Interview / Archiv /

 

Armstrong ist nur "das Ende der Nahrungskette"

Ex-Radprofi Jaksche kritisiert das Doping-Geständnis des siebenfachen Tour-de-France-Siegers

Jörg Jaksche im Gespräch mit Jasper Barenberg

US-Talkmasterin Oprah Winfrey spricht mit Lance Armstrong.
US-Talkmasterin Oprah Winfrey spricht mit Lance Armstrong. (picture alliance / dpa / George Burns)

Lance Armstrong räume zwar selber die regelmäßige Einnahme von Dopingmitteln ein, nenne aber nicht die Hintermänner, kritisiert Ex-Radprofi Jörg Jaksche, der 2007 selber öffentlich Dopingmissbrauch zugegeben hatte.

Jasper Barenberg: 13 Jahre lang hat Lance Armstrong vehement alles abgestritten. Längst ist er seine sieben Titel von der "Tour de France" los, seine Werbe- und Sponsorenverträge, er hat auch die Leitung seiner eigenen Krebsstiftung abgeben müssen. Würde er jetzt reinen Tisch machen mit einem umfassenden Geständnis? So viel jedenfalls wissen wir seit heute Nacht: Was er bisher geleugnet hat, das gibt Armstrong im wesentlichen jetzt zu, dass er bei allen sieben Siegen bei der "Tour de France" gedopt war, unter anderem mit EPO, mit Eigenblut, Cortison und Wachstumshormonen.

Am Telefon ist Jörg Jaksche, der sich ungefähr vorstellen kann, wie es sich anfühlt, eine solche Beichte abzulegen. Er hat selber gestanden, öffentlich zugegeben, gedopt zu haben. Heute ist er Mitglied der Initiative "Change Cycling Now". Schönen guten Morgen, Herr Jaksche.

Jörg Jaksche: Guten Morgen - hallo!

Barenberg: Von dem, was wir gerade gehört haben, wie glaubwürdig kommt Ihnen da der Auftritt von Lance Armstrong vor?

Der ehemalige Radprofi Jörg Jaksche legte 2007 ein Dopinggestädnis ab.Der ehemalige Radprofi Jörg Jaksche legte 2007 ein Dopinggestädnis ab. (picture alliance / dpa / Karlheinz Schindler)Jaksche: Ja gut, das, was er jetzt bestätigt, das war ja eigentlich schon davor klar und war auch durch den Bericht der USADA in Stein gemeißelt. Das was mir an dem ganzen oder an dem Beichten jetzt hier missfällt ist, dass er eigentlich nicht Ross und Reiter nennt: wer hat ihm die Sachen beschafft, wer hat ihn in diese ganze Sache eingeführt, wer hat ihm dieses Wissen, dieses medizinische Laienwissen gegeben, was wie lange nachgewiesen werden kann und so weiter und so fort. Er nimmt nur die Sachen jetzt auf seine eigene Kappe, die auch wirklich rausgekommen sind, aber der Rest wird im Moment – das ist ja nur das erste Interview – noch nicht angeschnitten. Auch die Rolle der UCI, die höchst fraglich ist, wurde bisher noch nicht angesprochen, und da gibt es noch Hoffnung, dass das im zweiten Interview angesprochen wird.

Barenberg: Warum, Herr Jaksche, wäre das wichtig, dass er Ross und Reiter nennt, dass er die Hintermänner nennt, die ihm das organisiert haben, die daran beteiligt waren, und dass er auch auf die Rolle des Weltradsportverbandes zu sprechen kommt?

Jaksche: Ja, das ist eigentlich das allerwichtigste. Lance Armstrong ist genauso wie alle anderen Fahrer, die sind alle nur im Endeffekt das Ende der Nahrungskette. Es ist eben der Sportler, der meist ja nur für die ganzen Sachen bezahlt, auch medial bezahlt für seine Fehltritte. Aber um dieses Doping-Problem in den Griff zu bekommen, um der ganzen Sache Herr zu werden, muss man eben an den Wurzeln anpacken, und die Wurzeln sind diejenigen, die die Medikamente in Umlauf bringen, die den Sportlern sagen, welche Dosierungen zu welchem Zeitpunkt genommen werden können, ohne positiv aufzufallen, und natürlich auch noch der Weltverband, der höchst fragwürdig in dieser ganzen Situation agiert hat, und wie jetzt rausgekommen ist, hat der Sponsor von Lance Armstrong sogar einen Privatfonds vom ehemaligen UCI-Präsidenten verwaltet. Also diese ganzen Verbindungen im Hintergrund, die sollte er eigentlich auch auffliegen lassen, und das wäre das allerwichtigste. Dass er gedopt hat, das wissen wir jetzt mittlerweile alle und das ist jetzt auch nicht mehr die große Überraschung.

