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StartseiteForschung aktuellArbeitsteilung im Käferbau07.12.2011

Arbeitsteilung im Käferbau

Die ganze Käferfamilie hilft bei der Pilzzucht

Dass einige Insekten soziale Wesen sind, untereinander ihre Arbeit aufteilen und sich gemeinsam um Nachwuchs und Futter kümmern, ist schon lange bekannt. So gibt es Bienenvölker, Ameisenstaaten, und auch Wespen und Termiten sind gut organisiert. Dass jedoch auch Käfer eine komplexe Wohngemeinschaft bilden und sich die Arbeit teilen, haben Berner Forscher erst jetzt herausgefunden.

Von Sabine Goldhahn

Brutkammer in einem Stück einer abgestorbenen Buche: Sichtbar sind fünf adulte Ambrosiakäfer/Kleiner Holzbohrer (braun) und Dutzende von Larven. (Peter Biedermann / unibe.ch)
Brutkammer in einem Stück einer abgestorbenen Buche: Sichtbar sind fünf adulte Ambrosiakäfer/Kleiner Holzbohrer (braun) und Dutzende von Larven. (Peter Biedermann / unibe.ch)

Sie sind nur etwa zwei Millimeter groß und mit bloßem Auge kaum zu erkennen. Auch in der Natur würde man die winzigen schwarzen Käfer mit dem Namen Kleiner Holzbohrer eher übersehen, denn ihr Lebensraum ist im Kernholz von Obstbäumen. Das Einzige, was man vielleicht entdecken würde, sind ihre knapp millimeterbreiten Löcher und Gänge, die fast so aussehen wie bei einem Holzwurmbefall. Der unscheinbare Kleine Holzbohrer, den man auch als Ambrosiakäfer kennt, ist einzigartig im Käferreich. Peter Biedermann, Verhaltensökologe an der Universität Bern:

"Das sind Pilz züchtende Käfer, die das höchste Sozialverhalten haben, das man unter Käfern kennt."

Käfer und Pilze bilden eine stabile Lebensgemeinschaft. Während sich der Käfer ins Holz nagt, trägt er Pilzsporen an seinem Körper und bringt ihn so in neue Holzschichten. Dort streckt der Pilz seine Wurzeln aus, um frische Nährstoffe aufzunehmen. Damit bildet er Fruchtkörper, die wiederum der Ambrosiakäfer frisst. Peter Biedermann ist von den kleinen Pilzzüchtern so begeistert, dass er die Winzlinge schon seit fünf Jahren unter Laborbedingungen in ihrem Alltag beobachtet. Dafür hat er eine holzartige Mischung aus Sägespänen und Nährmedium in Hunderte nur zehn Zentimeter große, durchsichtige Plastikröhrchen abgefüllt und in jedes ein Käferweibchen gesetzt. Da die Käfer ihre Gänge im Holzsubstrat auch entlang der Innenwand der Röhrchen bohren, erkennt man sie sogar mit bloßem Auge. Das hellbraune Holzsubstrat ist durchzogen von kleinen geschlängelten Gängen, die sich verzweigen und in denen reges Leben herrscht.

"Und was man jetzt in den Gangsystemen sieht, sind zum Beispiel kleine weiße Larven, [die] sehen aus wie Maden, und dann noch kleine braune Käfer und kleine schwarze Käfer. Die schwarzen Käfer, das sind die ganz ausgewachsenen Tiere, braune Käfer sind gerade geschlüpfte Tiere und die Larven sind die juvenilen Stadien","

erklärt der Forscher. Beim Blick durch das Mikroskop sieht man das Familienleben im Käfernest noch genauer. Vorn am Eingang des Tunnelsystems sitzt ein ausgewachsenes schwarzes Weibchen, das den Bau vor Feinden und Parasiten schützt. Das ist fast immer die Familienälteste, die Käfermutter sozusagen. Sie hat das Nest gegründet und die Pilze mitgebracht, die als gelblich glänzende Schicht die Wände überwachsen.

""Die Käfer und die Larven müssen sich ständig gegenseitig putzen, damit die nicht überwachsen mit Pilzen und dabei sterben, außerdem muss der Ambrosiapilzrasen, der als Nahrung dient, auch ständig geputzt werden, damit da keine Schimmelpilze entstehen."

Denn Schimmel ist auch für Pilz und Käfer schädlich. Die Putzarbeit teilt sich die ganze Familie. Junge Weibchen und sogar die Larven. Nur die Männchen machen fast nichts.

"Was das ganz Besondere dabei war, ist, dass wir zum ersten Mal entdeckt haben, dass auch Larven soziale Verhaltensweisen übernehmen. Zum Beispiel bei Bienen, Wespen, Ameisen sind die Larven träge, also die müssen gefüttert werden, bei den Ambrosiakäfern ist das anders, da sind die Larven aktiv und beteiligen sich auch am Sozialverhalten in der Gruppe."

Hier versorgen quasi die Mütter mit den Töchtern gemeinsam ihre Brut und kümmern sich darum, dass immer genügend Pilze vorhanden sind und die Wachstumsbedingungen für Käferkinder und Pilze perfekt sind. Dazu gehört auch, dass Sauberkeit herrscht im Käfernest. Während sie sich nämlich durch das Holz fressen, um die Gänge zu erweitern, fallen Späne - die zusammen mit dem Kot der Tiere eine Menge Dreck bilden, der an den Gangwänden liegt und beseitigt werden muss.

"Tiere, die vorbeikommen, die bemerken das, und was wir herausgefunden haben, ist, dass Larven dann anfangen, diese einzelnen Stücke von Sägespänen und Fäzes zusammenballen zu größeren Ballen und dann übernehmen das erwachsene Tiere und oft sieht man mehrere in Kolonnen sitzen, die sich dann diese Bälle aus Kot und Sägespänen weiterreichen und am Ende dann aus dem Nest entfernen."

Putzkolonne und gemeinsame Brutpflege - das fortgeschrittene Sozialverhalten des Kleinen Holzbohrers ist offenbar eine Vorstufe zu anderen sozialen Insektengemeinschaften. Während sich jedoch bei Bienen oder Ameisen nur noch die Königin vermehren kann, sind im Käferstaat noch alle Mitglieder fortpflanzungsfähig. Wenn die jungen Weibchen erwachsen sind, wandern sie irgendwann aus und gründen ihr eigenes Nest.

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