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StartseiteKommentare und Themen der WocheZahlen bergen Gefahr der konjunkturellen Blindheit31.08.2017

ArbeitsmarktZahlen bergen Gefahr der konjunkturellen Blindheit

Seit der Wiedervereinigung war die Arbeitslosenzahl im August nicht so gering wie in diesem Jahr. Doch darauf dürfe sich die Politik nicht ausruhen, meint Volker Finthammer. Durch den dauerhaften Niedriglohnsektor sei keine langfristige Arbeitsmarktstabilität zu erreichen.

Von Volker Finthammer

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Logo der Bundesagentur für Arbeit mit Menschenmenge. (imago / Ralph Peters)
Mit 2,54 Millionen Arbeitslosen meldet die Bundesagentur für Arbeit die niedrigste August-Arbeitslosigkeit seit der Wiedervereinigung (imago / Ralph Peters)
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Besser können die Nachrichten aus Nürnberg in Wahlkampfzeiten gar nicht sein. Mit 2,54 Millionen Arbeitslosen meldet die Bundesagentur für Arbeit die niedrigste August-Arbeitslosigkeit seit der Wiedervereinigung. Das ist Wasser auf die Mühlen von Union und SPD. Arbeitsministerin Andrea Nahles spricht von einer guten Entwicklung, die auch in Zukunft weiter gehen werde und die Bundeskanzlerin verspricht sogar in der kommenden Legislaturperiode die Arbeitslosigkeit nochmals zu halbieren und zumindest die statistische Vollbeschäftigung für Deutschland zu erreichen.

Dabei hat ausgerechnet die Politik, die sich jetzt dieser Erfolge rühmt, in dieser Frage den geringsten Anteil an diesem Erfolg. Denn es ist allen voran die gute deutsche Exportkonjunktur in einem schwachen europäischen und weltwirtschaftlichen Umfeld, die den Arbeitsmarkt leerfegt, die nimmt wen sie kriegen kann, um die Produktionsspitzen in allen Bereichen auch ausfüllen zu können.

So gut das auf der einen Seite für die Beschäftigten, die Sozialkassen und nicht zuletzt die Steuereinnahmen des Staates ist. Die guten Zahlen bergen immer auch die Gefahr der konjunkturellen Blindheit in sich und zeigen, dass die Politik letztlich doch zu wenig tut, um diesen konjunkturellen Impuls zu unterstützen und zu verstetigen.

Staatlich geförderte Bildungsoffensive nötig

Über ein Thema wurde in dieser Woche bereits vor dem neuen Arbeitsmarktzahlen gesprochen: Der steigende Fachkräftemangel in Deutschland. Ohne ein qualifiziertes Einwanderungsgesetz, wird sich dieser Mangel kaum beheben lassen. Die Union hat sich lange dagegen gewehrt und verspricht jetzt ein eng gefasstes Fachkräfte-Zuwanderungsgesetz. Aber es reicht nicht, da nur auf ausländischen Fachkräfte zu schielen. Das wäre nur eine all zu einfache Lösung und ein Umgehungstatbestand für die drängenden arbeitsmarktpolitischen Probleme im Land.

Mit einem dauerhaften und breiten Niedriglohnsektor, wie er in Deutschland nahezu größer als in jedem anderen EU Land existiert, ist keine langfristige Arbeitsmarktstabilität zu erreichen. Das ist der Bereich wo hire und fire der Normalzustand ist und Jobs, die bei einem konjunkturellen Einbruch als erste wieder verloren gehen. Darunter sind auch viele Jobs die bei der absehbaren Digitalisierung der Arbeitswelt auf der Strecke bleiben werden. Wer den Arbeitsmarkt wirklich nachhaltig voranbringen will, kommt an einer staatlich geförderten Bildungsoffensive nicht vorbei, damit aus einfachen einmal besser bezahlte Jobs werden, die keiner so leicht in Frage stellen will.

Das Ganze gewinnt an Gewicht, wenn mit der zunehmenden Digitalisierung die permanente Weiterbildung immer wichtiger wird, um den Anschluss nicht zu verlieren. Vor diesem Hintergrund kann man wenigstens Arbeitsminister Andrea Nahles zugestehen, dass sie mit der Idee des Bildungskontos in die richtige Richtung denkt. Aber eigentlich müssten wir schon weiter sein. Die Politik versagt meist jedoch kläglich darin, pro Aktiv zu handeln, also die Dinge in Gang zu setzen, so lange die Kassen noch gut gefüllt sind.

Volker Finthammer (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Volker Finthammer (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Volker Finthammer, Jahrgang 1963, studierte Politik in Marburg und in Berlin. Nach der Wende erste Radioerfahrungen beim Deutschlandsender Kultur in Ostberlin. Seit 1994 beim Deutschlandradio. Redakteur im Ressort Politik und Hintergrund. Korrespondent im Hauptstadtstudio in Berlin und in Brüssel. CvD in der Chefredaktion von Deutschlandradio Kultur. Seit September 2016 wieder im Hauptstadtstudio in Berlin mit dem Schwerpunkt Wirtschafts- und Sozialpolitik.

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