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StartseiteDeutschland heuteIst die Dortmunder Nordstadt eine "No-go-Area"?10.08.2017

Armut im RuhrgebietIst die Dortmunder Nordstadt eine "No-go-Area"?

"No-go-Area", das bedeutet ursprünglich: militärisches Sperrgebiet. Heute meint man damit auch Gegenden mit viel Kriminalität, Drogen und Prostitution. Immer wieder wird behauptet, die Dortmunder Nordstadt sei eine solche "No-go-Area". Doch ist die Gegend wirklich so gefährlich?

Von Michael Westerhoff

NRW, Ruhrgebiet, Dortmund, Nordstadt, Der Stadtbezirk Innenstadt-Nord gilt mit 53.000 Einwohnern und einer Bevölkerungsdichte von 36,7 Einwohnern pro Hektar als größtes und dicht besiedelstes, zusammenhängendes Altbaugebietes im Ruhrgebiet. (imago/Ralph Lueger)
Der Stadtbezirk Innenstadt-Nord gilt mit 53.000 Einwohnern und einer Bevölkerungsdichte von 36,7 Einwohnern pro Hektar als das größte und am dichten besiedelte, zusammenhängende Altbaugebiet im Ruhrgebiet. (imago/Ralph Lueger)
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"Eine Dame ist zusammengebrochen. Wahrscheinlich zu viel Alkohol. Weibliche Person zwischen 35 und 45."

Eine Frau liegt hilflos auf einer Bank auf dem Dortmunder Nordmarkt. Am frühen Nachmittag. Daniel Bath und Derek Eckart vom städtischen Ordnungsdienst kümmern sich um sie. Ihr Lebensgefährte erzählt, dass die Frau zu viel Wodka getrunken hat und dann zusammengebrochen ist.

"Es kommt Hilfe! Wo haben Sie Schmerzen?"

"Im Bauch"

"Öffnen Sie bitte Ihre Augen. Gucken Sie mich an. Augen auf! Drücken Sie mal die Hand. Der Arzt kommt!"

In fünf Meter Abstand sitzen Männer und Frauen und prosten sich mit Bier und Schnaps zu. Dass die Frau gerade noch bei ihnen saß und jetzt einfach umgefallen ist, das interessiert keinen so wirklich. Im Gegenteil. Die Trinker sind genervt, dass schon wieder das Ordnungsamt auf dem Nordmarkt unterwegs ist.

"Was wollen die denn verbessern? Das Ordnungsamt ist nur am Jagen. Nur nach links und rechts. Das ist eine Frechheit. Die nehmen sich raus, was sie nicht dürfen. So sieht das hier aus."

Nordmarkt: Sozialer Brennpunkt und Kinderspielplatz

Der Nordmarkt. Eine Grünfläche zwischen Mietskasernen ist in drei Teile aufgeteilt. Im Norden ein Kinderspielplatz, in der Mitte die Bereiche, in denen sich die Alkoholiker treffen und im Süden die Junkies, erzählt Daniel Bath.

"Da im südlichen Teil haben wir unsere Konsumenten sitzen. Das sind drei bekannte Prostituierte, die hier hin und wieder gerne Drogen konsumieren."

Als der Krankenwagen eingetroffen ist, gehen die Männer mit mir über die Straße.

"Das ist hier das Zentrum. Hier passieren Geschäfte. Hier trifft Konsument auf Verkauf."

Hier wird alles verkauft um den nächsten Schuss zu finanzieren

Ein Drogenabhängiger sucht nach Käufern für seine Satelliten-Schüssel. Dass die Männer vom Ordnungsamt auch hier sind, scheint ihn nicht wirklich zu stören.

"Hier kriegst du alles. Die machen hier alles zu Geld. Ob es Handy ist, ob es Satellitenschüssel ist. Ob es Autoreifen sind. Hier wird alles verkauft, gekauft, um sich mit dem gewonnenen Betrag den nächsten Schuss zu finanzieren."

Wir sind in der Schleswiger Straße. Der Treffpunkt für Hehler und Junkies. In den Mietshäusern wohnen Bulgaren und Rumänen, die ihr Glück in Deutschland gesucht haben. 34 wohnen in dem Haus, vor dem wir stehen, erzählt Claudia Schroth, die sich um verwahrloste Immobilien in der Nordstadt kümmert.

"Es sind aber nur zwei, drei, vier Wohnungen. Also insofern können Sie sich ausrechnen, wie viel in einer Wohnung sind. Und so groß sind die Wohnungen nicht."

Die Stadtwerke haben kürzlich Strom und Wasser abgestellt, weil der Hausverwalter mit dem Geld der Mieter durchgebrannt ist. Jetzt kochen sie in den Wohnungen mit Propangas.

Ein Zaun, um Junkies vom Spielplatz zu vertreiben

Daniel Bath und Derek Eckardt gehen mit mir weiter die Straße runter. Hier will uns die Dortmunder Ordnungsdezernentin Diane Jägers einen Zaun zeigen, der auf einem Spielplatz gezogen wurde, um Junkies zu vertreiben.

"Das ist jetzt eine Möglichkeit gewesen, die Lagermöglichkeiten zu beschränken."

Ein Erfolg, findet die oberste Ordnungshüterin der Stadt Dortmund:

"Jetzt muss man kucken wohin verlagern sich jetzt die Menschen. Wo konsumieren sie jetzt und wo handeln sie jetzt. Jedenfalls nicht mehr hier im Umfeld von Kindern."

Klingt gut. Und vermutlich hätte ich es auch geglaubt, wäre nicht genau im Moment des Gesprächs mit Diane Jägers ein Anwohner dazu gekommen. Der hat noch vor ein paar Tagen Dealer hier gesehen.

Immerhin können die Kinder heute Nachmittag in Ruhe spielen. Keine Junkies in Sicht. Die sind allerdings nur ein paar Meter entfernt.

"Das ist so ein Effekt der Verdrängung, die gehen in den Hinterhof, das muss man mal gesehen und gerochen haben."

Die Not der Nordstadt, verdrängt in die Hinterhöfe

Derek Eckardt und sein Kollege Daniel Bath führen mich in einen stinkenden Hinterhof. Auf dem Boden liegen Drogenverpackungen verteilt. In einer Garage liegen zwei verschmutzte Matratzen. Darauf Drogenbesteck und Heroin in Alu-Folie.

"Bleib liegen! Ist ok"

Zwei Junkies wohnen offenbar in der Garage. Den Vermieter stört das nicht. 

"Habe ich keine Wohnung, kriege ich keine Sozialhilfe."

Früher hat der Junkie in Hauseingängen gehockt und sich dort seine Spritze gesetzt. Jetzt wohnt er im Hinterhof. 

"Mittlerweile kleiner Erfolg für uns. Dass er nicht mehr auf der Straße hockt, sondern sich in einem Hinterhof versteckt und dort konsumiert."

Die Anwohner scheinen ihr Viertel aufgegeben zu haben

Aus den Augen, aus dem Sinn. Immer wieder spricht die Stadt Dortmund von Erfolgen im Kampf gegen Drogen, Alkohol, Prostitution, Kriminalität und Verwahrlosung im Norden. Wer wie ich ein normales bürgerliches Leben gewöhnt ist, hat daran Zweifel. Und selbst Anwohner scheinen ihr Viertel längst aufgegeben zu haben.

"Der Norden war immer die dunkle Stelle Dortmunds. Das wird sich nicht ändern. Hier vorne sieht man die Drogensüchtigen, die trotz der Anwesenheit des Ordnungsamtes ihre Drogen konsumieren. Das wird auch weiter so sein."

 

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