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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturDie Entzauberung des Westens18.11.2013

AsienDie Entzauberung des Westens

Vertreter der asiatischen und der westlichen Welt betonen häufig, wie sehr sie sich ihre Kulturen voneinander unterscheiden. Pankaj Mishras verständliche und anregende Studie klärt darüber auf, wie stark der Westen und Asien miteinander verstrickt sind: politisch, ökonomisch und intellektuell.

Von Martin Hubert

Literaturhinweis:

Pankaj Mishra: "Aus den Ruinen des Empires. Die Revolte gegen den Westen und der Wiederaufstieg Asiens", S. Fischer Verlag, 448 Seiten, Preis: 26,99 Euro, ISBN: 978-310-048838-1

Ein junger Shaolin-Mönch bei einer Kampfkunst-Vorführung im berühmten Shaolin-Tempel in Songshan in der chinesischen Provinz Henan. (picture alliance / dpa / Imaginechina)Viele asiatische Staaten wollen sich vom Westen unterscheiden (picture alliance / dpa / Imaginechina)Der indische Publizist und Schriftsteller Pankaj Mishra ist geradezu prädestiniert dazu, die westliche und die asiatische Kultur miteinander zu vergleichen. Denn er lebt sowohl in Indien wie in Großbritannien und ist gleichermaßen im westlichen wie im asiatischen Denken zu Hause. Mishra verfügt also über den doppelten Blick, der es erlaubt, eine Kultur jeweils mit den Augen der Anderen zu betrachten.

Die erste Botschaft seines Buches richtet er vor allem an den westlichen Leser. Mishra schreibt:Für die meisten Menschen in Europa und Amerika ist das 20. Jahrhundert immer noch weitgehend definiert durch die beiden Weltkriege und das langjährige atomare Patt mit dem sowjetischen Kommunismus. Inzwischen ist jedoch deutlicher zu erkennen, dass für die Mehrheit der Weltbevölkerung das zentrale Ereignis des letzten Jahrhunderts das Erwachen Asiens und dessen Auferstehung aus den Ruinen asiatischer wie auch europäischer Reiche war. Das zu erkennen heißt, die Welt nicht nur zu erfassen, wie sie heute existiert, sondern wie sie sich auch weiterhin umgestalten wird - nicht so sehr nach dem Bild des Westens, sondern gemäß den Vorstellungen und Zielen der einstmals subalternen Völker.

Mishra verkennt nicht, dass sich die asiatischen Staaten ökonomisch, politisch und kulturell stark unterscheiden. China, Japan oder die Türkei besitzen heute ein großes Selbstbewusstsein, das vor allem auch auf ökonomischer Stärke beruht – anders als zum Beispiel Afghanistan. Das verbindende Element der asiatischen Länder ist aber nach Meinung Mishras immer noch eine gemeinsame Sehnsucht, die sich ganz unterschiedlich ausdrücken kann. Man will sich vom Gegenbild des "Westens" abgrenzen oder sogar für die vorherige Dominanz rächen: entweder, indem man den Westen ökonomisch überholt, oder sich über Siege von Al Quaida freut.

Die Rolle der westlichen Kolonialherren

Mishra will diese Stimmungslage besser verstehen, indem er den frühen intellektuellen Spuren des östlichen Aufbruchs nachgeht. Er erinnert zunächst daran, wie brutal Großbritannien, Frankreich und andere westliche Staaten im 19. und 20. Jahrhundert Japan, China, Indien und das Osmanische Reich ihrem Diktat unterwarfen. Die Kolonialherren nahmen den Menschen in vielen Ländern Asiens nicht nur die politische und wirtschaftliche Selbstbestimmung, sie repräsentierten auch radikal andere Werte. Mishra zitiert etwa den hinduistischen Gelehrten Swami Vivekananda am Ende des 19. Jahrhunderts.

Vergiftet vom berauschenden Wein neugewonnener Macht, von ihren Begierden übermannt, von Kopf bis Fuß von Alkohol getränkt, ohne jede Form rituellen Verhaltens, unrein, von materiellen Dingen abhängig, mit allen Mitteln nach Grund und Reichtum anderer Menschen greifend, der Körper ihr alleiniges Ich - das ist das Bild des westlichen Dämons in indischen Augen.

