Interview / Archiv /

 

ARD-Korrespondent: Putins Ton ist deutlich verschärft

Thomas Roth weist Kritik an gekürzter Interviewfassung zurück

Thomas Roth im Gespräch mit Bettina Klein

Thomas Roth, Leiter des ARD-Fernsehstudios in Moskau
Thomas Roth, Leiter des ARD-Fernsehstudios in Moskau (AP)

Nach Kritik an einem gekürzten Interview mit dem russischen Ministerpräsidenten Wladimir Putin hat der verantwortliche ARD-Fernsehkorrepondent im russischen Hauptstadtstudio, Thomas Roth, Vorwürfe zurückgewiesen. Die Kurzfassung sei nach journalistischen Kriterien erstellt worden, betonte Roth. Das komplette Interview konnte beim WDR und bei tagesschau.de nachgehört werden. Inhaltlich sei nicht von der Hand zu weisen, dass der Ton Putins stark von Polemik geprägt gewesen sei.

Bettina Klein: Das erste, was im Krieg umkommt, das ist die Wahrheit. So lautet eine bekannte Binsenweisheit, die eigentlich eher als Warnung und als Mahnung zu journalistischer Sorgfalt verstanden wird. Das zweite, was auf der Strecke bleibt - so könnte man ebenfalls und auch noch mehr polemisierend behaupten -, das sind die Journalisten selbst, die sich jeweils von der einen oder anderen Konfliktpartei angreifen lassen müssen, auch wenn sie ihr Handwerk beherrschen und sich an die Grundregeln halten. Jüngstes Beispiel möglicherweise ein Interview, das die ARD mit Wladimir Putin geführt hat, am Freitag Abend zunächst in 10-Minuten-Fassung zeigte und erst gestern Morgen in einem dritten Fernsehprogramm in voller Länge ausstrahlte. Darauf haben viele Zuschauer mit E-Mails reagiert und reagiert hat auch der Kollege, der das Interview geführt hat und der uns jetzt aus Moskau zugeschaltet ist: Thomas Roth, ARD-Fernsehkorrespondent in der russischen Hauptstadt. Ich grüße Sie, Herr Roth.

Thomas Roth: Guten Morgen.

Klein: Sie haben in einem Rundschreiben im Internet thematisiert, dass viele E-Mail-Zuschriften Sie erreicht haben, die Ihnen unterstellten, Sie hätten das Interview unzulässig gekürzt. Wie ist der Eindruck entstanden nach Ihrer Wahrnehmung?

Roth: Ich muss sagen, ich kann das schwer nachvollziehen, wenn man sich mal ins Gedächtnis ruft, wie das alles zu Stande gekommen ist. Das ist zunächst einmal, wie Sie es richtig gesagt haben, schlicht und einfach auch journalistisches Handwerk. Wenn man ein solches Interview bekommt, dann bespricht man sich in dem Fall mit der russischen Seite. Das gilt aber auch für alle anderen Seiten, schon gar bei einem Ministerpräsidenten. Wir hatten besprochen, wenn dieses Interview nachrichtlichen Gehalt enthält, was ja zu vermuten war, dann berichten wir darüber in den Nachrichtensendungen der ARD, und die Programmplanung der ARD hat uns zehn Minuten zur Verfügung gestellt - uns heißt also mir als Korrespondent - für dieses Interview in einer Zusammenfassung. Das haben wir natürlich kommuniziert mit der russischen Seite. Das war für alle Beteiligten klar. Das ist allerdings auch wichtig, dass das für alle Beteiligten klar ist.

Das Zweite: Wir hatten, als wir gefragt worden sind, ob wir was dagegen hätten, dass russische Sender das Interview begleiten - es waren drei russische Sender, die das Interview mitgedreht hatten - gesagt, warum denn nicht. Ich habe nichts dagegen.

