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StartseiteKultur heute"Eine ganz neue Bildersprache für Kinder und Erwachsene"04.04.2017

Astrid-Lindgren-Preis für Wolf Erlbruch "Eine ganz neue Bildersprache für Kinder und Erwachsene"

Wer Kinder hat, der kennt die Geschichte vom kleinen Maulwurf mit Illustrationen von Wolf Erlbruch. Heute hat er den Astrid-Lindgren-Preis bekommen, die höchstdotierte Auszeichnung für Kinder- und Jugendliteratur. Erlbruch sei ein großer Künstler und gleichzeitig ein Kind, sagte Hermann Schulz, der den Peter Hammer Verlag leitete, im DLF.

Hermann Schulz im Gespräch mit Anja Reinhardt

Der deutsche Illustrator Wolf Erlbruch beim Bekanntgeben des Astrid Lindgren Memorial Preis während der Pressekonferenz in der Königlichen Bibliothek in Stockholm am 4.4.2017. (TT News Agency / Noella Johansson)
Der deutsche Illustrator Wolf Erlbruch beim Bekanntgeben des Astrid Lindgren Memorial Preis während der Pressekonferenz in der Königlichen Bibliothek in Stockholm am 4.4.2017. (TT News Agency / Noella Johansson)
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Anja Reinhardt: Aber sprechen wir vorher doch erst mal über einen Hundehaufen – auch wenn Sie jetzt vielleicht denken, dass das hier nicht der richtige Ort ist. Aber besagter Hundehaufen ist eben der Motor für die Geschichte um den kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat. Wer Kinder hat, der kennt die Geschichte von Werner Holzwarth mit den wunderbaren und sehr komischen Illustrationen von Wolf Erlbruch – ohne Erlbruchs Bilder vom wütenden Maulwurf, dem staunenden Hasen und der schläfrigen Ziege wäre das Buch wahrscheinlich nicht so ein globaler Erfolg geworden. Heute hat der in Wuppertal lebende Illustrator den Astrid-Lindgren-Preis bekommen, die höchstdotierte Auszeichnung für Kinder- und Jugendliteratur, und die Jury erwischte ihn heute mit der Nachricht bei einem Spaziergang. Seine erste Reaktion auf den Anruf: Ach je!

Wolf Erlbruch: "Also mit dem Ehren meiner Person hab ich's ja nicht so …"

Reinhardt: … sagte Wolf Erlbruch mal im Deutschlandfunk, obwohl er schon viele Auszeichnungen bekommen hat. - Ich konnte vor der Sendung mit dem Mann sprechen, der Wolf Erlbruch entdeckt hat: Hermann Schulz, ehemaliger Leiter des Peter Hammer Verlages, bei dem viele Erlbruch-Bücher erschienen sind – und er ist selbst auch Autor. Herr Schulz, das Maulwurf-Buch ist sein bekanntestes – die Eltern mochten es gar nicht, als es in die Buchhandlungen kam, aber die Kinder haben ganz anders reagiert…

Hermann Schulz: Das ist richtig, nicht nur die Kinder, sondern dann auch Erwachsene. Und auf der Buchmesse, als das Buch zum ersten Mal da stand, kamen sogar ganze Gruppen von Nonnen und lachten sich schief über diese Geschichte.

Abbildung des Buchcovers (Peter Hammer Verlag)Eines der bekanntesten Bücher von Wolf Erlbruch: "Vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat" (Peter Hammer Verlag)

Reinhardt: Sie haben ja Wolf Erlbruch vorgeschlagen, oder Sie hatten ihn im Kopf als Illustrator für dieses Buch. Das heißt, die Geschichte ist Ihnen ja erst untergekommen und dann haben Sie überlegt, wer könnte das am besten umsetzen. Richtig?

Schulz: Nein, ganz so ist es nicht gewesen. Ich hatte als Verleger Anfang der 80er-Jahre im vergangenen Jahrhundert eine Geschichte aus Westafrika, "Der Adler, der nicht fliegen wollte", und suchte einen Illustrator, fand aber keinen, weil ich noch gar keine Kinderbücher machte. Und dann war ich auf einer Ausstellung und sah dort eine "Quick" oder eine neue Illustrierte auf dem Rücken liegen und da war die Werbung für eine Tabakfirma. Die zeigte Löwen in einer Kneipe, beim Billard spielen und so weiter. Und dann sagte ich dem Galeristen so nach dem dritten Glas Sekt, wer so zeichnet, müsste eigentlich auch Kinderbücher zeichnen können, wer hat das gemacht. Dann sagte er, ich wohne bei dem im Haus, das ist der Wolf Erlbruch, den kannste jederzeit anrufen.

