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StartseiteCampus & KarriereDurch Stellenstreichungen Kompetenzen verloren18.06.2015

ArchäologieDurch Stellenstreichungen Kompetenzen verloren

Seit Jahren wurde an den Hochschulen gerade bei vermeintlich kleinen Fächern wie Archäologie gespart. Die Zerstörung antiker Kulturgüter durch Islamisten etwa im Irak oder Syrien zeigt aber, wie wichtig das Wissen über diese Kulturen sein kann. Vielleicht deutet sich jetzt ein Umdenken an.

Von Henry Bernhard

Palmyra in Syrien (picture alliance / dpa / Dmitriy Vinogradov)
Erst der Verlust zeigt, wie wichtig das Wissen über alte Kulturen ist. (picture alliance / dpa / Dmitriy Vinogradov)
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250 Altertumsforscher tagen diese Woche in Erfurt, stilgerecht im historischen Augustinerkloster, an dem schon Martin Luther studierte. Doch gut gefüllte Vorträge, Sitzungen, Konferenzen und Empfänge können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Altertumsforscher immer weniger werden. In den letzten 20 Jahren hat sich die Anzahl der archäologischen Lehrstühle in Deutschland halbiert – auf nunmehr knapp 30. Grund genug für die Fachverbände, Alarm zu schlagen. Der Vorsitzende des West- und Süddeutschen Verbandes für Altertumsforschung, Alfried Wieczorek meint, bei der klassischen Archäologie würden sie immer weniger – aber das sei noch nicht das Schlimmste. Die ganz kleinen Fachrichtungen seien noch stärker bedroht.

"Wo in Deutschland finden sie noch die Numismatik, finden sie noch die christliche Archäologie, die vorderasiatische Archäologie, die Alt-Amerikanistik, die physische Anthropologie - alles Fachrichtungen, die in der Archäologie und unter archäologischen Fachrichtungen dazugehören. Alles kleine Fachrichtungen, die in der Regel von einer einzigen Person als Fachvertretung gehalten werden. Und wird dann diese Position frei, dann ist an den Unis sehr schnell die Frage da: Können wir das nicht einsparen? Wozu brauchen wir Papyrologie?"

In der Tat wurden bei den Einsparungsbemühungen der Länder in den letzten Jahren gern die sogenannten kleinen Fächer gleich ganz abgeschafft. Vor allem im Norden der Republik. So hat die Universität Greifswald in den letzten Jahren unter anderem die Christliche Archäologie und kirchliche Kunst, die Pommersche Geschichte und Landeskunde und die Ur- und Frühgeschichte eingespart. Jasper von Richthofen, Präsident des Mittel- und Ostdeutschen Verbandes für Altertumsforschung klagt: "Das ist natürlich insofern nicht so schön, als sich dort auch die Wertigkeit der jeweiligen Landesarchäologien dran widerspiegelt. Aus diesen Universitäten kommen natürlich auch dann diejenigen, die die Ausgrabungen in Mecklenburg-Vorpommern machen sollten, die sich vor Ort auskennen, die die regionalen Gegebenheiten gut kennen - die fallen dann eben einfach weg!"

Andere Lehrstühle hat Greifswald an die Universität Rostock abgegeben. Der Pressesprecher der Uni Greifswald, Jan Meßerschmidt. "Wir hatten ja auch die Diskussion im Haus: Was können wir tatsächlich noch erhalten, was können wir finanzieren? Und es geht letztendlich immer um das Geld. Klar: Wir vermissen das natürlich auch heute noch, aber so sind einfach Entwicklungen auch gewesen."

Die Kürzungen bei den Altertumsforschern vor allem im Norden waren aber keine Streichungen, sondern Umverteilungen - zugunsten der "großen" Fächer wie zum Beispiel Medizin. Aber die Aussicht auf Kosteneinsparungen sei kurzfristig gedacht, meint Alfried Wieczorek. Vermeintliche Orchideenfächer könnten ganz schnell wieder an praktischer Bedeutung gewinnen - etwa angesichts aktueller politischer Entwicklungen. "Im Moment merkt man, dass man zum Beispiel Vorderasiatische Archäologie, Papyrologie oder Assyriologie doch ein bisschen mehr braucht, denn der IS ist zur Zeit unterwegs - in Syrien, im Irak, und demnächst auch in anderen Ländern, im Libanon ist er auch schon aktiv. Überall dort geht Weltkulturerbe zugrunde, und wir müssen feststellen, dass wir letztlich viel zu wenig darüber wissen."

Verlorengegangene Kompetenzen wieder aufzubauen sei langwierig und sehr teuer. Es ginge darum, Wissen nicht nur für unsere Generation zu bewahren. Einen positiven Ansatz dafür sieht Wieczorek in Baden-Württemberg, wo die einzelne Universität nicht ohne Blick auf die anderen über die kleinen Fächer entscheidet. "Da hat es eine Kommission 'Kleine Fächer' gegeben, die ganz intensiv arbeitet und die Vorsorge trifft dafür, dass man tatsächlich in eine solche Falle, in eine solche Wissensfalle, nicht rein tritt. Und wir können nur hoffen und letztlich fordern, dass alle anderen Bundesländer sich einem solchen System anschließen und ebenfalls Kommissionen dafür bilden, dass in ihren Bundesländern diese Kompetenzen nicht gänzlich verloren gehen."

Ein kleiner Nachtrag: In Rostock wird die 1997 abgewickelte Ur- und Frühgeschichte im nächsten Jahr wieder mit einer Professur ausgestattet.

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