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Seit 19:15 Uhr Das Feature
StartseiteWissenschaft im BrennpunktWenn der Hase sich vom Acker macht05.10.2014

ArtenvielfaltWenn der Hase sich vom Acker macht

Ob Feldhase, Rebhuhn oder Schmetterling: Die Bestände vieler Wildtiere nehmen in Deutschland seit geraumer Zeit zum Teil dramatisch ab. Eine eindeutige Ursache ist nicht auszumachen. Wichtiger Faktor ist jedoch die Landwirtschaft.

Von Arndt Reuning

Ein Feldhase rennt über eine Wiese (dpa/picture alliance/Patrick Pleul)
Ein Feldhase rennt über eine Wiese (dpa/picture alliance/Patrick Pleul)

Der Kleinbus gleitet durch die Vollmondnacht. Bevor Daniel Hoffmann seine Tour beginnt, ruft er zur Sicherheit noch bei der Polizei an.

"Ja, guten Abend, Herr Scherer, Daniel Hoffmann, Büschfeld. Herr Scherer, ich mache heute Abend noch mal die Hasenzählung mit dem Scheinwerfer über die Felder. Nur dass Sie Bescheid wissen, nicht dass jemand anruft und Sie müssen extra ausrücken. Genau, jupp, prima, tschüss!"

Heute Nacht geht er auf Hasenjagd. Nicht mit der Flinte, sondern mit einem starken Suchscheinwerfer. Er möchte die Mümmelmänner bloß zählen. Aber an diesem Abend lassen sie sich nicht blicken.

"Ja, ist schwach bis jetzt. Das ist die zweite Zählung für das Frühjahr. Bei der ersten war hier zumindest noch ein bisschen mehr los."

Der Feldhase wird in Deutschland auf der Liste der bedrohten Tierarten als gefährdet eingestuft. In manchen Bundesländern gilt er gar als stark gefährdet. Die Tendenz weist eindeutig nach unten.

Hase.
Schwarz und braun dein Fell.
Wenn der Wind darüber streicht,
zittern die Haare.
In der Sasse still
wartest Du helllichten Tags
auf die Dämmerung.
Unter dem Mond dann
tanzt Du über die Felder,
schlägst Haken und springst.

Netzhaut fungiert als Restlichtverstärker

Der Hasenexperte hat das Fenster auf der Fahrerseite heruntergekurbelt. Die warme Frühlingsluft strömt in das Wageninnere. Daniel Hoffmanns Revier liegt im nördlichen Saarland. Gerade hat er das kleine Örtchen Büschfeld hinter sich gelassen und biegt auf einen holprigen Feldweg ab. Der Wagen hält, und der Biologe richtet den Suchscheinwerfer auf die Wiese zu seiner Linken.

"Also von der Methode her leuchten wir immer im rechten Winkel aus dem Auto raus und fahren dann in Schrittgeschwindigkeit eigentlich unsere Felder ab, dass wir dann nach einer festgelegten Route, die wird auch jedes Jahr beibehalten, alles an Hasen insbesondere notieren und aufschreiben. Und dann die Hasendichte pro hundert Hektar ist eigentlich so die Standardangabe, mit der wir rechnen."

Die Netzhaut der Tiere fungiert als natürlicher Restlichtverstärker. An der Art der Reflexion lassen sich die Tierarten voneinander unterscheiden, die sich nachts auf den Feldern und Wiesen tummeln.

"Raubtiere leuchten sehr hell, weil sie auch unheimlich gut auch nachts oder mit wenig Licht sehen können. Rehe sind so im Grünlichen, und Hasen gehen eher ins Rötliche. In der Norddeutschen Tiefebene ist noch schöner zu zählen, weil man da nicht immer mit den Hügeln zu kämpfen hat. Für Menschen, die ihre Autos lieben, [lautes Schottergeräusch] ist das hier nichts."

Hasenzählung: Mit Scheinwerfern werden Felder nach Hasen durchsucht. (dpa/picture alliance/Fredrik von Erichsen)Hasenzählung: Mit Scheinwerfern werden Felder nach Hasen durchsucht. (dpa/picture alliance/Fredrik von Erichsen)

Zunächst hat es den Anschein, als hätte der Hasenzähler heute Abend kein Glück. Doch dann wandert der Kegel seines Scheinwerfers über einen hügeligen Acker mit Wintergerste.

