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StartseiteSonntagsspaziergangDas charakteristische Instrument des Tangos27.07.2014

ArgentinienDas charakteristische Instrument des Tangos

In Buenos Aires ist der Tango zu Hause. Und die Bandoneons sind dafür das charakteristische Instrument. In speziellen Werkstätten werden diese oft sehr alten Instrumente repariert - und mittlerweile gibt es auch eine neue Produktion.

Von Julia Ohlendorf und Aglaia Dane

Sammlung von alten Bandoneons in Chemnitz (dpa / picture alliance / Wolfgang Thieme)
Das Bandoneon brachten deutsche Einwanderer nach Argentinien, wo es als wichtigstes Instrument des Tango Karriere macht. (dpa / picture alliance / Wolfgang Thieme)
Weiterführende Information

100 Jahre Anibal Troilo - Man sagt, er singt das Bandoneon (Deutschlandradio Kultur, Tonart, 11.07.2014)
Tango - Virtuose am Bandoneon (Deutschlandfunk, Kalenderblatt, 11.07.2014)

Die Finger gleiten über die Knöpfe, kraftvoll wird die Harmonika auseinandergezogen, sodass sie sich mit Luft füllt. Das Bandoneon ist Argentiniens Nationalinstrument. Es spielt der Meister, der bekannteste Bandoneonista des Landes: Astor Piazzolla. Auch er war Kunde in der Werkstatt der Familie Weckesser. Schon damals – ganz am Anfang – in den 40er-Jahren. Ana María Weckesser war da gerade erst geboren.

"Als ich ein kleines Mädchen war, hat uns mein Vater manchmal gebeten, ihm zu helfen. Aber wir hatten dazu überhaupt keine Lust, das hat uns nicht interessiert. Alle großen Bandoneon-Spieler kamen hier herein, aber wir haben sie gar nicht beachtet. Heute bereue ich das ein bisschen, weil ich so viel hätte lernen können."

Der kleine Sturkopf von damals ist mittlerweile eine alte Dame, Mutter von sechs Kindern, zwar immer noch kämpferisch, aber auch sehr melancholisch. Immer wieder schießen ihr die Tränen in die Augen, wenn sie über frühere Zeiten spricht. Ihr Vater war Wolga-Deutscher und vor der russischen Revolution erst nach Deutschland geflohen. 1926 kam er dann mit einem Schiff von Bremen nach Buenos Aires. Hier entdeckte er seine Liebe zum Bandoneon, erst als Musiker und dann auch als Restaurator. 1943 eröffnete er die erste Bandoneon-Werkstatt Argentiniens. Nach seinem Tod hat Ana María die Werkstatt übernommen. Und trotz ihrer 70 Jahre, steht sie jeden Tag an der Werkbank, repariert Bandoneons und baut Ersatzteile.

"Ich bin sehr froh, dass ich mich dazu entschlossen habe, die Werkstatt weiterzuführen – und die Arbeit meines Vaters fortzusetzen und zu ehren. Meine Arbeit macht mich zufrieden. Ich habe so viel zu tun und manchmal vergesse ich dabei sogar die Zeit. Meine Tochter ruft dann: Mama, bitte, es ist schon zehn Uhr abends! Aber meine Arbeit ist so schön. Und gerade als einzige Frau in diesem Handwerk werde ich auch besonders beachtet."

Das Haus von Ana María Weckesser steht in Barracas, einem Arbeiterviertel von Buenos Aires – nicht weit weg vom Hafenviertel "La Boca", wo der Tango herkommt. Unten im Erdgeschoss wohnt die Familie. Im ersten Stock ist die Werkstatt.

Langsam, Schritt für Schritt geht es hinauf. Ana María ist nicht mehr gut zu Fuß. Der Weg die Treppe hinauf ist eine Zeitreise, denn oben angekommen, befindet man sich auf einmal in den 40- und 50er-Jahren. Die dunklen Holzregale stehen voll mit reich verzierten alten Bandoneons, dazwischen Döschen, von denen der Lack abblättert, Werkzeug, Schachteln für Ersatzteile, Krimskrams – alles noch aus der Zeit, als ihr Vater die Werkstatt aufgebaut hat. Die Plakate an den Wänden werben in Schnörkelschrift für Konzerte mit Piazzolla oder Pedro Maffia – die Bandoneon-Größen von damals.

"Naja, hier herrscht ganz schönes Durcheinander. Viele Leuten sagen mir, ach, ich würde so gerne einmal ihre Werkstatt sehen. Ich sage dann, gerne, aber das ist doch gar nichts Besonderes. Es riecht hier ein wenig nach Wachs, den wir manchmal benutzen müssen - und nach Leim. Den erhitzen wir in einem Wasserbad. Ja, das ist ein sehr eigener Geruch."