Barenberg: Hätte Lance Armstrong denn eine Chance, hätte er das Material, hätte er das Wissen und könnte er das auch alles belegen, um diese Zusammenhänge aufzudecken und wirklich etwas in Bewegung zu bringen?

Jaksche: Ja aus eigener Erfahrung ist es, glaube ich, so: Er muss da jetzt nicht etwas großartig belegen, sondern es reicht, wenn er darüber redet, wenn er wahrhaftig darüber Auskunft gibt. Das reicht eigentlich in den meisten Fällen schon, dass man so weit aus dem Schneider ist, dass man nicht verklagt wird, weil ja die anderen Leute wissen, es stimmt so, oder die Leute, die da betroffen sind, die da in der ganzen Sache mitgespielt haben, die wissen ja, es stimmt was er sagt. Ich denke, das wäre einfach mal ein erster Schritt, an die edlen Herren der UCI heranzukommen und denen eben zu versuchen, dieses Fehlverhalten nachzuweisen.

Barenberg: Sie haben ja schon in der Vergangenheit gefordert den Rücktritt an der Spitze dieses Verbandes, den Rücktritt von Pat McQuaid und auch seines Vorgängers Hein Verbruggen, wenn ich das richtig weiß. Sie würden sagen, das an der Spitze, so wie der Radsport organisiert ist, das kann nicht so weitergehen, und sehen Sie Anzeichen dafür, sehen Sie eine Chance, dass da jetzt etwas in Bewegung kommt?

Jaksche: Ja, es kann auf jeden Fall so nicht weitergehen. Das Image des Sports hängt natürlich auch ganz klar mit dem Image der Führung zusammen, also mit dem Image der UCI, und die hat sich, wie ich vorhin schon gesagt habe, sehr eigenartig verhalten. Die hat sich sehr viel zu schulden kommen lassen und hat sich im ganzen Lance-Armstrong-Verfahren sehr eigenartig verhalten. Das Problem ist, glaube ich, so ein Verband wie die UCI ist im Endeffekt nichts besseres als ein Verein, und da jemanden wegzubekommen von der Spitze, das ist sehr schwierig und sehr fragwürdig auch, weil es gibt da natürlich alle vier Jahre die Verbandswahlen und da wird dann Pat McQuaid vom aserbaidschanischen Verbandspräsidenten dann wiedergewählt, weil McQuaid mit Rädern sozialen Radaufbau für die einzelnen Verbände auch betreibt. Ich möchte nicht sagen, dass da geschmiert wird, überhaupt gar nicht, sondern die Art und Weise, wie umgegangen wird und wie dann auch die Stimmen erworben werden, das ist höchst fraglich. Wie gesagt, das ist ein Verein, und da ist es ganz schwierig, jemanden wegzubekommen.

Barenberg: Nun hat Lance Armstrong offenbar in seinem Interview den Weltverband UCI sogar in Schutz genommen und gesagt, Korruption habe es nicht gegeben. Nehmen Sie ihm das ab?

Jaksche: Nein, das nehme ich ihm nicht ab. Es wurden Zahlungen geleistet, es wurden 125.000 oder 150.000 Dollar an den Verband geleistet, und es fängt schon mal damit an, dass es nach Korruption stinkt, weil sich plötzlich zuerst überhaupt niemand mal daran erinnern konnte, dass das gezahlt worden ist, und dann wurde kleinlaut später zugegeben, dass das eben doch gezahlt worden ist. Sie wissen eigentlich schon, dass diese ganzen Aktionen nicht in Ordnung waren, sie haben es selber versucht, zu vertuschen, das wurde dann später nicht als Korruption deklariert, sondern nur als einfache "Spende", und das halte ich alles für sehr zweifelhaft.