Ein weiterer, vielleicht letzter Punkt, nur damit man die faktische Grundlage auch hat. Wir hatten unmittelbar nach diesem Interview der Deutschen Presseagentur (dem Moskauer Büro) eine Audio-Variante des gesamten ungeschnittenen Interviews nach Moskau überspielt und die Kolleginnen und Kollegen haben dort ihre nachrichtliche Berichterstattung daraus dann auch bestritten. - Das muss man, glaube ich, alles wissen. Und insofern - Sie haben es richtig gesagt -, der Westdeutsche Rundfunk und übrigens, wenn ich es richtig weiß, auch der Bayerische Rundfunk (vielleicht sind möglicherweise noch andere Fernsehanstalten dazugekommen), leider im Moment noch nicht der Deutschlandfunk, haben dieses Interview dann in voller Länge ausgestrahlt. Es gibt auch eine Schriftfassung auf der Internet-Seite "tagesschau.de". Für mich ist das ganze, die Diskussion eigentlich eher Zeichen einer doch außerordentlich aufgeheizten Atmosphäre, auch selbst um solche Dinge, die das reine journalistische Handwerk betreffen.

Klein: Hat sich denn der WDR tatsächlich aufgrund des Zuschauerdrucks erst entschieden, das Interview dann in ganzer Länge zu senden?

Roth: Nein. Es war von Anfang an geplant, von uns jedenfalls, dass wir das Interview in ganzer Länge senden. Es war noch nicht klar, welcher Sender da zugreift. Der Westdeutsche Rundfunk hat sich entschlossen, wie gesagt so weit ich weiß auch der Bayerische Rundfunk, und das ist ja schon mal eine ganze Menge.

Klein: Aber erstaunlich war für manchen, dass die gesamte Fassung dann früh morgens um 6:20 Uhr im WDR-Fernsehen, also im dritten Programm lief. Wie kam es zu der Entscheidung? Es wäre ja auch denkbar gewesen, das bei Phönix oder auch im Ersten Deutschen Fernsehen laufen zu lassen.

Roth: Da überfragen Sie mich. Im Korrespondentenbüro entscheidet man solche Dinge nicht, sondern das entscheiden die jeweiligen Programmplanungen in den jeweiligen Landesrundfunkanstalten. Das ist bei uns so, wie es bei Ihnen auch der Fall ist. Mein Interesse ist natürlich immer, an möglichst prominenter Stelle im Programm zu sein. Das ist uns an diesem Freitag ja auch gelungen, wie ich finde. Aber es sind natürlich noch mehr Interessen, die ein solches Fernsehprogramm bestreiten. Da laufen Spielfilme, die nicht billig sind, Zuschauererwartungen. Da sind viele Dinge langfristig angekündigt. Die Zuschauer warten darauf. Insofern sind das sicherlich alles Kriterien, die die Programmplanung dann in dem Falle auch beeinflussen.

Klein: Nach welchen Kriterien, Herr Roth, haben Sie die Kurzfassung, diese 10 Minuten aus dem längeren Interview ausgewählt?

Roth: Nach den üblichen Kriterien, indem man sagt: was ist an diesem Abend das journalistisch Interessante? Was ist das journalistisch Neue, was die Zuschauer interessieren könnte, und was verzerrt insgesamt nicht den Inhalt des Interviews? Da waren viele Stellen drin, die wir an dem Abend leider nicht senden konnten. Wenn Sie sich die Langfassung zu Gemüte führen, werden Sie auch wissen, was ich meine. Aber wir haben uns darauf konzentriert, was nachrichtlich das Wichtigste sein könnte. Ich weiß nicht, ob zwei Journalisten dann jeweils die gleiche Variante wählen würden. Das ist die journalistische Freiheit und hoffentlich auch Kompetenz, daraus auszuwählen. Schauen Sie, das ist ähnlich, wie wenn Sie zu einer Pressekonferenz gehen, die eine Stunde, zwei Stunden oder vielleicht gar noch länger dauert, und am Ende dann darüber berichten. Dann werden Sie zwei, drei O-Töne auswählen, in der Hoffnung, dass Sie die richtigen treffen. Das ist da natürlich auch so, aber ich war deshalb dort auch ganz beruhigt, weil mir von Vornherein klar war, dass wir natürlich die Langfassung dieses Interviews auch senden werden. Insofern haben wir, glaube ich, wirklich das ganze Bild geliefert, im Fernsehen und im Internet. Mehr kann man, glaube ich, nicht tun.