Ana María schaut die Regalreihen entlang. Mindestens ein dutzend Instrumente stehen darin. Aus braunem und schwarzem Holz, alle haben die typische Bandoneon-Form: ein würfelförmiger Kasten. Und nicht, wie das Akkordeon, das höher ist als tief und zusätzlich zu Knöpfen auch eine Tastatur hat mit schwarz-weißen Tasten wie beim Klavier.

"Das hier sind alles deutsche Bandoneons. Bei diesem hier zum Beispiel soll ich den Balg auswechseln. Das hier, was man auseinanderzieht, das ist der Balg. Der ist aus Kunstleder."

Ana María fährt mit den Fingern über die ausziehbaren Falten. Dass alle Bandoneons in ihrer Werkstatt aus Deutschland kommen, müsste sie eigentlich nicht betonen. Denn das argentinische Nationalinstrument ist nicht nur eine deutsche Erfindung, sondern in der Regel auch ein deutsches Importprodukt. Ende des 19. Jahrhunderts kamen die Bandoneons mit deutschen Einwanderern nach Argentinien. Besonders die Instrumente einer Firma aus Sachsen wurden hier im Tango populär – die Bandoneons der Firma "Alfred Arnold" aus der Nähe von Chemnitz.

Irgendwann spielten Bandoneonistas nur noch auf den "AA"-Bandoneons, in Argentinien "Doble A" genannt. Die zwei Buchstaben wurden zur Marke, die Instrumente zum Mythos. Und das gilt auch heute noch – der Klang der "Doble A"-s ist angeblich einzigartig.

"Warum? Ich weiß es nicht. Viele Musiker sagen, dass es die Legierung des Stahls ist. Mein Vater, der viel darüber wusste, meinte, das Holz sei wichtig. Es seien die besonderen Hölzer, die der Kälte in Deutschland ausgesetzt sind - Kiefernholz zum Beispiel. Ich glaube, es ist auch ein wenig Fanatismus dabei."

Doble-A wird nicht mehr produziert

So legendär die Instrumente sind, so selten und wertvoll sind sie auch. Denn mit Beginn des Zweiten Weltkrieg stellte die Firma "Alfred Arnold" die Bandoneon-Produktion vorübergehend ein – und auch nach dem Krieg kam sie nicht wieder richtig auf die Füße und wurde dann in der DDR enteignet. Die Folge ist, dass fast alle Bandoneons, auf denen Musiker heute spielen, aus den 20er und 30er-Jahren stammen. Mit der Zeit wird das Leder rissig, die Stimmzungen nutzen sich ab, Knöpfe gehen kaputt. Viele dieser Einzelteile kann man nicht kaufen, deshalb baut Ana María sie selber.

"Hier ist der andere Deckel. Man drückt auf den Knopf, dann. Wenn man hier drückt, hebt sich dieses Hölzchen, das eine Dichtung ist und während es sich hebt, fließt Luft herein und es vibriert. Das ist ein Stimmzunge, die den Ton erzeugt. Jede von denen ist ein anderer Ton. Das sind diese Zungen aus Stahl, die man stimmt. Aber die stellen wir nicht selber her - die importieren wir aus Tschechien. Ja, das ist ein Bandoneon, das schon älter ist als 80 Jahre und das sehr gut erhalten ist. Aber es gibt andere, bei denen ist es eine Katastrophe, wie schlecht die behandelt wurden."

Es gibt nicht viele Menschen auf der Welt, die sich so gut auskennen mit Bandoneons wie Ana María Weckesser. Sie gibt ihr Wissen an ihre Tochter Julia weiter, die die Werkstatt dann einmal übernehmen wird. Die Familie hat einen Namen in der Tango-Szene, die Kunden kommen aus der ganzen Welt – aus der Türkei, aus der Schweiz, aus Israel. Und viele Musiker, die ihre Instrumente vorbei bringen, bleiben gerne ein bisschen länger sitzen im Hause Weckesser, betrachten die alten Werkzeuge und Plakate, lauschen der Geschichte dieser Familie. Es ist eine typisch argentinische Geschichte, die den klassischen Stoff für Tangolieder liefert: eine Geschichte vom Auswandern, von der Sehnsucht nach der Heimat und dem Mut, etwas Neues zu wagen.

Neues wagen, das will auch Oscar Fischer - etwas komplett Neues. Und er ist dabei, einen Mythos zu zerstören. Oscar Fischer – Instrumentenbauer, Architekt und Nachkomme deutscher Einwanderer - baut neue Bandoneons. Er sorgt dafür, dass es das argentinische Nationalinstrument seit neuestem auch "Made in Argentina" gibt.

"Es hieß immer, dass es unmöglich ist, neue Bandoneons zu bauen und dass die deutschen Instrumentenbauer die Geheimnisse mit ins Grab genommen haben. Aber das ist Quatsch. Seit Jahren bin ich dabei, ein Bewusstsein zu schaffen, dass man die Geschichte dieses Instruments in Argentinien neu schreiben kann."