"Ah, hier sitzen sie. Eins, zwei, drei. Da war da oben, da waren wir eben, da war noch die Nummer vier hier auf dem Feld. Aber irgendwo mussten ja noch welche sein. Man sieht so leicht rötlich. Gut, jetzt hoppelt er ja auch. Dann wird's natürlich eindeutig. Ich glaube, wir müssen jetzt mal ein paar Notizen machen. Ich hab hier unsere Protokollbögen. Ich mach das Auto gerade mal aus. Bezirk: Das ist hier Büschfeld..."

Die Hasen-Population im ländlichen Saarland ist durchaus stabil. Was sich von anderen Gegenden in Deutschland nicht behaupten lässt. Seit einigen Jahren befindet sich Meister Lampe mancherorts auf dem Rückzug. Und auch andere Arten sind betroffen: das Rebhuhn. Und der Fasan.

Blau-grünen Schimmer
trägst Du wie eine Haube.
Dein rotes Gesicht.
Du schläfst im Gehölz,
durchstreifst am Tage das Feld
mit wiegendem Gang.
Und vor dem Hunde
flatterst Du so steil empor,
gleitest still davon.

Keine eindeutige Ursache

Hase, Rebhuhn, Fasan. Nachdem die Bestände in den 1990er-Jahren leicht zugenommen hatten, folgte um das Jahr 2007 ein deutlicher Absturz bei diesen drei Arten, sagt Egbert Strauß von der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover:

"Wir sehen diesen Rückgang auch seit mehreren Jahren bei den Singvögeln, die ja auch so einen Rückgang haben, der vielleicht schon ein wenig früher eingesetzt hat. Also hier ist unbedingt dringend Forschung nötig, um halt zu klären: Was sind die Schlüsselfaktoren für diese Änderungen. Ohne die Kenntnis dieser Schlüsselfaktoren können wir natürlich auch schlecht Gegenmaßnahmen und Maßnahmen entwickeln, wie wir den Wildtieren wieder helfen."

Auf der Suche nach den Ursachen des Fasanensterbens landeten in Hannover Dutzende von toten Vögeln auf den Obduktionstischen. Den anfänglichen Verdacht, dass ein Erreger wie das Vogelgrippevirus hinter dem Rückgang stecken könnte, konnten die Forscher nicht erhärten. Im Immunsystem der Vögel fanden sie zwar Spuren von Pathogenen, aber die sprechen nicht gerade für eine seuchenartige Ausbreitung. Eher für gelegentliche Phasen von Bronchitis. Eine einfache Antwort auf das Rätsel der toten Fasane dürfte sich daher ausschließen lassen, sagt die Tierärztin Nele Curland.

"Also wenn wir jetzt eine große Seuche gefunden hätten, wie zum Beispiel die Geflügelpest, dann hätte man sagen können: Das ist die Ursache, das ist ein alleiniger Faktor. Da wir aber eher Krankheiten finden, die so kleinere Krankheiten sind sozusagen, würde man sagen: Alleine müssten die Tiere eigentlich damit klarkommen, die Population. Klar, einige Tiere sind krank, einige sterben dran, aber es dürfte nicht so ein gravierender Populationsrückgang sein. Das heißt, wir gehen davon aus, da kommen andere Faktoren dazu, die halt dann die Krankheitserreger erstarken lassen."

In den Sechziger- und Siebzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts starben in Großbritannien die Wanderfalken fast vollständig aus. Die Schalen ihrer Eier waren so dünn, dass sie einfach im Nest zerbrachen. Außerdem wurden viele der Tiere unfruchtbar. Auch in anderen Ländern zeigten Greifvogelpopulationen eine ähnliche Tendenz nach unten. Wie sich bald schon herausstellte, hatten chlorhaltige Pestizide, zu denen auch DDT gehört, die Vögel geschädigt. Diese Erkenntnis führte dazu, dass das Insektenvernichtungsmittel in vielen westlichen Industriestaaten verboten wurde. Doch andere Mittel stehen noch heute in den Regalen, gibt Egbert Strauß zu bedenken.

