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StartseiteEuropa heuteArme Top-Manager01.03.2013

Arme Top-Manager

Schweizer wollen Abzocke stoppen

Die Schweizer wollen dem großen Abkassieren in den oberen Manageretagen an diesem Wochenende wohl den Riegel vorschieben. Ein Volksbegehren könnte strenge Gesetze für die Spitzenkräfte der börsennotierten Schweizer Unternehmen etablieren.

Von Rainer Hartmann

Die Schweier stimmen am Wochenende über die sogenannte "Abzocker-Inititative" ab.  (picture alliance / dpa / IP3 Press / Maxxppp / Vincent Isore)
Die Schweier stimmen am Wochenende über die sogenannte "Abzocker-Inititative" ab. (picture alliance / dpa / IP3 Press / Maxxppp / Vincent Isore)

Nichts übertreiben – das ist ein schweizerischer Grundsatz. Aber etliche Topmanager haben es übertrieben. Und das schmeckt den Schweizern nicht. Axel Weber zum Beispiel, der frühere Bundesbankpräsident aus Deutschland, hat im vergangenen Jahr als neuer Chef bei der Schweizer Großbank UBS eine Antrittsprämie von 4 Millionen Franken bekommen. Da war er noch nicht mal ins Flugzeug gestiegen. Daniel Vasella, bis vor einer Woche Chef des Chemiegiganten Novartis aus Basel, sollte 72 Millionen Franken bekommen, dafür, dass er mit seinem Wissen in den kommenden sechs Jahren nicht zur Konkurrenz wechselt.

All diese Exzesse werden in der Schweiz wohl bald der Vergangenheit angehören. Die Schweizer werden dem großen Abkassieren in den oberen Manageretagen an diesem Wochenende wohl den Riegel vorschieben. Laut Umfragen wird eine deutliche Mehrheit "Ja" sagen zur sogenannten Abzocker-Initiative. Initiiert hat sie der Unternehmer Thomas Minder aus Schaffhausen:

"Wir möchten dem Eigner, dem Besitzer, dem Aktionär mehr Mitspracherechte geben an der Hauptversammlung. Die Vorauszahlungen und die Abgangsentschädigung, die wollen wir verbieten und wir wollen auch verbieten, wenn eine Firma einen Teil der Firma verkauft, oder auch einen Teil hinzukauft, dass dann keine Prämien ans Management gehen."

Sogenannte goldene Handschläge und goldene Fallschirme – sie wären definitiv verboten. Zudem würde es in den Unternehmen heißen: mehr Demokratie wagen. Die Aktionäre würden darüber abstimmen , wieviel die Verwaltungsräte und der Geschäftsführer verdienen. Mauscheleien an der Konzernspitze wären nicht mehr möglich.

Es wären die strengsten Gesetze für Manager in Europa – zumal für Manager, die sich nicht daran halten, Strafzahlungen oder Gefängnis drohen.

"In der Zwischenzeit hat diese Finanzkrise stattgefunden, die hat doch vieles wieder an die Oberfläche gespült und gezeigt, wo eben dies Exesse hingehen können vom Geist her."

Thomas Minder, der Initiator, ist alles anderer als ein Linker, er ist Kleinunternehmer – aber er hat es satt, dass in den oberen Etagen Schweizer Unternehmen eine Hand die andere wäscht, wie er sagt, dass es sich um eine Art Selbstbedienungsladen handelt. Diese Initiative vom Thomas Minder hat absolut den Nerv des Volkes getroffen, sagt der Politikwissenschaftler Claude Longchamp aus Bern:

"Hier handelt es sich um ein Thema, dass seit fast zehn Jahren in der Schweizer Öffentlichkeit kontrovers diskutiert wird: das sind die Löhne und insbesondere die Boni der Manager von gewissen, insbesondere internationalen Unternehmungen, die als schamlos empfunden werden in der Bevölkerung."

Auch diesmal ist die Schweizer Wirtschaft wieder Sturm gelaufen gegen die Initiative, sie hat alle ihre Macht aufgeboten – der Schweizer Wirtschaftsverband steckte über sechs Millionen Euro in eine Kampagne gegen das Gesetz – vermutlich vergebens. Der Wind hat sich längst gedreht in der Schweiz, sagt der Politikwissenschaftler Claude Longchamp aus Bern:

"Der Fall Vasella, der Meteorit, der in der Schweiz eingeschlagen hat. Der Fall Vasella ist wahrscheinlich nur das Tüpfchen auf das I. Das ist ganz am Schluss einer ziemlich langen, komplizierten, anhaltenden Kette über ein Problem, dem wir nicht Herr werden."

Die Initiative ist aber kein Widerspruch zur Tatsache, dass die Schweiz reich und wirtschaftsliberal ist. Die Initiative ist nicht wirtschaftsfeindlich. Sie betrifft nicht alle der 300.000 Schweizer Unternehmen, sondern lediglich die 282, die an der Börse sind.

Wenn die Bosse dieser Unternehmen erfolgreich arbeiten, können sie sich auch was obendrauf verdienen – wenn die Aktionäre das billigen. Denn die Schweizer sind gemäßigt, sie wollen keine extremen Entscheidungen. Sie wägen ab, schauen sich die Dinge erst von der einen – dann von der anderen Seite an.

Aber nach etlichen Vorfällen und nach vielen Jahren der Exzesse scheinen sie eine Entscheidung gefällt zu haben. Wenn die Umfragen und die Stimmung nicht trügen, dann werden die Eidgenossen an diesem Wochenende Maß und Mitte in die Vorstandsetagen der Unternehmen zurückbringen. Es könnte Vorbild sein für ganz Europa.

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