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StartseiteSprechstundeArbeitswelt fördert Psychotraumata25.01.2011

Arbeitswelt fördert Psychotraumata

Seelische Verletzungen bislang unterschätzt

Seelische Verletzungen richten einen viel größeren Schaden an, als man bis vor Kurzem annahm. Zum Beispiel kamen im vergangenen Jahr schon fast 500 deutsche Soldaten traumatisiert aus Afghanistan zurück. Die erste internationale Fachtagung Psychotraumatologie hat sich mit dem Wissensstand und Heilungsmöglichkeiten beschäftigt.

Von Cajo Kutzbach

Der Arbeitsalltag meint es nicht immer gut mit einem. (AP)
Der Arbeitsalltag meint es nicht immer gut mit einem. (AP)

Das Wort "Kränkung" verrät schon, dass nicht nur körperliche, sondern auch seelische Verletzungen krank machen können. Aber weil kein Blut spritzt, werden Psychotraumata, so der Fachausdruck, bisher in ihren Auswirkungen meist unterschätzt. Der Karlsruher Therapeut Heribert Döring-Meijer erklärt, warum die Abgrenzung zwischen einer bloßen Enttäuschung und einer Kränkung schwierig ist.:

"Ich denke, dass die Grenzen sehr fließend sind. Ich glaube, dass Kränkung immer dann beginnt, wenn jemand selber nicht so intakt ist. Es ist ne Sache des Selbstwertgefühles auch, was für manche eine Kränkung ist, das stecken andere mit Links weg. Und deswegen man kann da gar keine Festschreibung machen."

So wie ein durchtrainierter Körper mehr aushält, ist ein Mensch mit einem gesunden Selbstwertgefühl weniger verletzlich, als ein Mensch voller Zweifel.

Psychotraumata können nicht nur dem Betroffenen und seiner Familie das Leben erschweren, sondern sogar noch Kindern und Enkeln, wie Enkel von Kriegsverbrechern, Flüchtlingen oder traumatisierten Soldaten belegen. Es würde also viel Leid erspart, wenn man seelische Verletzungen so früh wie möglich behandelt, oder noch besser vermeidet. Etwa in der Arbeitswelt, wo vieles schief läuft. Etwa für die Verkäuferin einer Kaufhauskette, in der ein Besitzerwechsel Ängste auslöst:

"Ich habe von der Verkäuferin gehört, dass sehr viel Unsicherheit im Haus sei und, dass es wieder dieses Fahrradfahren gäbe - nach unten treten, nach oben buckeln, weil keiner weiß, wer muss gehen, wer darf bleiben? Also welches Klima haben wir da im Haus? Das ist auch Trauma in Organisationen oder in Arbeitssystemen."

Es wäre also gut, wenn mehr darauf geachtet würde, dass jeder Menschen geachtet und in seinen Wert anerkennt wird. Die hohen Scheidungszahlen könnten deshalb auch darauf zurück zu führen sein, dass in der Arbeitswelt die Mitarbeiter zu oft verletzt werden:

"Das ist wohl so, und da ist mehr denn je Hauen und Stechen angesagt, leider, weil die Menschen einfach auch sehr verunsichert sind und nicht wirklich wissen, wo sie dran sind. Früher gab es, wenn ich an meine eigene Jugendzeit denke, Betriebskantine, Häuser, wo die Menschen versorgt wurden, Zechen hatten ihre eigenen Zechenhäuser, die Bergleute waren versorgt. Heute geht's eigentlich nur darum, schnell möglichst viel Geld zu verdienen. Und das macht kein gutes Betriebsklima!"

Das überträgt sich auf das Privatleben. Früher gaben Religion, Tradition und Familie Halt. Heute fällt es schwer, die verwirrend großen Freiräume sinnvoll zu füllen. Die Systemische Familientherapie betrachtet nicht nur den einzelnen Menschen mit seinem Leiden, sondern sein ganzes Umfeld. Heribert Döring-Meijer:

"Alle gehören dazu. Systemisch heißt einfach nicht nur das Familiensystem, das Arbeitssystem, sondern auch der Sportverein - warum mach ich denn diesen Sport. Also systemisch wäre das alles zu würdigen, anzuschauen und da gehören alle Teile dazu."

Kränkung und Krankheit, etwa ein Burn-out, sind so betrachtet nicht mehr nur die Schuld, oder Schwäche des Einzelnen sondern ein Versagen der Beziehungen zwischen den Menschen. Die Therapie besteht dann neben der Stärkung des Betroffenen auch darin diese Beziehungen zu klären und wieder in Ordnung zu bringen.

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