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StartseiteBüchermarktAtemberaubend geschrieben, grandios übersetzt20.01.2009

Atemberaubend geschrieben, grandios übersetzt

Saul Bellow: "Die Abenteuer des Augie March", Kiepenheuer & Witsch Verlag

Die politische Welt starrt heute nach Washington. Auch für die literarische Welt ist heute ein großer Tag für die Vereinigten Staaten von Amerika, denn heute erscheint der wichtigste amerikanische Roman der Nachkriegsliteratur in neuer deutscher Übersetzung:

Von Denis Scheck

Saul Bellow  (AP)
Saul Bellow (AP)

Ich bin Amerikaner, geboren in Chicago - dem düsteren Chicago -, habe mir selbst beigebracht, wie man die Dinge in die Hand nimmt, nämlich unkonventionell, und werde auch auf meine Art Erfolg haben: Als Erster klopfe ich an, und als Erster trete ich ein.

So spricht Augie March, Hauptfigur von Saul Bellows atemberaubendem Großwerk "Die Abenteuer des Augie March" . Jedenfalls spricht Augie March so in der grandiosen, weil sich dem Original quecksilbrig anschmiegenden Neuübersetzung von Henning Ahrens, die in diesen Tagen im Verlag Kiepenheuer & Witsch erscheint.

So könnte auch jener Mann sprechen, der heute als 44. Präsident ins Weiße Haus einzieht: Barack Obama. Voller Selbstvertrauen, direkt, kühn, eingängig und unverschnörkelt, dies ist nicht nur der Erzählton von Bellows Roman, dies sind auch die Attribute der Rhetorik eines Mannes, von dem selbst sein glückloser Vorgänger George Walker Bush in seiner landesweit übertragenen Abschiedsrede behauptet:

""Auf den Stufen des Kapitols wird ein Mann stehen, dessen Geschichte das bis heute gültige Versprechen unseres Landes reflektiert; dies ist ein Augenblick voll Hoffnung und Stolz für unsere ganze Nation.""

In diesem Punkt jedenfalls wird einmal kaum jemand George W. Bush widersprechen. Augie March und Barack Obama teilen mehr als denselben Redestil. Im Wahlkampf hat Obama sich bei einem Auftritt in Philadelphia am 17. April - allerdings vor einem nahezu ausschließlich jüdischen Publikum - zu zwei Lieblingsautoren bekannt, die sein Denken maßgeblich geprägt hätten: Philip Roth und Saul Bellow.

Während ersterer auch in Deutschland immer populärer wird, ist Saul Bellow, Literaturnobelpreisträger des Jahres 1976, nach seinem Tod 2005 hierzulande fast schon in Vergessenheit geraten. Das hat der intellektuell stets anregende und dabei hinreißend unterhaltsame Bellow nicht verdient. Und das will sein deutscher Verlag Kiepenheuer & Witsch nun durch die Publikation einer Kassette mit drei seiner wichtigsten Romane ändern. Pünktlich zur Amtseinführung Obamas erscheinen Saul Bellows "Herzog", "Humboldts Vermächtnis" und eben "Die Abenteuer des Augie March" in neuen Übersetzungen.

Die Aussicht auf einen populären und vor allem: belesenen Nachmieter in der zunehmend schwer vermittelbaren Immobilie Pennsylvania Avenue 1600 hat rund um den Globus groteske Vorschusslorbeeren sprießen lassen. Etwas zur Beethygiene der internationalen Begeisterung über den ersten schwarzen Präsidenten der USA mag jene Tatsache beitragen, die in der deutschen Diskussion um Barack Obama bislang wenig Beachtung findet: der Mensch gewordene Messias made in USA ist Produkt des Kandidatenkarussells Chicagos - also der korruptesten Politmaschinerie der Welt.

Was das konkret bedeutet, lässt sich nirgendwo besser herausfinden als in den lebensklugen Romanen Saul Bellows. In einem Gespräch kurz vor seinem Tod bekannte Bellow, der wenige Jahre zuvor die Stadt, in der er Jahrzehnte gelebt hatte und wo seine meisten Romane spielen, im Zorn verlassen hatte:

"Nicht ich habe Chicago verlassen - man könnte sagen, Chicago hat mich verlassen. Wenn man dort aufgewachsen ist, tut es ziemlich weh, heute in dieser Stadt zu sein. Als die deutschen Städte im Zweiten Weltkrieg dem Erdboden gleichgemacht wurden, baute man sie wieder auf. Ein ähnlicher Vorgang hat sich in Chicago abgespielt. Das alte Chicago, das ich kannte und in dem ich aufgewachsen bin, ist verschwunden. Nicht nur einzelne Viertel oder die Innenstadt, der gesamte Charakter der Stadt hat sich von Grund auf verändert. Aber meine Verbindung zu Chicago ist so stark, dass ich häufig das Gefühl habe, immer noch dort zu sein. Chicago macht einen zum Philosophen, denn die Stadt führt ihren Bewohnern unablässig die Vergänglichkeit alles Sterblichen vor Augen. Wenn ich heute durch ihre Straßen gehe, habe ich deshalb eine doppelte Pflicht - die Stadt so zu sehen, wie sie jetzt ist, und mich daran zu erinnern, wie sie früher einmal war. Mir fällt dann ein, wer in diesem Haus gewohnt hat und wer in jenem, wer noch lebt und wer gestorben ist. Und jetzt, wo ich in Boston lebe, tröstet mich der Gedanke an die ständig wachsende Zahl der Toten - die haben Chicago schließlich auch verlassen. "

