscht eine gewisse Sprachlosigkeit, dass viele diese Unsicherheit empfinden, dass sie doch letztlich keinen Job haben, über den Sie sich definieren. Und keiner von uns, glaube ich, möchte 2014 zurück geworfen werden auf das Dasein Hausfrau oder Mutter."

"Das ist richtig harte Arbeit"

Um das zu ändern, haben zwei Diplomatengattinnen im Frühjahr dieses Jahres ein Buch veröffentlicht, das beispielhaft solche Alltagssituationen durchdekliniert und konkrete Vorschläge macht. Denn bei Sinnfragen, meinen Susanne Reichardt und Anke Weidling, würden Privilegien auch nicht weiterhelfen.

"Ich denke, was Partner lernen sollten, die mitreisen, ist, eigentlich selbstbewusst zu sein und zu sagen: Das, was ich jetzt hier mache - und wenn es "nur" ist, mich hier einzuleben oder die Familie zu unterstützen - das ist auch was. Und das nicht als nichts zu sehen. Denn das ist richtig harte Arbeit."

Susanne Reichardt weiß, wovon sie spricht. Viermal ist die 55-Jährige ihrem Mann bereits ins Ausland gefolgt. Nach Honduras, Schweden, Brasilien und kürzlich auf einen Posten nach Australien.

Sie rät allen Mitreisenden, sich eine eigene Identität aufzubauen - ob das eine ehrenamtliche Tätigkeit ist oder eine berufliche Karriere. Vorausgesetzt, das Gastland erteilt eine Arbeitserlaubnis. Selbst in den USA sei das keine Selbstverständlichkeit, erzählt die Diplompsychologin und Mitautorin Anke Weidling.

"Ich hätte meinen Diplomatenstatus verloren. Und dadurch, dass wir für zwei Jahre in den USA waren und ich sozusagen mein Business kenne und weiß, wie lange das braucht, um es anläuft, war mir klar, dass sich das nicht lohnen würde. Ich bin zurückgeflogen nach Deutschland, um zu arbeiten."

Wenn einer auf der Strecke bleibt

Die gemeinnützige Organisation Permits Foundation setzt sich seit 2001 dafür ein, dass auch die mitreisenden Partner von Expats und Diplomaten eine Arbeitserlaubnis vor Ort erhalten. Das ist von Land zu Land unterschiedlich. Dürfen sie arbeiten, hilft das Auswärtige Amt seit kurzem auch bei der Jobsuche vor Ort. Damit die Entscheidung für die Diplomatenlaufbahn des Ehepartners nicht eines Tages infrage gestellt wird - auch wenn sie gemeinsam getroffen wurde wie bei Ilona Stoelken und ihrem Mann:

"Was nicht bedeutet, dass im Laufe der Jahre - und wir sind ja jetzt 20 Jahre dabei - nicht immer wieder Zweifel kommen und selbstverständlich kenne ich die Momente, in denen ich sage: Hätte ich das bloß nie gemacht. Denn es nagt schon an einem, dass einer im Prinzip dabei auf der Strecke bleibt beruflich."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk