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Architektur der Sowjetmoderne

Eine Ausstellung im Wiener Architekturzentrum

Von Beatrix Novy

Lenin-Museum (jetzt Historisches Museum), 1984, Bischkek, Kirgistan
Lenin-Museum (jetzt Historisches Museum), 1984, Bischkek, Kirgistan (Simona Rota)

Das Architekturzentrum Wien untersucht die Architektur der nicht-russischen Sowjetrepubliken von den späten 50er-Jahren bis 1990. Mit der Ausstellung "Sowjetmoderne" widmet sich das Haus einem fast unbekannten Kapitel der Architekturgeschichte.

Eine gerasterte Glasfassade, von innen hell erleuchtet, denn es ist Abend; darüber das weit auskragende flache Dach, getragen von eckigen Stützen. Eine kurze Treppe führt von der Straße zu dem Gebäude, über dem die Mondsichel steht, an einem Himmel, der besonders weit zu sein scheint. Das kirgisische Theater in Bischkek von 1970 – eine zentralasiatische Remineszenz an Mies von der Rohes Nationalgalerie in Berlin, auch wenn das Dach eher nach Beton als nach Stahl aussieht, die Glasscheiben mit mäandernden Ornamenten geschmückt sind und das Ganze so elegant wirkt. Aber unübersehbar war die ihrem Begriff nach universalistische Moderne auch in den ferneren Sowjetrepubliken wirksam, was auch niemand bezweifeln konnte, unter ihrem Zeichen stand ja die Russische Revolution, als sie begann. Was unter anderem mit den russischen Konstruktivisten angefangen hatte, wollte allerdings Stalin dann nicht mehr haben und befahl klassizistische Traditionspflege.

Deshalb beginnt der Zeitraum, den das Wiener Architekturzentrum betrachtet, mit dem Jahr 1955 – nach Chrustschows Abrechnung mit Stalin und dem Stalinismus.

"Als sich dieser starke Bruch in der Architektur ergeben hat, und natürlich teilweise ein Rückgriff auf die erste Moderne stattfand, also Konstruktivismus, und viele Ideen wieder aufgegriffen wurden."

Alexandra Wachter, eine Kuratorin dieser Ausstellung, die jahrelange Recherchen auf einem weithin unbekannten Gebiet erforderte. Denn so selbstverständlich es war, dass im sowjetischen Riesenreich moderne Architektur entstand, so unbekannt war sie. Schon die Einteilung der Ausstellung muss sich in geografisch groben Rastern begnügen: Da ist das Baltikum, eine, wenn man genau hinschaut, historisch ungemein differenzierte Region, hier kann sie eine Zusammenfassung vertragen unter dem Aspekt der Europanähe und der Anlehnung an die skandinavische Architektur zu Sowjetzeiten. Schon weil die mitteleuropäisch geprägten Stadtzentren von Riga, Vilnius, Tallinn erhalten worden waren, was keineswegs selbstverständlich war, kamen russische Urlauber gern ins Baltikum, um sich wie "in Europa" zu fühlen.

Weißrussland und die Ukraine hingegen waren Russland historisch und kulturell, also auch architektonisch nahe. Dann die Kaukasusländer, Georgien, Armenien, Aserbaidschan: Sie hatten schon vor der Revolution an ihren Universitäten Architekten ausgebildet. Das war in den erst zu Sowjetzeiten gebildeten zentralasiatischen Ländern anders: Mindestens die erste Architektengeneration in den Kasachstan, Kirgistan usw., kam, gelockt mit Geld und guten Aussichten, aus Russland. Die noch von Stalin ausgegebene Parole "National in der Form, sozialistisch im Inhalt" bekam in den "Stans" erst in den 70er-Jahren Aufwind. Alexandra Wachter

"Ein Erstarken der Republiken, sie haben mehr Eigenständigkeit bekommen, mehr Entscheidungskraft, und dann haben die ersten Parteisekretäre eine große Rolle gespielt, die wollten sich ein Denkmal setzen und haben versucht, Einfluss auf die Architektur auszuüben."

Der Rückgriff auf regionale Bautraditionen, die Verbindung klimatischer und gesellschaftlicher Bedingungen mit dem Willen zur Modern, dazu wohl auch der Einfluss der eitlen Parteisekretäre prägt die Moderne der zentralasiatischen Länder bunter als woanders.

"Gerade in Zentralasien ist das Ornament ein Merkmal oder diese Schutzgitter, Pansara, die wurden auch im Wohnbau eingesetzt."

Kunstvoll durchbrochene oder ganz im Ornament aufgelöste Fassaden betonen das orientalische Erbe, gewagte Formen erinnern bisweilen an heutige Stararchitektur Monumentalismus und Formfantasie gehen schrägste Verbindungen ein, vor allem in den Bauten, die das gesellschaftliche Kollektiv zusammenbinden sollten, also der Hochzeitspalast, das Haus für politische Bildung, das repräsentative Restaurant, die Markthallen und – der Zirkus, der in allen Sowjetrepubliken seine feste Bleibe bekam. In allen 15 Republiken galten auch die Baunormen aus Moskau; ihre Regeln mussten überall angewandt werden. Trotzdem hält Alexandra Wachter es für einen Mythos, dass die Architekten, die zwischen 1955 und 1991 arbeiteten, nur die Ausführer vorgegebener Regeln waren:

"In jeder Region kann man bestimmte Architekten festmachen, die einflussreich und prägend waren. Es gab die sogenannten Meisterarchitekten. Und dieser Mythos, dass es keine Handschrift gab, dass Architekten nicht Autoren der Projekte waren, ja, die haben in Projektinstituten gearbeitet, die sehr groß waren, aber trotzdem gab's Autoren von Projekten."


Sowjetmoderne 1955 – 1991. Unbekannte Geschichten.
Ausstellung im Architektur-Zentrum Wien vom 8.11.12 bis 25.2.13

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