Bellow hat der Stadt seiner Kindheit ein Denkmal gesetzt mit dem modernen Schelmenroman "Die Abenteuer des Augie March". In einem überbordenden Redestrom, durchsetzt von Straßenslang und Zitaten aus dem klassischen Bildungsgut, schildert der Ich-Erzähler Augie March seine Jugend in den Slums von Chicago zur Zeit Al Capones, der Billardhallen und Flüsterkneipen. Augie March, das ist ein jüdischer Huckleberry Finn, respektlos, dreist und voll ansteckender Lebenslust - eine Figur, wie es sie in der amerikanischen Literatur nie zuvor gegeben hatte.

Dabei fasziniert, dass Augie auf den 859 nie langweiligen Seiten dieses Buchs im Grunde eine Niederlage nach der anderen einstecken muss, ohne sich davon im mindesten beeindrucken zu lassen: ob seine Mutter erblindet, ob er sich während der Weltwirtschaftskrise als Schuhverkäufer durchschlagen muss, ob er im Zweiten Weltkrieg Schiffbruch vor der Küste Afrikas erleidet und im Rettungsboot fast erschlagen wird, oder ob er am Ende erfährt, dass ihn seine Frau vom Beginn der Ehe an nach Strich und Faden betrogen hat: Augie ist immer obenauf.

Meine Sehnsucht war groß, aber wonach ich mich sehnte,
wusste ich nicht,


bekennt der in seinem unersättlichen Lebenshunger und Wissensdurst so unterhaltsame Augie March an einer Stelle. Sein Autor Saul Bellow hat ihn Anfang der 50er Jahre als amerikanische Antwort auf Voltaires "Candide" konzipiert - und mit dieser auch heute noch in Bann schlagenden Figur die beste Erklärung des für Europäer oft so unerklärlichen amerikanischen Grundoptimismus geschaffen.

Nach zwei Dritteln des Romans sitzt Augie March mit einem durch den Huftritt eines Pferds zertrümmertem Gesicht in Mexiko, die Liebe seines Lebens hat ihn gerade verlassen und ist mit einem anderen durchgebrannt, seine ökonomischen Aussichten sind gleich null. Und was geht Augie March durch den Kopf?

Man muss einen Menschen aus sich machen, der sich von diesen Schrecken nichts ins Bockshorn jagen lässt. Dadurch erfährt man zwar keine Gerechtigkeit und ist auch anderen gegenüber nicht gerecht, aber man überlebt. Und genau das tut die Menschheit seit jeher. Sie besteht aus Millionen solcher Erfinder oder Künstler, die allesamt irgendwie versuchen, andere zu ihrer Unterstützung zu rekrutieren, damit sie ihren Schein nach außen hin wahren können. Die größten Bosse und Anführer rekrutieren die größte Zahl von Helfern, und genau darauf beruht ihre Macht.

Wie kaum ein zeitgenössischer amerikanischer Autor hat sich Saul Bellow immer wieder in das politische Geschehen Chicagos eingemischt. Oft genug geißelte er die Vorgänge in der Lokalpolitik dieser Stadt, deren gelebtes Demokratieverständnis dem Bayerns, Kölns, Stuttgarts und Palermos ähnelt, Orten also, deren Bevölkerung sich gern von Menschen regieren lässt, die sie kennt und deren Väter sie auch schon kannte. Der seit 1989 amtierende Bürgermeister von Chicago heißt Richard M. Dayley, Sohn von Richard J. Dayley, der die süße Bürde des Bürgermeisteramtes von Chicago 1955 schulterte und sie erst 21 Jahre später unfreiwillig niederlegte: Er starb im Amt an einem Herzinfarkt. Den demokratischen "Bosses" wie Dayley senior galt einerseits Bellows ganzer Spott, andererseits sah er wie wenige auch ihre Vorzüge. 2004 bilanzierte Saul Bellow:

"Schlimmer ist es wohl nicht geworden. Die alten Machtstrukturen, die politischen Apparate der Stadt sind heute verschwunden. Diese politischen Apparate waren zwar korrupt, haben allerdings auch viel Gutes für die Einwanderer getan und Hilfestellungen geleistet, die die heutige Regierung nicht mehr anbieten kann. Die Patrone des Systems, die Politiker und Gewerkschaftsbosse, verhielten sich auf ihre Weise loyal gegenüber ihren Heimatvierteln, es bestand da eine persönliche Beziehung - sie boten ihrer Klientel Jobs, sorgten für ein Minimum an städtischen Dienstleistungen und nahmen auf ihre Weise Anteil am Gemeindeleben. Es war natürlich ein durch und durch verrottetes, verlogenes und kriminelles System. Doch der größte Dieb des Landes ist in meinen Augen heute die Bundesregierung in Washington, die einem bis zu fünfzig Prozent des Einkommens abknöpft. Ich bin zwar Patriot, aber alles hat seine Grenzen."

Wer "Die Abenteuer des Augie March" gelesen hat, wird sich vom skeptischen Patriotismus Saul Bellows anstecken lassen.

Saul Bellow: "Die Abenteuer des Augie March", Deutsch von Henning Ahrens, Kiepenheuer & Witsch, 859 Seiten, 29.95 Euro

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