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StartseiteBüchermarktAtemberaubend17.11.2003

Atemberaubend

Frederick Forsyth auf den Spuren eines Rächers

Wer hat beim Massaker von Srebrenica geschossen? Man kennt den Hauptverantwortlichen General Mladic, der immer noch auf freiem Fuß ist Aber hat je ein Gericht die Handlanger angeklagt? Was ist aus den Peinigern der Folterlager geworden, den Vergewaltigern, den Angehörigen jener serbischen Milizen, die im bosnischen Hinterland und im Kosovo unzählige Menschen systematisch ermordeten? Den einen oder anderen hat man vor dem Haager Tribunal für Menschenrechte gesehen, einige wenige Kriegsverbrecher sind verurteilt, aber wie viele werden wohl nie zur Rechenschaft gezogen?

Joachim Scholl

Frederic Forsyth, "Der Rächer" (Bertelsmann)
Frederic Forsyth, "Der Rächer" (Bertelsmann)

Es mögen solche Fragen gewesen sein, die Frederick Forsyth zu seinem neuen Roman inspiriert haben. Und was wäre, wenn nun ein Mann sich an die Fährte eines dieser untergetauchten Mörder heften, ihn aufspüren, kidnappen und der gerechten Strafe zuführen würde? Wie könnte das ablaufen? Wer hätte die Mittel und die Fähigkeiten zu einer solchen Aktion? Wohl nur ein Profi. Er wird sehr viel Geld kosten und sehr viel Geld brauchen, dazu Logistik, modernste Kommunikation und Waffen, und wenn es soweit ist: die notwendige Härte und Kaltblütigkeit, die nur einer aufbringt, wenn er selbst das Geschäft des Tötens beherrscht und darin überlebt hat.

Im vorliegenden Fall heißt dieser Profi Calvin Dexter, ein Vietnam-Veteran und ehemaliges Mitglied einer Spezial-Einheit von Elitekämpfern. Im offiziellen Leben honoriger Anwalt, geht er im Untergrund auf Verbrecherjagd, sein Deckname ist Programm: "Avenger", der Rächer. Die aktuelle Zielperson, ein serbischer Milizen-Chef und brutaler Killer, wähnt sich noch sicher und verschwendet keinen Gedanken an jenen Tag im Mai 1995, als er und seine Bande einen jungen amerikanischen Mitarbeiter einer Hilfsorganisation in einer bosnischen Jauchegrube zu Tode folterten.

Dass dessen Großvater ein Milliardär und harter Knochen ist, wird ihm zum Verhängnis. Derweil lebt der Gesuchte in einer mittelamerikanischen Bananenrepublik, umgeben von einer Privatarmee, in einer Hightech-Villa, im Luxus eines zusammengeraubten Millionenvermögens. Wie ist an ihn heranzukommen? Kann Calvin Dexter das überhaupt allein schaffen? Zudem die CIA ihre eigenen Interessen an dem Serben hat, der nämlich ein wichtiger Mittelsmann zu einem Terroristen namens Osama bin Laden ist. Da stört ein solcher Rächer bloß, Washington gibt ihn zum Abschuss frei...

Der einsame Streiter gegen übermächtige Gegner, einer gegen alle – das ist stets die simple Grundstruktur von Forsyths Romanstoffen, aus der er jedoch ein überaus komplexes, hoch kunstvoll verschlungenes Gewebe von Figuren, Handlung und äußerster Dramatik knüpft. Technische, geographische, historische und politische Details spielen dabei eine wesentliche Rolle, hier ist Frederick Forsyth unter allen Thriller-Autoren mit Abstand der beste. Er braucht, so hat er einmal gesagt, nur wenige Tage, um sich die Story auszudenken. Sie niederzuschreiben dauert im Schnitt einen Monat. Dazwischen liegen jedoch in der Regel mehrere Jahre an Recherche.

Forsyth jettet um die halbe Welt, jeder Schauplatz wird besucht, er führt zahllose Gespräche mit Experten, oft in Hinterzimmern, auch mit Männern, die ihre Sonnenbrille nicht abnehmen und große Scheine für ihre Information erwarten. Auf so manchem Dossier, das er einsieht, steht "Classified – streng geheim".1971, als er in dreißig Tagen seinen Erstling und Weltbestseller "Der Schakal" schrieb, war er noch pleite, jetzt leistet sich der Multimillionär jeden Aufwand, um Fakten zu schaffen für Geschichten, die mit einem Minimum an Fiktion auskommen. Nur ‚plot‘ und Personen sind erfunden, die Verhältnisse real.

Ob es die besonderen Waffen sind, die in den unterirdischen Tunnelanlagen des Vietcong zum Einsatz kamen, die Funktionsweisen eines Düsentriebwerks oder die geheimen Protokolle der amerikanischen Administration für den Agenten-Einsatz im Ausland – Forsyth besorgt diese Wirklichkeiten, um seine eigene literarische damit auszustaffieren. Man hat dem Autor immer wieder vorgeworfen, dass diese Informationsdichte auf Kosten jeglichen psychologischen Raffinements ginge. Das hat der Autor nonchalant bestätigt: "Wenn Sie satte Liebesgeschichten wollen", sagt er, "nehmen Sie sich einen Barbara-Cartland-Roman, wenn sie psychologische Porträts verlangen, dann gibt es doch Paul Theroux. Aber wenn Sie von Leuten lesen wollen, denen man die Eier platt macht, dann bin ich Ihr Mann." In der Tat fühlen Forsyths Helden erschreckend wenig, sie sind in der Regel traumatisierte Wesen, die mechanisch ihren Job verrichten, in einer reinen Männerwelt voller Egoismus, Machtmissbrauch, Intrigen und Gewalt, wo seelische Feinheiten nicht zählen, sogar gefährlich sind. Insofern bleibt ein Forsyth-Roman stets Geschmacksache, man mag diesen Stil und die schnörkellose Schreibweise oder eben nicht.

Gemessen an seinen Verhältnissen jedoch, bewegt sich Forsyth mit dem neuen Buch auf oberstem Niveau. Die Konstruktion ist meisterhaft, die Präzision atemberaubend, die Pointe schlüssig und überraschend, wer sich davon packen lässt, legt den Roman so schnell nicht aus der Hand. Verblüfft stellt man zudem fest, mit wie wenig erfundener Gewalt die Handlung im Grunde auskommt. Eine Bluttat steht am Anfang, wie sie sich in der Realität unzählige Male ereignet hat. Calvin Dexter hat sein Handwerk im Krieg gelernt, aber er tötet nicht. Nur die Gangster, die seine Tochter auf dem Gewissen haben – das ist sein Trauma -, erleben einen rabenschwarzen letzten Tag.

Und jener reiche Großvater, dessen größte Genugtuung ein von Kugeln durchsiebten Schlächter seines Enkels zu sehen, empfängt lediglich einen Telefon-Anruf: Auftrag erledigt, der Killer in den Händen des FBI. Dass die CIA dabei ebenso ausgetrickst wird, kann man als Seitenhieb des überzeugten Briten Forsyth auffassen. Der Plan der Agency, mit einem Mörder zu paktieren, fußte sowieso auf einer Illusion. Osama bin Laden hat seine Befehle längst gegeben. Der Roman endet am 10. September 2001. Hier beginnt eine andere Geschichte...

Frederick Forsyth
Der Rächer
C.Bertelsmann, 320 S., EUR 21,90

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