"Welchen Einfluss die jetzt in einer Wirkkette auf unsere Wildtiere haben, können wir noch gar nicht beurteilen. Es sind die Verdachtsfälle da. Denn die Agrarvögel, die Singvögel wie auch die Fasanenküken und die Rebhuhnküken sind in den ersten Wochen auf die Insekten als Nahrung angewiesen. Haben wir durch intensiven Spritzmitteleinsatz, durch Insektizide, weniger Biomasse in der Insektenfauna, dann fehlt den Küken und den Singvögeln einfach die Nahrungsgrundlage. Ob das jetzt tatsächlich schon der Fall ist, können wir nicht sagen."

Große Verluste wegen monokulturellen Anbaus

Es fällt auf, dass die jüngsten Bestandsrückgänge bei Fasan, Rebhuhn und Feldhase ungefähr zum selben Zeitpunkt eingesetzt haben. Sollte also möglicherweise auch dieselbe Ursache hinter allen drei Phänomenen stecken? Für den Speiseplan der pflanzenfressenden Hasen dürften die Insektizide zumindest keine große Bedrohung darstellen. Hier könnte ein anderer Faktor ins Spiel kommen: das Erstarken der Fuchspopulationen. Durch den Erfolg der Schluckimpfung gegen Tollwut haben sich diese Beutegreifer stark ausbreiten können, sagt der Hasenexperte Daniel Hoffmann:

"Das führt natürlich auch zu erhöhten Verlusten bei seinen potenziellen Beutetieren. Und dazu zählt auch der Hase."

Ungefähr zur selben Zeit wie die Verluste bei den Wildtieren setzte noch an anderer Stelle ein Wandel ein: Die Europäische Union beendete die Flächenstilllegung und forcierte die Intensivierung der landwirtschaftlichen Produktion. Hoffmann kennt die Situation in den Geestgebieten von Schleswig-Holstein aus eigener Erfahrung.

"Dort sind relativ karge Böden, die ursprünglich sehr extensiv genutzt wurden als Weideflächen. Die sind zum Teil ganz extrem umgebrochen worden, und da wird jetzt Mais angebaut. Und das fördert nicht gerade die Hasenpopulation. Da merkt man schon, dass in solchen Ecken, wo die Landschaft in den letzten Jahren völlig umgestaltet wurde in Richtung Monokulturen, dass wir dort die größten Verluste haben."

Hasen sind auf eine vielfältige, fettreiche Kost angewiesen. Wenn sie diese in den modernen Agrarwüsten der Monokulturen nicht mehr finden, kann das zu Mangelerscheinungen führen. Außerdem werden viele Hasen Opfer der Landmaschinen. Das konnte Daniel Hoffmann zeigen, indem er den Weg der Tiere mithilfe kleiner GPS-Sender verfolgte.

"Gerade mit dem großflächigen Maisanbau, wo man mit den großen Häckslern da durchfährt, das sieht den Hasen ja nicht, wenn er in diesem Maisschlag ist. Und da können sie irgendwann dann auch nicht mehr flüchten. Oder tun es einfach nicht."

BfN: Lebensäume in "unzureichendem Erhaltungszustand"

Um dem Hasen eine Chance zu geben, sind Rückzugsflächen notwendig, wie sie vor wenigen Jahren noch existierten. Doch der gegenläufige Trend prägt zur Zeit die Agrarlandschaft: eine kleine Anzahl von Feldfrüchten auf möglichst großen Flächen. Refugien zwischen den Anbauflächen verschwinden zusehends: die kräuterreichen Säume, die dichten Hecken. Und weil immer mehr Grünland zu Acker umgewandelt wird, haben es auch die Bodenbrüter schwer, wie etwa der Kiebitz oder die Feldlerche.

Feldlerche
Trägst zum Mittag dein
unscheinbares Federkleid
zum Himmel hoch hinauf.
Stehst still in der Luft,
doch deine Flügel schlagen
mit wildem Zittern.
Singst deine Lieder,
und dann wie im Flug erstarrt
gleitest du herab.

