Dienstag, 23.01.2018
StartseiteEuropa heuteDie "Stemm von der Strooss" 29.12.2017

Armes reiches Luxemburg (5/5)Die "Stemm von der Strooss"

Wer durch das Kirchbergviertel von Luxemburg Stadt geht, der sieht viel Chrom und Glas, der sieht Hochhaustürme, der trifft Banker und Berater. Das ist die eine Seite. Es gibt aber auch noch eine andere Seite, eine die weniger Blicke auf sich zieht.

Von Tonia Koch

Blick auf die Altstadt von Luxemburg. Im Vordergrund rechts Straßenschilder, die in verschiedene Richtungen weisen - aufgenommen im August 2017 (AFP/Ludovic Marin)
Parallel existierende Welten, davon gibt es in Luxemburg gleich mehrere (AFP/Ludovic Marin)

Gegen Mittag ist die Rue de la Fonderie im Luxemburger Bahnhofsviertel Treffpunkt für Hunderte von Menschen. Sie alle haben ein Ziel: Die Begegnungsstätte "Stemm von der Strooss", eine Organisation, die sich in Luxemburg um die Armen kümmert. Der Andrang ist so stark gewachsen, dass es ohne Sicherheitspersonal nicht mehr geht, erläutert Alexandra Oxacelay, die Leiterin der Einrichtung.

"Weil wir drei Mal die Woche die Polizei rufen mussten, weil keine Ruhe mehr im Betrieb war, weil wir an die Regelung gebunden waren, dass wir nur 118 Leute zur gleichen Zeit hineinlassen durften und die Erzieher haben nur noch Polizeiarbeit gemacht, also haben wir eine Firma eingestellt, die die Kontrollen macht und die Erzieher können wieder Erziehungsarbeit machen und es hat sich viel beruhigt."

Die Leute kommen aus unterschiedlichen Gründen: um sich aufzuwärmen, einen Kaffee zu trinken, etwas zu essen, der Einsamkeit zu entgehen oder beides, so wie Dragan.

"Ich wohne in Luxemburg, ich bin allein zu Hause, da mach' ich mir nichts zu essen. Und da ist es interessant, mittags etwas zu essen zu haben für einen halben Euro."

Küchenarbeit als berufliche Wiedereingliederungsmaßname 

In der Küche wirbeln 14 Angestellte. Mit Ausnahme des Küchenchefs, Thilo Umbach, alles Leute, die eine berufliche Wiedereingliederungsmaßname absolvieren, um sich wieder an feste Tagesabläufe zu gewöhnen. Alle arbeiten Vollzeit, also acht Stunden täglich. Zeit zum Verschnaufen bleibt dem Küchenteam nicht, denn weit über 300 Essen gehen täglich raus, rechnet Stephane vor.

"Vor zwei Jahren haben wir noch etwa 230 bis 250 Essen pro Tag gemacht, jetzt liegen wir immer über dreihundert, das ist viel mehr geworden."

"Das ist unser Zauberer, aus allem macht der was."

Heute ist Hühnchen, Pommes und Salat auf den Tellern. Die Menüfolge ist davon abhängig, was an Spenden von den Supermärkten kommt, sagt Chefkoch Thilo Umbach.

"Wir bekommen etwa ein Drittel unserer Lebensmittel geschenkt und die werden sofort umgearbeitet, was wir nicht bekommen, wird zugekauft."

Umbach kalkuliert knapp.

"Also ich habe übers Jahr ein Budget von 1,20 Euro pro Person pro Tag und dann kann man rechnen, kommt noch ein Euro obendrauf ungefähr von Ware, die wir geschenkt bekommen und wenn wir nix geschenkt bekommen, haben wir 1,20 Euro."

Für einen Schwaben kein Problem.

"Wenn man haushaltet. Wenn man richtig haushaltet, kann man damit kochen, ja."

Gaston isst ein Stück Marzipanstollen zum Nachtisch, er nutzt die Einrichtung regelmäßig.

"Jeden Tag, schon seit fast zehn Jahren jetzt, ich hab hier Freunde sitzen, wir treffen uns, können ein bisschen quatschen und ich kriege gut zu essen für billiges Geld."

Auffangbecken für Leute mit schmalem Geldbeutel oder Problemen

Heute könne er sich zwar wieder einen Restaurantbesuch leisten aber vor zehn Jahren, als er die Begegnungsstätte das erste Mal aufgesucht habe das ganz anders ausgesehen.

"Nach dem Tod von meiner Frau und anderer Probleme, da war ich, wie sagt man das, in den Keller gerutscht und da war ich froh, dass ich die Stemm kennengelernt habe."

Die Institution habe ihn aufgefangen …

"Das stimmt hundert pro …."

Einen Tisch weiter hat sich eine Gruppe Männer und eine Frau niedergelassen. Das Essen sei gut, sagen sie mit Blick auf die halb aufgegessenen Teller.

Sie komme jeden Tag hier her, sagt die schlanke Frau. Ihr dunkles Haar betont das bleiche Gesicht. Sie ist Rumänin und ihr zu Hause sei der Bahnhof. Alles sei ein wenig kompliziert.

Jeder ist willkommen in der rue de la Fonderie. Leute, die sich illegal im Land aufhalten, die auf der Straße leben und deshalb keinen Anspruch auf Sozialleistungen haben. Leute mit schmalem Geldbeutel, Menschen mit Problemen, aber auch jene, die sich einsam fühlen. Jeder kann kommen, solange er sich an die Regeln hält, betont Alexandra.

"Es gibt drei Regeln: keine Gewalt, verbale und physische. Kein Konsumieren von Drogen, Alkohol, Medikamenten und kein Dealen. Für den Rest gibt es keine Kontrolle. Leute sollen ihren Namen sagen, sollen Papiere zeigen, aber wenn sie keine Papiere haben, dann langt es auch, wenn sie nur sagen, wie sie heißen. Wir brauchen den Namen, um am Ende des Jahres Statistiken zu haben, um sagen zu können, wie viel Leute hatten wir mehr im Vergleich zum Jahr zuvor, wie viel Geld brauchen wir mehr."

Finaziert durch Spenden und Unterstützung vom Staat

Im ersten halben Jahr haben fast 3.000 Menschen in der rue de la Fonderie vorbeigeschaut.

"Wir haben zwei Kategorien von Leuten, die hauptsächlich hier hinkommen. Das sind Rumänen und dann kommen die Portugiesen, die liegen beide bei zwölf Prozent. Und wir haben 84 verschiedene Nationalitäten, 80 Prozent Männer, Altersdurchschnitt 36 Jahre, 20 Prozent Frauen."

Flüchtlinge schlagen nicht auf in der Stemm denn diese werden in den zentralen Unterkünften mit Essen und Kleidung versorgt. Der Staat hat die Hilfsorganisation in diesem Jahr mit 4,8 Millionen Euro unterstützt. Darüber hinaus wirbt sie jährlich etwa 150.000 bis 300.000 Euro an Spenden ein.

Die Stemm würde gerne noch mehr Projekte anschieben, um mehr Menschen Arbeit zu verschaffen, denn wer ohne Arbeit ist und zum RMG, dem garantierten Mindesteinkommen kein Geld hinzu verdienen kann, kommt in Luxemburg nur schwer über die Runden. Und immer mehr Menschen zieht es ins Ausland, so wie Gaston.

"Ich wohne in Deutschland, weil hier die Mieten zu teuer sind,  ich kann mir keine Miete von 1.200 Euro leisten."

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