"Eine ganz neue Bildersprache"

Reinhardt: Was für ein Zufall. – Aber bei rauchenden Löwen auf einen Kinderbuch-Illustrator zu kommen, das ist schon auch, finde ich, interessant.

Schulz: Ja, das war ein Schuss ins Dunkle. Aber Frau Erlbruch war, als ich ihn dann Anspruch, gerade schwanger und das war für Wolf ein Zeichen des Himmels, jetzt sollte er Kinderbücher machen. Und es zeigte sich sehr schnell, dass er nicht nur ein sehr begabter Illustrator war, sondern jemand, der geradezu eine Schule begründet hatte, eine ganz neue Bildersprache für Kinder und für Erwachsene fand.

Reinhardt: Sie haben ja lange mit ihm zusammengearbeitet. Was, würden Sie sagen, hat seinen Stil ausgemacht, oder was macht seinen Stil aus?

Schulz: Vor allen Dingen das Material, und zwar gelang es ihm, selber zu zeichnen, aber auch immer wieder an alte antike Vorbilder erinnernde Elemente einzuführen, alles Collagen.

Reinhardt: Das ist eine sehr künstlerische Herangehensweise.

Schulz: Das zeichnet ihn aus, dass er selber zeichnen kann wie Frans Hals oder Rembrandt. Aber gleichzeitig hat er eine Sinnlichkeit, mit alten Materialien zu arbeiten. Und er malt ja nicht nur, sondern er bastelte auch für seinen kleinen Sohn dann so kleine Schiffe und Hundeschlitten und dergleichen. Und in seinem Wohnzimmer, als ich die ersten Besuche bei ihm machte, fand ich Ölbilder, die tatsächlich an die Klassik erinnerten.

"Innerlich ein Kind"

Reinhardt: Er hatte ja durchaus auch ungewöhnliche Ideen. Wolf Erlbruch hat auch an der Wuppertaler Uni gelehrt, wo er mal Schweinezüchter in seine Vorlesung eingeladen hat, damit seine Studenten eine etwas andere Welt kennenlernen. Inwiefern war das vielleicht auch typisch für ihn?

Schulz: Das ist ganz sicher typisch für ihn, denn ihn jetzt festzunageln als Kinderbuch-Illustrator würde, glaube ich, daneben zielen. Er ist gleichzeitig ein großer Künstler, glaube ich, aber er ist auch innerlich ein Kind. Und wenn man ihn beobachtet hat, wie er mit Kindern seine Bücher signiert und wie er mit den Kindern spricht, wie er sie anguckt, dann würden Sie verstehen, was ich meine. Er hat einen ganz tiefen Sinn und er sagte, eigentlich möchte ich nur noch Kinderbücher machen, und dabei ist er ja im Grunde auch geblieben, obwohl es Kinderbücher gibt wie zum Beispiel "Die Menschenfresserin", die würde ich Kindern unter 16 nicht in die Hand geben.

Reinhardt: Eigentlich hadert er auch mit Preisen. Wolf Erlbruch steht nicht gerne im Mittelpunkt und findet auch die meisten Kinderbücher entbehrlich, wie er mal gesagt hat in einem Interview. Ist er so was wie der Thomas Bernhard der Kinderliteratur?

"Bescheiden und unglaublich selbstbewusst"

Schulz: Das könnte man so sagen. Es ist so: Früher, wenn er einen Preis bekam und da kamen ein paar tausend Euro oder D-Mark, hat er mir die immer gegeben, weil ich sehr viele Projekte in der Dritten Welt hatte. Er sagte, für mich ist das kein Verdienst. Und er hat auch nie einen Euro Vorschuss für seine Bücher genommen, im Gegensatz zu fast allen Autoren, weil es ja üblich ist. Da hat er eine Bescheidenheit und gleichzeitig hat er ein unglaubliches Selbstbewusstsein. Er lehnt auch ganz bestimmte Aufträge ab, wenn sie ihm nicht passen.

Die ersten Bücher waren ja nach Texten von anderen Autoren, aber so nach und nach hat er selber geschrieben und hat dabei auch die ganze Breite seiner Fantasie, seiner Sinnlichkeit mit in die Bücher hineingegeben, und das, finde ich, ist eine tolle Entwicklung gewesen. Ich bin dankbar, dass ich daran teilnehmen konnte.

Reinhardt: … sagt Hermann Schulz, der ehemalige Verleger des diesjährigen Astrid-Lindgren-Preisträgers

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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