Das Bundesamt für Naturschutz in Bonn veröffentlichte im März den Bericht zur "Lage der Natur in Deutschland". Eine Bestandsaufnahme von rund 200 Tier- und Pflanzenarten sowie von gut 90 Lebensräumen in Deutschland. Er zeichnet ein bestenfalls gemischtes Bild von der biologischen Vielfalt in Deutschland. 60 Prozent der erfassten Arten zeigen einen schlechten oder unzureichenden Erhaltungszustand. Besonders ungünstig sieht es für Amphibien und Schmetterlinge aus. Knapp 40 Prozent der Lebensräume sind in einem unzureichenden Erhaltungszustand, wie Andreas Krüß vom BfN erklärt.

"Es zeigt sich auch, dass sich durchaus auch der Trend in den letzten Jahren noch eher verschärft hat durch die Intensivierung in der Landwirtschaft natürlich, durch die Faktoren Ausbau erneuerbarer Energie, Biomasseanbau und Ähnliches. Der nach wie vor anhaltende Grünlandumbruch, der auch mit von diesen eben genannten Faktoren mitgesteuert wird, all das führt dazu, dass wir eher in vielen Bereichen eine Verschärfung der Situation noch haben."

Im farblichen Kontrast stehen drei Felder zum Himmel nahe Buckow in der Märkischen Schweiz (Brandenburg).  (dpa / picture alliance / Patrick Pleul)Die einseitige Bewirtschaftung von Flächen macht viele Arten zu schaffen. (dpa / picture alliance / Patrick Pleul)

Und diese Verschärfung betrifft auch solche Tier- und Pflanzenarten, die weniger im Fokus der Aufmerksamkeit stehen als das Jagdwild Fasan und Feldhase.

Tagfalter-Monitoring zählt Schmetterlinge

Halle an der Saale. Ein Wohngebiet am Rande der Stadt. Eine alte Dame geht mit ihrem Pudel Gassi, entlang einer Zeile mit Einfamilienhäusern. Eingezäunte Parzellen, gepflegte Gärten mit vorbildlich gestutzten Bäumen. Doch schon auf der anderen Seite des Weges herrscht der Wildwuchs.

"Im Horizont Halle-Neustadt mit entsprechenden Hochhäusern. Und im Vordergrund ist es eine Fläche mit einigen Bäumen, einigen Sträuchern und sehr viel blühendem Grasland, um diese Jahreszeit eben sehr viel blühendes Gras, was eigentlich sehr ästhetisch, sehr anmutig aussieht."

Josef Settele ist unterwegs zu seiner Beobachtungsstrecke. In der linken Hand hält er ein Klemmbrett mit einer langen Liste darauf, unter den rechten Arm hat er sich ein Schmetterlingsnetz geklemmt. Kaum hat er die ersten Schritte auf die struppige Wiese gesetzt, da flattern auch schon die ersten Falter aus dem Gras auf.

"Da fliegt jetzt ein Admiral, das ist ein sehr schönes Tier, eher selten zu sehen, so einmal pro Woche vielleicht, dass man ihn zufällig sehen kann. Also daher haben wir grade Glück gehabt."

Zufrieden markiert er eine Zeile auf einer Liste, die er auf dem Klemmbrett mit sich trägt.

"Jetzt flog hier ein kleiner Weißling, dann kam ein großes Ochsenauge. Und die werden dann registriert. Also auf meiner Strichliste kommt bei jeder Art, die ich dann sehe, bei jedem Individuum ein Strich. Und die werden dann pro Abschnitt zusammengezählt und dann eben entsprechend eingegeben online in unsre Datenbank."

Die Datenbank gehört zum Tagfalter-Monitoring Deutschland und wird am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Halle gepflegt. Der Agrarbiologe Settele koordiniert dort das Projekt, für das rund 500 Freiwillige in der ganzen Bundesrepublik ihre Beobachtungen beisteuern.