Seine Werkstatt im Künstlerviertel "San Telmo" ist das Gegenstück zu den dunklen nostalgischen Räumen der Weckessers. Hohe Decken, weiße Wände, große Fenster, moderne Werkbänke. An einer sitzt eine Mitarbeiterin und fährt mit Schleifpapier über kleine Metallplatten, das sind die Stimmzungen. Daneben, auf einem anderen Tisch steht es: das neue Bandoneon, das Fischer-Bandoneon.

Das Design ähnelt sehr den alten "Doble-A"-Instrumenten: ein kleiner Kasten aus schwarzem Holz, darauf Verzierungen aus Metall. Doch der Unterschied ist: keine Schäden im Holz, keine Kratzer oder fehlende Knöpfe - alles ist neu, alles glänzt. Mehr als zehn Jahre lang hat Fischer die alten deutschen Instrumente erforscht, um den Bauplan für ein neues Bandoneon zu erstellen.

"Dazu gehörte mehr, als nur zu schauen, welches Holz verwendet wurde und solche Dinge. Ich musste die AA-Instrumente komplett analysieren, es studieren, verstehen. Ich habe Runden gedreht um das Instrument, Runden um Runden, jedes Einzelteil auseinandergenommen, untersucht, woraus es besteht. Genau für so etwas bin ich als Handwerker ausgebildet. Ich habe die Akustik untersucht, die Dimensionen jeden Teils, die Dichte der Balg-Pappe, die Stimmzungen. Ich habe viele Informationen zusammengetragen und am Ende festgestellt gesehen: Es gibt kein Geheimnis."

Handwerker baut neue Bandoneons

Fischer machte sich daran, die alten deutschen Instrumente nachzubauen – möglichst originalgetreu. Vor etwas mehr als einem Jahr hatte das Gefühl: Jetzt ist es soweit. Da ist ein Instrument entwickelt, mit dem er an die Öffentlichkeit gehen kann. Hier in der Werkstatt war die Premiere. Ein bewegender Moment:

"Der erste, der es gespielt hat, war Victor Villena, ein Argentinier, der in Frankreich lebt und ein sehr wichtiger Bandoneonista ist. Das war genau hier: Victor saß dort, wo du jetzt sitzt. Und ich hier daneben. Ich habe das Bandoneon auf den Tisch gestellt und gewartet, was der Meister sagt. Er hat das Instrument in die Hand genommen und angefangen, zu spielen. Er hat seine Augen geschlossen und nichts gesagt. Er sagte nichts, nichts. Und dann auf einmal hat er die Augen geöffnet und gesagt: Es ist großartig! Einfach so. Klar, man könnte denken, das ist ja ein Freund. Aber ich habe ihm gesagt: Du sagst mir doch, wenn etwas fehlt. Bis du sicher? Und er sagte: Ja!"

Doch wie klingt es nun, das neue Bandoneon? Oscar holt aus seiner Sammlung erst einmal ein altes "Doble-A", setzt sich auf einen Hocker mitten in seiner Werkstatt und beginnt, zu spielen. Oscar legt das Instrument zur Seite. Und nimmt das neue – sein selbst gebautes "Fischer-Bandoneon".

Oscar lässt das Instrument auf seinen Beinen ruhen und blickt zufrieden. Er glaubt fest daran, dass sein neues Bandoneon die Tango-Szene verändern wird. Noch hält sich der Mythos der alten "AA"s, doch für ihn ist es eine Frage der Zeit, bis mehr Bandoneonistas bereit sind, auf ein neues Instrument umzusteigen.

Im Moment stellt Oscar im Jahr zehn Bandoneons her. Doch er will mehr. Er hat eine Schule aufgemacht für Instrumentenbau. Der erste Jahrgang hat gerade abgeschlossen. Sechs junge Leute, darunter ein Koch, ein LKW-Facher und eine Künstlerin wissen jetzt, wie man Bandoneons baut. Und: Oscar plant die Instrumente in Serie zu produzieren. 10 im Monat, das ist sein Ziel. Irgendwann sogar 100 im Monat. Damit jeder Argentinier, der will, ein Bandoneon haben kann.

"Um Instrumente in Serie zu produzieren, brauche ich große Maschinen. Die muss ich importieren. Darüber muss ich mit den Behörden, der Politik, dem Ministerium sprechen. Wenn das nicht klappt, werde ich vielleicht eine Kooperative gründen, um mehr bauen zu können."

Im Moment kostet ein Fischer-Bandoneon 4.000 Euro. Für viele Argentinier ist das ein Vermögen. Doch er hofft, dass er den Preis irgendwann auf die Hälfte drücken kann. Und dann würde er seinem Traum näher kommen. Dem Traum von einem Volks-Bandoneon.

 

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