Barenberg: Noch mal zurück zum Schluss in unserem Gespräch, Jörg Jaksche, zu Lance Armstrong. Hat er eine zweite Chance verdient aus Ihrer Sicht? Sie selber haben keine bekommen.

Jaksche: Ja, natürlich! Jeder Mensch auf der Welt hat eine zweite Chance verdient und Lance Armstrong hat dieses Doping-System auch nicht erfunden und nicht in den Radsport eingeführt, sondern es gab einfach nur, sagen wir mal, dieses System im Sport, das es möglich gemacht hat, dass jemand wie Lance Armstrong diese Blüten treiben kann, die er dann getrieben hat. Ich glaube, das ist in Ordnung, dass er eine zweite Chance verdient. Er müsste aber wirklich dann all umfassend und keine kalkulierten 75 Prozent aussagen.

Barenberg: ... , sagt der frühere Radprofi Jörg Jaksche. Vielen Dank für das Gespräch heute Morgen.

Jaksche: Vielen Dank! Auf Wiederhören!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Interview

NATO-Krisenmanagement"Sicherheitsbedürfnis der Balten stärken"

Der SPD-Verteidigungsexperte Hans-Peter Bartels

Russland sei vom verlässlichen Partner der Nato zu einer "völlig unberechenbaren Größe" geworden, sagte Hans-Peter Bartels (SPD), Vorsitzender des Verteidigungsausschusses im Bundestag, im DLF. Putin habe in "atemberaubender Geschwindigkeit" eine besondere Partnerschaft zerstört, die Forderung baltischer Nato-Staaten nach Unterstützung sei deshalb verständlich.

CDU-Wahlsieg in Sachsen"AfD wird es nicht mehr geben"

Der Generalsekretär der sächsischen CDU, Michael Kretschmer

Die CDU will die AfD in Sachsen "inhaltlich stellen". Die Partei habe keine Ideen für die Zukunft Sachsens, am Ende der Legislaturperiode werde es "die AfD nicht mehr geben", sagte Michael Kretschmer, Generalsekretär der sächsischen CDU, im Deutschlandfunk.

AfD-Erfolg bei Landtagswahl"Wir sind angekommen"

AfD-Parteichef Bernd Lucke während einer Rede auf dem Parteitag in Erfurt

Seine Partei sei "angekommen im deutschen Parteienspektrum", sagte AfD-Chef Bernd Lucke nach der sächsischen Landtagswahl im Deutschlandfunk. Viele Wähler fühlten sich von den Altparteien alleine gelassen, deshalb der Zulauf. Den Vorwurf ausländerfeindlicher Politik weist er zurück.

 

Interview der Woche

Verfassungsschutz"Größte Herausforderung ist der islamistische Terrorismus"

Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen

400 Islamisten sind bisher nach Erkenntnissen des Bundesamtes für Verfassungsschutz von Deutschland aus in den Irak und nach Syrien ausgereist. Umgekehrt drohe die Gefahr, dass Rückkehrer in Deutschland Anschläge begehen könnten, sagte der Präsident der Behörde, Hans-Georg Maaßen, im Interview der Woche im DLF.

Weltweite Krisen"Es muss eine europäische Außenpolitik entstehen"

Der CDU-Außenpolitiker Norbert Röttgen

Die weltweiten Krisen zeigten deutlich, dass die Europäische Union endlich zu einer gemeinsamen Außenpolitik finden müsse, sagte Norbert Röttgen (CDU) im DLF. Der europäische Nationalstaat sei nicht mehr einflussreich. Eine gemeinsame Politik sei nötig, um die Werte des Westens zu verteidigen - denn diesen stimmten global gesehen nur eine Minderheit der Menschen zu.

Ukraine"Wir brauchen militärische Hilfe"

Der ukrainische Außenminster Pawel Klimkin, sprechend, eine gelb-blaue Fahne im Hintergrund.

Der ukrainische Außenminister Pawel Klimkin bittet die EU und die NATO um mehr Engagement in der Ostukraine. Sowohl militärische als auch politische Hilfe sei dringend notwendig, um die Lage in der Region in den Griff zu bekommen, sagte er im Interview der Woche im DLF. Ziel sei es, den Menschen dort ein normales Leben zurückzugeben.