"Man hat so einen festgelegten Weg, den man regelmäßig geht, den haben wir anfangs eingemessen vor mittlerweile acht Jahren mit GPS. Und dann hat man so eine Orientierung, geht die Linie entlang und achtet rechts und links so zweieinhalb Meter ganz grob und nach oben ungefähr fünf Meter, was man so sieht."

Eindrücklich und bildhaft klingen die Namen der Schmetterlinge. Da gibt es Schachbrettfalter. Kleine Bläulinge tummeln sich auf der Wiese. Die leuchtend roten Tupfen auf den Flügeln der Blutströpfchen machen dem Namen ihrer Besitzer alle Ehre. Die Vielfalt der Schmetterlingsarten auf diesem Stück Brachland spiegelt das reiche Angebot an Pflanzen, die der Eiablage dienen. Dass die Wiese nicht gemäht wird, gibt den Raupen die Zeit, die sie brauchen, um sich zu entwickeln.

"Es ist schon eine strukturreiche Region hier und es gibt auch einige Blütenpflanzen. Von daher kann man schon mit ein paar Arten rechnen, und wir hatten jetzt, im Lauf der Jahre, hatte ich vielleicht 90 verschiedene Arten, wovon bei den Tagfaltern im engeren Sinne waren das vielleicht dreißig, fünfunddreißig, was aber schon ziemlich gut ist für einen einzelnen Ort in Deutschland. Also, ist gar nicht so schlecht."

Schmetterlinge besonders anfällig für Veränderungen der Umwelt

Aber nicht überall in unseren Breiten findet sich solch ein Reichtum an Tagfaltern. Der Trend weist eindeutig nach unten, wie die Europäische Umweltagentur im vergangenen Jahr berichtete: Seit Beginn ihres Monitoringprogramms haben sich die Bestände der Falter im Beobachtungsgebiet halbiert. Bei acht Arten wurde ein stetiger Rückgang der Populationen registriert. Nur bei zwei Arten sind die Bestände stabil geblieben. Die Negativentwicklung gibt durchaus Anlass zur Beunruhigung, findet der Schmetterlingsexperte Josef Settele.

"Das ist eine Frage der Bewertung natürlich, aber wenn ich gewisse gefährdete Arten habe, und viele der Graslandarten sind a priori schon auf der roten Liste und die weiter zurückgehen, dann ist das schon ein Zeichen dafür, dass in unserer Umwelt gewisse Bedingungen ungünstiger werden für die Artenvielfalt."

Der komplexe Lebenszyklus der Schmetterlinge macht sie besonders anfällig für Veränderungen der Umwelt. Das wird deutlich zum Beispiel an den Dunklen Wiesenknopf-Ameisenbläulingen, die in Europa bereits recht selten geworden sind. Diese Falter legen ihre Eier ausschließlich auf einer ganz speziellen Futterpflanze ab, auf eben jenem Großen Wiesenknopf. Wenn die Raupen drei bis vier Wochen alt sind, lassen sie sich auf den Boden fallen und von Ameisen in deren Bau schleppen.

"Dann leben die im Nest, meist räuberisch oder lassen sich füttern von den Ameisen, von den Ameisenarbeiterinnen, entwickeln sich komplett durch und schlüpfen dann aus dem Ameisennest im nächsten Jahr als Falter."

Fällt nur ein Glied in dieser Kette aus, kann sich der Ameisenbläuling nicht entwickeln. Ameisen zum Beispiel reagieren sehr empfindlich auf das Mikroklima. Zu kühle oder zu feuchte Bedingungen meiden sie. Und der Große Wiesenknopf ist auf stickstoffarme Böden angewiesen. Die werden aber durch die zunehmende großflächige Düngung immer seltener. Und die Intensivierung der Landwirtschaft wirkt sich noch auf einem anderen Wege auf die Schmetterlinge aus.

"Das heißt, dort ist es im Wesentlichen die Frage der Mahdzeitpunkte auf den Flächen. Wenn ich zu häufig mähe, drei Mahdwiesen oder so, dann kommen die Arten nicht vor, weil die Pflanzen, die sie brauchen, in der Zeit sich nicht weit genug entwickeln können, dass die Falter dort als Raupe überleben könnten."