Klein: Ich darf noch mal sagen: beide Fassungen des Interviews sind auf "tagesschau.de" nachzulesen. - Ich würde gerne mal meinen Eindruck schildern. In der Langfassung kommen schon einige Dinge vor, drastischere Aussagen wie noch mal Vorwürfe des Völkermordes von Putin an die Adresse Georgiens, Vergleiche mit dem Einmarsch der Amerikaner in den Irak. Verkürzt gesagt: Was Saddam Hussein dort gemacht hat war weniger schlimm, als was die Georgier taten. Dann noch mal der Vorwurf, ein bestimmtes politisches Lager in den USA hätte zu Gunsten ihres Kandidaten die Entwicklung provoziert. - Ich habe die Kurzfassung zumindest als gemäßigter empfunden, oder täuscht das?

Roth: Nein, das würde ich so nicht sagen. Was man übrigens nicht vergessen darf: So etwas geschieht unter außerordentlich großem Zeitdruck. Das Interview fand ja am Abend statt. Da hat man nicht allzu viel Zeit abzuwägen. Aber Sie haben völlig Recht: das sind so Stellen, die ich vorhin auch gemeint hatte, wo ich dachte, die müsste man unbedingt noch in die Kurzfassung reinbringen. Dann haben sie natürlich eine beschränkte Zeit. Aber Sie erwähnen das richtig. Was für mich das eigentlich Spannende an dem Interview war, war die direkt gesuchte Konfrontation - so habe ich das jedenfalls interpretiert; das tue ich bis heute - des russischen Ministerpräsidenten mit dem Weißen Haus in Amerika. Das heißt er sagt in dem Interview mehr oder weniger deutlich (eher deutlich), dass dieser Krieg im Weißen Haus angezettelt worden sei, um in dem Fall der regierenden Partei (also dem Präsidenten Bush und seinem von ihm erwünschten Nachfolger McCain) Popularität zu verschaffen. Das habe ich in dieser Direktheit bis dahin noch nicht gehört. Mein Eindruck ist, dass wir überhaupt mit dieser gesamten Georgien-Krise doch eine Bruchstelle vorliegen haben, eine erhebliche Verschärfung des Tons. Übrigens heute Morgen wird der russische Präsident Medwedew ja auch zitiert mit der Äußerung (ich glaube, es war im italienischen Fernsehen), wo er gesagt hat, Saakaschwili, der georgische Präsident, ist eine politische Leiche. Das ist schon als Kommunikation zwischen Staatschefs eine absolut neue Gangart und ich muss selbst sagen, dass mich das beunruhigt.

Klein: Herr Roth, ich würde an dieser Stelle vielleicht noch mal einen Gedankenstrich einfügen und ein Wort aufgreifen, was Sie genannt haben: "aufgeheizte Stimmung in diesem Konflikt". Was genau meinen Sie damit?

Roth: Ich glaube, die Diskussion um die Medien, die übrigens auch hier im russischen Fernsehen stattfindet, ist das eine. Das zweite ist in der Tat genau das, was ich meinte: ein Ton von Staatschef zu Staatschef, in dem Fall direkt oder indirekt, wie wir ihn so bisher nicht kannten. Das war bislang, glaube ich, doch noch stärker von Höflichkeit und weniger Polemik geprägt. Wir kennen das von Wladimir Putin. In den letzten Jahren kam immer wieder mal die eine oder andere sehr scharfe Äußerung, auch nicht unbedingt auf sprachlichem Niveau, das man von einem Präsidenten erwarten würde. Das hatte zum Teil umgangssprachliche Konnotationen, um es mal so zu sagen. Das ist eine neue Gangart, die, wie ich das wahrnehme, jedenfalls nicht unbedingt zur diplomatischen Deeskalation beiträgt, sondern diese aufgeheizte Atmosphäre erhellt. Man kann nur hoffen, dass das irgendwann abnimmt und alle sich ein bisschen ruhiger hinsetzen, die Interessen natürlich abgleichen und Lösungen für extrem schwierige Konflikte - und der Kaukasus-Konflikt ist ein schwieriger Konflikt - dann auch versuchen zu finden.