Die Entzauberung des Westens, das macht Mishras Buch eindrucksvoll klar, hat in Asien schon sehr früh begonnen. Schon im Jahr 1903 waren zum Beispiel asiatische Besucher in den USA vom dortigen Rassismus und der sozialen Ungleichheit schockiert. Das Ideal westlicher Demokratie war danach in ihren Augen nachhaltig beschädigt. Allerdings registrierten die Denker in China, der Türkei, dem Iran oder Indien natürlich auch, was der westlichen Dominanz zugrunde lag: überlegene Bildung, Wissenschaft, Technik, staatliche und wirtschaftliche Effizienz. Asien musste auf diesen Gebieten gleichziehen, um sich vom Westen lösen und seinen eigenen Weg gehen zu können. Wie schwierig die Suche danach war, demonstriert Mishra hauptsächlich am Beispiel dreier Intellektueller: dem Chinesen Liang Quichao, dem Iraner al-Afghani und dem indischen Nobelpreisträger für Literatur, Rabindranath Tagore. Tagore plädierte vor allem dafür, die spirituelle Seite des asiatischen Denkens zu bewahren.

Liang Qichao gab seine obsessive Konzentration auf den Aufbau des Staates an Mao Zedong und dessen Erben im kommunistischen China weiter; al Afghanis Furcht vor dem Westen und sein obsessives Streben nach einer muslimischen Selbstermächtigung bereiteten den Weg für Atatürk und Nasser wie auch für Ayatollah Khomeini und prägen heute noch die Politik islamischer Gesellschaften.

Antiimperialismus und Abwendung vom Westen

Die Suchbewegungen dieser und vieler anderer im Westen kaum bekannter Intellektueller, die Mishra beschreibt, blieben jedoch widersprüchlich. Ihr Antiimperialismus bewegte sich in nahezu allen denkbaren Schattierungen zwischen Islamismus und Marxismus, dem Aufruf zur Gewalt oder zum Pazifismus, der Idealisierung panasiatischer Kultur und dem Kampf gegen asiatischen Despotismus und Fundamentalismus. Mishras Fazit des ökonomischen und politischen Aufbruchs in Asien hört sich dann auch ernüchternd an.

Bis heute gibt es keine überzeugende universalistische Antwort auf westliche Vorstellungen von Politik und Ökonomie, obwohl beides immer fiebriger wird und gefährlich ungeeignet für weite Teile der Welt erscheint. Ghandi, ihr schärfster Kritiker, ist heute selbst in Indien vergessen. Der Marxismus-Leninismus ist diskreditiert. Und selbst wenn die islamische Moderne der Türkei sich auf andere muslimische Länder übertragen ließe, verweist sie doch auf keine alternative soziale und ökonomische Ordnung.

Die asiatische Sehnsucht, sich vom "Westen" abzugrenzen, ist für Mishra nur die Kehrseite der Tatsache, auch heute noch keine eigene Identität zu besitzen. Diese These ist so allgemein wie gewagt und man kann Mishra vorwerfen, Asien am Ideal einer historischen Alternative zu messen, die er selbst noch nicht einmal im Ansatz skizziert. Aber sein doppelter Blick auf den Westen und Asien macht doch deutlich, wie stark Asien inzwischen selbst mit den Problemen der westlichen Moderne zu kämpfen hat.

Die hinter dem Streben nach endlosem Wirtschaftswachstum stehende Hoffnung - dass Milliarden von Konsumenten in Indien und China eines Tages denselben Lebensstandard haben werden wie Europäer und Amerikaner - ist eine ebenso absurde und gefährliche Phantasie wie die Träume von Al-Quaida. Sie verdammt die globale Umwelt dazu, bald zerstört zu werden, und schafft ein gewaltiges Reservoir an nihilistischer Wut und Enttäuschung.

Mishras verständliche und anregende Studie klärt darüber auf, wie stark der Westen und Asien miteinander verstrickt sind - gerade auch da, wo sie sich voneinander zu unterscheiden suchen. Politisch, ökonomisch und intellektuell. Insofern ist das Buch auch ein Appell, gemeinsam nach Alternativen zu suchen, die jenseits dieser Verstrickung liegen.

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