Bläuling
Zimtbraune Flügel,
die bläulich im Licht schimmern,
wenn du sie öffnest.
Die Sommerwiese –
am tief roten Blütenkopf
saugst du den Nektar.
Und dann taumelst du,
als spiele mit dir der Wind,
über die Gräser.

"Unkraut vergeht nicht" ist nicht mehr gültig

Wenn Theresa Rühl ihre Pflanzen besucht, muss sie mit dem Auto ein Stück aus der Stadt herausfahren. Am Rande von Gießen, zwischen Wiesen und einem Waldstück, liegt ein Versuchsgelände der Universität: Ein Gewächshaus und eine Freifläche, auf der ordentlich aufgereiht rund dreihundert schwarze Pflanztöpfe stehen. Darin wachsen Blumen, die kleinen Stiefmütterchen ähneln.

"Ja, das ist das Ackerveilchen, Viola arvensis. Das ist eine typische Veilchenblüte in Gelb, die auch durchaus manchmal lila Ohren hat, wenn man sich so eine Veilchenblüte vorstellt, also lila Ohren. Ist halt ein typisches Ackerunkraut, was durchaus auch noch häufig ist. Es ist aber trotzdem schön, wenn man so was sieht, denn man sieht's ja trotzdem nicht überall. Es gibt durchaus Äcker, wo nichts mehr wächst außer der Kulturpflanze, und da freut man sich auch über solche kleinen Blüten."

An den eher unscheinbaren Pflanzen studiert die Doktorandin, wie gut sich Ackerwildkräuter an veränderte Umweltbedingungen anpassen können - an ein heißeres Klima etwa oder eine Intensivierung des Ackerbaus. Dem könnten die Pflanzen beispielsweise begegnen, indem sie ihr Keimverhalten darauf einstellen.

"Zum Beispiel dass sie schneller Blüten machen, schneller eine Samenkapsel bilden, dass sie mehr Samen bilden und dadurch mehr Individuen auf der Fläche verteilen, wenn sie einmal Samen geschüttet haben."

Nicht allen Wildkräutern gelingt das offenbar gleich gut. Unkraut vergeht nicht, dieses Sprichwort hat seine Gültigkeit in Zeiten der Hochleistungs-Landwirtschaft verloren. Einige Arten sind mittlerweile bereits fast ganz von den Ackerflächen verschwunden: das Sommer-Adonisröschen mit seinen schwarz-roten Blüten etwa. Das Rundblättrige Hasenohr, dessen Blätter an Ohrmuscheln erinnern. Aber auch um Klatschmohn und Kornblume ist es nicht mehr gut bestellt, erklärt Annette Otte. Sie ist Professorin für Landschaftsökologie an der Universität Gießen und betreut die Doktorarbeit von Theresa Rühl. Der ehemalige Artenreichtum bei den Ackerwildkräutern habe in jüngster Zeit dramatisch abgenommen, sagt sie.

"Wir haben Untersuchungen in der Wetterau durchgeführt, wo wir den Trend bestätigen konnten, dass es also Flächen gibt, auf denen fast keine Art(en) mehr vorkommt. Zeitgleich haben andere Kollegen mit einer ganz anderen Methodik an der Universität Göttingen solche Untersuchungen durchgeführt und festgestellt, dass im Bereich Niedersachsen, Mitteldeutschland der Artenrückgang auf Äckern über 70 Prozent beträgt."

Mangelnde Vielfalt auf dem Acker

Über Jahrhunderte hinweg haben sich die Unkräuter gemeinsam mit den Nutzpflanzen in der Agrarlandschaft entwickelt, sich aufeinander eingestellt. Manche Wildkräuter wachsen bevorzugt mit dem Wintergetreide zusammen, andere mit dem Sommerkorn, wie etwa Gänsefußgewächse. Die Fingerhirse hat sich auf den Mais spezialisiert, und Wildtulpen blühen im Weinberg. Doch rapide Veränderungen in der Agrarwirtschaft haben dieses Wechselspiel aus dem Gleichgewicht gebracht.

