Umwelt und Verbraucher / Archiv /

 

Asbest-Transport alarmiert Anwohner

Sondermüll aus Niedersachsen soll nach Mecklenburg-Vorpommern verlagert werden

Von Susanne Schrammar

Gefährliche Schönheit: Asbestfasern unter dem Elektronenmikroskop.
Gefährliche Schönheit: Asbestfasern unter dem Elektronenmikroskop. (Wikipedia/GNU)

5500 Lastwagen mit Asbest - die Fracht hat es in sich. Auf einer Halde in Wunstorf bei Hannover liegen tausende Tonnen Asbestschlamm und Asbestscherben, die zur Sondermülldeponie Ihlenberg in Mecklenburg gebracht werden sollen. Bürgerinitiativen sind gegen den Transport.

Wunstorf-Luthe, ein kleiner Ort in der Nähe von Hannover. Im Industriegebiet, hinter Drahtzäunen erhebt sich ein mit Birken und Gras bewachsener kleiner Hügel.

"Das ist die Halde, gefüllt mit Asbestzementschlamm und wahrscheinlich Asbestfilter, Stäuben aus der Produktion der Firma Fulgurit - die saß hier früher auf der anderen Seite."

Das 1990 geschlossene Unternehmen, erzählt Anwohner Rüdiger Hergt, hat eine krankmachende Hypothek hinterlassen: Unter nur wenigen Zentimetern Mulch schlummern 160.000 Tonnen asbesthaltiger Sondermüll. Eine akute Gefahr geht von der stillgelegten Deponie derzeit nicht aus, doch schon ein kleiner Sturm könnte eine der dünnen Birken entwurzeln und die unter der Erde verborgenen hochgradig krebserregenden Fasern freisetzen.

Darum hat die zuständige Region Hannover beschlossen, den Asbest-Müll aus Luthe ausbaggern und wegbringen zu lassen. Mit insgesamt 5500 LKW-Ladungen werden die Abfälle teilweise demnächst auf die Deponie Rondeshagen in Schleswig-Holstein, aber vor allem auf Europas größte Sondermülldeponie Ihlenberg in Mecklenburg-Vorpommern transportiert werden. Doch das bereitet nicht nur Rüdiger Hergt, der nur einen Kilometer von der Asbesthalde in Luthe entfernt wohnt, große Sorgen.

"Es kann ein tiefer Atemzug reichen und dann hat man es in der Lunge, das ist irrsinnig gefährlich und zwar nicht nur für hier die Leute, wo es aufgeladen wird und dort, wo es abgeschüttet wird, sondern auch für alle dazwischen liegenden Nachbarn, die neben einer Straße wohnen, weil es die ganze Zeit abgeweht werden kann."

Anwohner und Naturschützer protestieren gegen die Form des Transports, denn der asbesthaltige Müll soll ohne gesonderte Verpackung auf Kippladern, nur mit einer Plane zugedeckt, 250 Kilometer quer durch Norddeutschland gekarrt werden. Auf diese Weise, fürchten die Kritiker - darunter der BUND und die grüne Landtagsfraktion in Mecklenburg-Vorpommern - könnten sich die hochgiftigen Fasern lösen und in die Atemluft gelangen. Sie fordern einen Stopp des Vorhabens und wollen den gesamten Transport in speziellen Asbestplattensäcken, sogenannten Bigbags, durchführen. Die sind bisher nur für Asbestscherben vorgesehen, die etwa 10.000 Tonnen der Gesamtmenge ausmachen.

"Also, ich kann die Besorgnisse der Bürgerinnen und Bürger sehr gut verstehen, aber vielleicht verfügt man dort nicht immer über die Informationen, die wir hier haben. Es ist eben kein Asbest, wo die Fasern frei liegen, sondern es ist ein Schlamm, die Asbestteile sind gebunden im Schlammmaterial. Es ist also eine ganz andere Konsistenz, als dort angenommen wird."

Der hohe Wassergehalt des Asbestzementschlamms verhindere, dass Fasern sich absetzten, sagt Axel Priebs, Umweltdezernent der Region Hannover. Die Behörde hat ein Fachbüro mit der Konzeption der Entsorgung beauftragt. Die sehe Schutzmaßnahmen vor, damit das Material entsprechend feucht bleibe. Sowohl beim Ausbaggern, als auch später beim Transport, erklärt der Leiter des Ingenieurbüros Harald Burmeier:

"Die leere LKW-Mulde wird mit einem Schalöl eingesprüht, das trägt dazu bei, dass die Ladung leichter abrutscht nachher und trägt auch dazu bei, dass die Fasern gebunden sind. Die Überlegung dabei ist auch, wenn der LKW beladen ist, nochmal auf die Ladung ein Bindemittel gegeben wird und dann erst die Abdeckplane und dann erst der Standort nach Befahren der Reifenreinigungsanlage verlassen wird."

Derzeit prüft die zuständige Genehmigungsbehörde, die Gewerbeaufsicht Niedersachsen, ob es sich bei dem entsprechenden Asbestmüll um Gefahrgut handelt, nur dann wären höhere Sicherheitsvorkehrungen nötig. Dies wäre der Fall, wenn bei der Behandlung mehr als 15.000 Fasern pro Kubikmeter freigesetzt würden. Bei drei Testfahrten, auf denen TÜV-Nord und das Ingenieurbüro unabhängig voneinander gemessen haben, seien die Werte jedoch erheblich unter der erlaubten Grenze geblieben, sagt Burmeier:

"Diese Freisetzungsversuche haben erbracht, dass wir fast keine Asbestfasern vorgefunden haben. Das hat uns bestätigt in unserer Annahme, dass die Asbestfasern in diesem Zement-Wasser-Matrix gut gebunden sind. Dieses macht uns so sicher, dass wir keine Freisetzung während der Transporte bekommen, auch nicht während der Lade- und Abladevorgänge."

"Wir sind uns sehr sicher, dass keine Gesundheitsgefährdung auftreten wird", beteuert auch Umweltdezernent Priebs von der Region Hannover. Die endgültige Genehmigung liegt jetzt jedoch in den Händen der Landesbehörde. Gibt die Gewerbeaufsicht grünes Licht, könnten die Transporte, die sich über mehr als ein Jahr hinziehen werden, vermutlich Ende November beginnen.



Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

Tödliche Fasern mit später Wirkung

 

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Umwelt und Verbraucher

Energie-AnbieterEuGH stärkt Verbraucherrechte

Ein typischer Wechselstromzähler.

Deutsche Strom- und Gasanbieter müssen ihre Kunden vor einer Preiserhöhung künftig besser informieren. Das hat der Europäische Gerichtshof in einem Urteil festgelegt. Preiserhöhungen der letzten drei Jahre können Kunden zurückfordern, allerdings gibt es dabei einiges zu beachten, erklärt Aribert Peters vom Bund der Energieverbraucher.

Indien Illegaler Sandabbau ist ein Milliardengeschäft

EU-KlimagipfelPolen schaut mit Sorge nach Brüssel

Polens Premierministerin Ewa Kopacz spricht im Parlament in Warschau. 

Um 40 Prozent sollen die CO2-Emissionen bis 2030 sinken, so der Vorschlag der EU-Kommission. Ob sie sich damit auf dem Klimagipfel in Brüssel durchsetzen kann, ist fraglich. Denn einige EU-Staaten wehren sich gegen strenge Vorgaben - darunter auch Polen.