Klein: Der ARD-Fernsehkorrespondent in Moskau Thomas Roth war das. Danke Ihnen für das Gespräch, Herr Roth.

Roth: Gerne.

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Interview

EZB-Bankenstresstest"Sicherheit auf keinen Fall gewährleistet"

Hans-Peter Burghof, Professor für Bankwirtschaft und Finanzdienstleistungen an der Universität Hohenheim, aufgenommen am 10.05.2012 während der ZDF-Talksendung "Maybrit Illner"

Am Sonntag werden die Ergebnisse des EZB-Stresstests erwartet. Eine 100-prozentige Sicherheit im Bankensystem gebe es trotzdem nicht, sagte der Experte für Bankenwirtschaft und Finanzdienstleistungen, Hans-Peter Burghof, im DLF. Das Stress-Szenario, was simuliert wurde, müsse so nicht eintreten.

Ukraine vor der Wahl"Zu viele Oligarchen in der Politik"

Rebecca Harms, Spitzenkandidatin der Grünen bei der Europawahl

Die Fraktionschefin der Grünen im Europaparlament, Rebecca Harms, sieht den Kampf gegen die Korruption als wichtigste Aufgabe der neuen ukrainischen Führung. Das zukünftige Parlament müsse in dieser Frage Fortschritte erzielen, sagte Harms im Deutschlandfunk. Sonst werde es schon bald eine neue Maidan-Bewegung geben.

Bahn-TarifkonfliktInitiative fordert Weselsky-Rücktritt

Ein Bahn-Signal leuchet rot am 17.10.2014 vor einer Weiche im Hauptbahnhof in Hannover (Niedersachsen).

In der Lokführergewerkschaft GDL wächst offenbar der Widerstand gegen den Vorsitzenden, Claus Weselsky. Die Führung habe es in der Vergangenheit versäumt, den Organisationsgrad unter den Zugbegleitern zu erhöhen, sagte der Sprecher der Initiative für mehr Demokratie und Rechtsstaatlichkeit in der GDL, Volker Siewke, im DLF.

 

Interview der Woche

Maria KrautzbergerAuf Fracking sollte verzichtet werden

Die Präsidentin des Umweltbundesamtes, Maria Krautzberger, hat sich gegen das umstrittene Fracking ausgesprochen. Die Erdgas-Fördermethode berge insbesondere für das Grundwasser Risiken, die man nicht wirklich in den Griff bekommen könne, sagte sie im DLF. Deshalb sollte man am besten ganz darauf verzichten.

Interview der Woche"Wir sind reich, wir müssen auch geben"

Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) im Deutschen Bundestag

Syrien, Irak, Westafrika, Ukraine: Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) hat angesichts der "Krisen um uns herum" mehr Solidarität mit den Flüchtlingen und Notleidenden angemahnt. Müller sagte im Deutschlandfunk, nicht nur der Staat, jeder Einzelne müsse "in einer solchen Notlage auch ein Stück geben".

Katja Kipping"Türkei muss Kooperation mit dem IS beenden"

Linke-Parteichefin Katja Kipping spricht im Rahmen der Haushaltsdebatte im Bundestag in Berlin.

Katja Kipping hält das geplante militärische Vorgehen der Türkei gegen die Terrormiliz IS für vorgetäuscht. "Die Türkei hatte eine jahrelange Zusammenarbeit mit dem IS," sagte die Vorsitzende der Linken im Interview der Woche im DLF. Ankara gehe es nicht darum, den IS zu bekämpfen, sondern kurdische Autonomiebestrebungen zu verhindern.