"Arten, die seit Jahrtausenden unsere Kulturlandschaft geprägt haben, unsere Kultur als solche begleiten, die verschwinden."

Manche Arten verschwinden zum Beispiel, weil die Nutzpflanzen, auf die sie sich spezialisiert haben, nicht mehr angebaut werden.

"Wir haben zum Beispiel verloren fast alle Arten, die mit dem Leinanbau verknüpft waren. Lein wird nicht mehr angebaut. Und Lein, das weiß jeder, hat eine bestimmte Samenform. Jeder hat schon mal so einen Leinsamen gegessen. Und die Ackerwildkräuter, die mit dem Lein vergesellschaftet waren, die hatten Formen in ihren Samen, die denen der Leinsamen ähnlich waren. Das heißt: Bei der Reinigung des Saatguts für den Leinanbau hat man diese Unkräuter nicht entfernen können und hat sie jedes Jahr wieder mit dem Leinanbau ausgesät. Und wenn es keinen Leinanbau mehr gibt, dann gibt es auch die Lein-Ackerwildkräuter nicht mehr."

Es mangelt an der Vielfalt auf dem Acker, findet auch Annette Otte. Außerdem haben sich die Anbaubedingungen in den vergangenen Jahrzehnten drastisch verändert. Moderne Getreidearten wurden daraufhin optimiert, hohe Mengen von Mineraldünger bestmöglich zu verwerten, indem sie schnell und dicht wachsen. Für die Wildkräuter bleibt in den dichten Beständen der Kulturpflanzen kein Platz. Als Gegenmaßnahme werden seit geraumer Zeit sogenannte Ackerrandstreifenprogramme durchgeführt: Landwirte erhalten eine Entschädigung dafür, dass sie eine schmale Zone entlang des Ackers nicht bestellen und nicht mit Dünger und Pestiziden behandeln. Doch reichen Initiativen dieser Art aus, um eine ursprüngliche Vegetation wieder herzustellen?

"Nee. Das ist eigentlich - das kann man ganz einfach sagen: Nein. Das ist also tatsächlich nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Aber wir sind ja mittlerweile schon so weit, dass wir Fläche aufkaufen müssen, wo noch ein großes Artenspektrum von Ackerwildkräutern vorkommt, damit die nicht auch noch abgetötet werden."

Kornblumen und Klatschmohn am Rand eines Rapsfeldes (dpa/picture alliance/Horst Ossinger)Kornblumen und Klatschmohn am Rand eines Rapsfeldes: Um die Arten ist es nicht gut bestellt. (dpa/picture alliance/Horst Ossinger)

Das Verschwinden der Ackerwildkräuter kann man als einen Indikator dafür sehen, dass das Zusammenspiel von Natur und Kulturlandschaft aus dem Gleichgewicht geraten ist. Als ein Symptom für eine tiefer sitzende Krankheit, für ein forciertes Wachstum, das an seine Grenzen zu geraten droht. Daher kann im großen Stil das Aufkaufen und Stilllegen von Flächen keine dauerhafte Lösung sein, findet Annette Otte.

"Wenn man das tut, entlässt man im Grunde die Landwirtschaft ihrer Verantwortung für die Erhaltung dieser Arten. Und das, was wirklich wichtig ist, ist dass man mit der Landwirtschaft zusammen einen Kompromiss findet über die Intensität der landwirtschaftlichen Bewirtschaftung. Weil es ist einfach so: Wenn auf einer Ackerfläche keine Ackerkräuter mehr vorkommen, dann ist die Nachhaltigkeit der Bewirtschaftung auf diesen Flächen schlichtweg überschritten. Da kann man auch nicht mehr von ordnungsgemäßer Landwirtschaft reden."

EU-Agrarreform: "Nicht sehr ehrgeizig"

Von großer praktischer Bedeutung in diesem Bereich dürfte die gemeinsame Agrarpolitik der EU sein. Deren 360 Millionen Euro schwere Reform wurde Ende 2013 verabschiedet und gilt nun bis zum Jahr 2020. Unter anderem sieht sie vor, landwirtschaftliche Flächen auszuweisen, die dem Schutz der Biodiversität dienen. "Greening" nennt sich das - aber von einer Begrünung sei nicht wirklich zu sprechen, findet Andreas Krüß vom Bundesamt für Naturschutz.

