Mittwoch, 13.12.2017
StartseiteMusikjournalMelodien des Exils 16.01.2017

Argentinien als Fluchtort für jüdische Musiker nach 1933Melodien des Exils

Nicht nur die USA, sondern auch Argentinien war für jüdische Flüchtlinge nach 1933 ein rettendes Ziel. 120 Musiker, die dadurch dem Holocaust entkamen, hat jetzt die Musikwissenschaftlerin Silvia Glocer aus Buenos Aires porträtiert. Ihr Buch trägt den Titel Melodías del Destierro, was sich mit "Melodien des Exils" übersetzen lässt.

Von Victoria Eglau

Der Komponist Bernd Alois Zimmermann (1918-1970, l.) unterhält sich mit dem Dirigenten Michael Gielen (picture alliance / dpa / Otto Noecker)
Begann seine Musikerkarriere in Buenos Aires: der Dirigent Michael Gielen (picture alliance / dpa / Otto Noecker)
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Buenos Aires, 1961. Astor Piazzolla und sein Quinteto Nuevo Tango nehmen die erste Version von Adios Nonino auf – einem Werk, das der legendäre Bandoneon-Musiker und Komponist seinem verstorbenen Vater gewidmet hatte.

Geiger in Piazzollas Quintett war Simón Bajour, ein gebürtiger Pole, der 1937 als Neunjähriger mit seiner Familie nach Argentinien eingewandert war. Bajour gehört zu den vielen jüdischen Musikern, die während der Zeit des Nationalsozialismus‘ in Argentinien eine neue Heimat und ein künstlerisches Betätigungsfeld fanden.

"Die Musiker, deren Geschichte ich erforscht habe, haben gemeinsam, dass sie zwischen 1933, dem Jahr der Machtergreifung Hitlers, und 1945, dem Ende des Zweiten Weltkriegs, in Buenos Aires eintrafen. Unter ihnen waren auch ein paar nichtjüdische Musiker."

Erläutert Silvia Glocer, argentinische Musikwissenschaftlerin und Autorin des Buches "Melodías del Destierro" – "Melodien des Exils". Glocer porträtiert 120 Musiker, die sich so unterschiedlichen Genres wie Klassik, Oper, Operette, Jazz und Filmmusik widmeten. Sie stammten vor allem aus Deutschland und Österreich, aber auch aus Polen, Ungarn, Russland und Italien. Zu ihnen gehörten Künstler wie der 1927 in Dresden geborene Michael Gielen, der später zu einem international bekannten Dirigenten wurde, und der in Argentinien zu Ruhm gelangte kroatische Geiger Ljerko Spiller, hier bei einer Hindemith-Einspielung 1966 in Buenos Aires:

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In Argentinien stießen die ausländischen Musiker in manchen Kreisen des Kultur-Milieus anfangs auf Misstrauen oder sogar offene Ablehnung. Silvia Glocer veröffentlicht in ihrem Buch den antisemitisch gefärbten Artikel eines Musikkritikers aus dem Jahr 1937:

"Der nicht freiwillige Exodus, den Adolf Hitler den jüdischen Künstlern aus Deutschland auferlegt hat, wirkt sich auch auf unser Land aus. Leider handelt es sich bei den Eindringlingen nicht um Max Reinhardt, Otto Klemperer oder Bruno Walter – vor ihnen müsste man sich respektvoll verneigen. Jene, die Besitz von unserem Teatro Colón ergreifen, sind unbedeutende Figuren, Amateurmusiker oder Anfänger, die auf unsere Kosten üben."

Der Widerstand gegen den Zuzug der jüdischen Musiker nahm jedoch im Laufe der Jahre ab – Buchautorin Silvia Glocer:

"In Argentinien merkte man, dass die Emigranten nicht den einheimischen Musikern die Arbeit wegnahmen, sondern die Musik-Szene bereicherten. Sie verdingten sich als Geigen-Lehrer und brachten neue Klavier-Techniken mit. Sie modernisierten die Opern-Inszenierungen im Teatro Colón. Und Paul Hindemiths Schüler Wilhelm Graetzer gründete in Buenos Aires die bis heute existierende Musikschule Collegium Musicum – mit der Idee, Musikunterricht einer breiten Schicht von Menschen zugänglich zu machen."

In der Metropole Buenos Aires mit ihrem reichen Kultur- und Musikleben fanden die Immigranten in der Regel schnell Arbeit. Viele hatten bei ihrer Ankunft bereits einen Vertrag in der Tasche – etwa bei einem der zahlreichen Rundfunkorchester. Die argentinischen Radiosender der 1930er und 40er Jahre beschäftigten oft gleich mehrere Orchester, etwa eins für Klassik, eins für Jazz und eins für Tango. Eine Reihe von Musikern spielte in der Agrupación Nueva Música, jenem Ensemble für Neue Musik, das 1937 der Komponist Juan Carlos Paz gründete. Paz gilt in Argentinien als Vater der Avantgarde-Musik. Seine Agrupación Nueva Música führte Werke auf, die in Nazi-Deutschland als "entartet" galten und verboten waren - etwa Arnold Schönbergs "Ode an Napoleon Buonaparte":

Musik: Schönberg, Ode to Napoleon Buonaparte

Auch die Operette florierte dank der jüdischen Emigration nach Argentinien. 1940 eröffnete der Schauspieler und Regisseur Paul Walter Jacob in Buenos Aires die Freie Deutsche Bühne, in der auf Deutsch gespielt und gesungen wurde. In den jüdischen Theatern wurden unterdessen immer mehr Operetten in jiddischer Sprache gegeben. Zur Wirkungsstätte vieler aus Europa emigrierter Musiker wurde außerdem das berühmte Opernhaus Teatro Cólon. Dort arbeiteten die Dirigenten Fritz Busch und Erich Kleiber, die Deutschland aus politischen Gründen verlassen hatten. Auch der österreichische Regisseur Josef Gielen, dessen Frau Jüdin war, wurde vom Teatro Colón engagiert. Sein Sohn, der Dirigent Michael Gielen, erinnert sich:

"1938 hatte Erich Kleiber ihn mitgenommen, das ging so gut, dass sie ihn gleich wieder eingeladen haben. Aber 39 wollte meine Mutter wegen der Kriegsgefahr nicht hinüber, und es ergab sich die absurde Situation, dass der Arier Joseph Gielen in Buenos Aires war, und die Jüdin mit ihren halbjüdischen Kindern in Wien. Als der Krieg ausbrach, war es völlig ausgeschlossen, dass er zurückkäme. Und dann konnte er sehr schnell die Emigration betreiben. Die Argentinier waren sehr hilfreich, sehr freundlich und haben ihm sofort die Einwanderungspapiere für uns gegeben."

Dies war ein Glücksfall, denn Ende der dreißiger Jahre begann Argentinien, seine Grenzen für jüdische Flüchtlinge zu schließen.

"Zu jenem Zeitpunkt war es per se schon schwierig, Europa zu verlassen. 1938 verschärfte dann Argentinien seine Einwanderungsbestimmungen – verfolgte Juden sollten keine Visa mehr bekommen. Die letzten wenigen jüdischen Musiker schafften es 1943 nach Argentinien – von Spanien und Portugal aus."

Von den Musikern, die ihre Melodien ins argentinische Exil retten konnten, kehrte nur ein Teil nach Europa zurück. Die anderen, so wie Simón Bajour, wurden mit der Zeit zu Argentiniern, die sich die Melodien ihrer neuen Heimat zu eigen machten…

Musik: Piazzolla, Adios Nonino

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