"Wenn Sie die Prozesse, die Diskussionen auf der EU-Ebene verfolgt haben, wie lange es gedauert hat, bis diese Greening-Maßnahmen verabschiedet wurden und was letztlich an Greening-Maßnahmen herausgekommen ist, was alles als Greening bezeichnet werden darf und finanziell bezuschusst wird, so ist das weit von dem weg, was wir uns aus der Sicht des Naturschutzes natürlich gewünscht hätten an Maßnahmen. Also das Greening ist in manchen Fällen - wenn überhaupt - ein leichtes Hellgrün und von Dunkelgrün im Sinne von wirklich effektiven biodiversitäts- und naturschutzfördernden Maßnahmen sehr weit entfernt."

Im Fachmagazin "Science" hat sich eine Gruppe von Wissenschaftlern zu Wort gemeldet, die die Änderungen in der europäischen Agrarpolitik genauestens analysiert hatten. Zu ihnen gehört auch Klaus Henle vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig. Er zieht ein ernüchterndes Fazit:

"Was verbindlich vorgeschrieben ist, ist nicht sehr ehrgeizig und kann die Ziele der Biodiversitätsstrategie nicht erreichen."

Auf deutlichen Widerstand war das Greening zum Beispiel beim Deutschen Bauernverband gestoßen. In den Augen der Agrarvereinigung handelte es sich bei den ökologischen Vorrangflächen um willkürliche Stilllegungen. So entbrannte eine Debatte über ihren Anteil an der gesamten landwirtschaftlichen Fläche. Zu Beginn des Abstimmungsprozesses sei man mit ambitionierten Zielen gestartet, sagt der Biologe:

"Die sind dann aber im Laufe der Verhandlungen verwässert worden. Man hatte ursprünglich zehn Prozent versucht, dann sieben Prozent. Und dann ist man auf fünf Prozent gelandet. Aus ökologischer Sicht ist das auf jeden Fall viel zu wenig. Man hatte schon in den Achtzigerjahren mal ein Ziel von 15 Prozent Vorrangflächen für den Naturschutz auf allen Landschaftstypen, das heißt auch in der agrarischen Landschaft. Und da sind wir jetzt ja deutlich drunter."

Hälfte der Flächen von Reformen nicht betroffen

Und nicht immer dienen die ökologischen Vorrangflächen tatsächlich der Artenvielfalt, warnen die Autoren der Studie.

"Jetzt ist es so, dass es da zum Einen auch eine ganze Reihe von Ausnahmen wieder gibt, und zum anderen dürfen auf diesen ökologischen Vorrangflächen durchaus Agrochemikalien ausgebracht werden, zum Beispiel Pestizide, die die positive Wirkung von Vorrangflächen für die Biodiversität wieder infrage stellen. Und insgesamt gibt es eben sehr viele Ausnahmen, zum Beispiel permanente Anbauformen wie Wein, Obstbau, im mediterranen Bereich Oliven sind von solchen Maßnahmen ausgenommen."

Damit, argumentiert Klaus Henle, falle gut die Hälfte der landwirtschaftlichen Fläche unter den Tisch.

Kornblume
Stehst an der Böschung,
und zwischen den Grashalmen
wippt dein blauer Stern.
Lockst die Hummeln an,
die auf den Blüten landen,
den Nektar saugen.
Einen stillen Gruß,
der dem roten Klatschmohn gilt,
nehmen sie dann mit.

Die EU hat Mindestziele ausgegeben. Das klingt nicht gerade nach einem anspruchsvollen Vorhaben. Können diese Auflagen tatsächlich den heimischen Artenschwund stoppen, möglicherweise sogar den Abwärtstrend umkehren? Wohl kaum. Doch jenseits der Minimalanforderungen an die Agrarindustrie bleibt es den Mitgliedsstaaten freigestellt, über die europäischen Mindestziele hinauszugehen. Zum Wohle der Landwirtschaft und der Artenvielfalt.

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