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Atomare Nachbeben im Stillen Ozean

Die Folgen der französischen Nukleartests auf Mururoa

Von Andreas Stummer

Französischer Atombombentest auf dem Mururoa-Atoll 1971.
Französischer Atombombentest auf dem Mururoa-Atoll 1971. (AP Archiv)

Von 1966 bis 1996 war das Mururoa-Atoll im Südpazifik Frankreichs ausgelagertes Atomtestgelände. Insgesamt detonierten dort 193 Atombomben, zunächst in der Atmosphäre, später unterirdisch. Auch 40 Jahre nach dem ersten Atomtest haben viele noch mit den Spätfolgen der französischen Atomtests zu kämpfen.

Tahiti, 1966: Der stille Ozean bebt. Die türkis-blaue Südsee in der Lagune von Moruroa schäumt auf wie kochende Milch. Ein gigantischer Atompilz wölbt sich in den wolkenlosen Himmel. Jubel im Kontrollraum. 16.000 Kilometer weit weg von Paris wird Frankreich Vollmitglied im Club der Nuklearmächte.

Moruroa oder wie die Franzosen lernten, die Bombe zu lieben. Für die nächsten 30 Jahre ist das nur 300 Quadratkilometer große Korallenatoll Frankreichs das Zentrum der nuklearen Muskelspiele Frankreichs: ein Atom-Testgelände im Paradies mit verheerenden Folgen für die 250.000 Einwohner der französischen Südsee-Kolonie.

Raymond Pia hat ein altes Farbfoto hervorgekramt. Beschriftet "Moruroa, 1972" zeigt es den heute 53-jährigen Tahitianer im Kreis seiner Kollegen. Die zehn Arbeiter posieren lachend und mit Schutzhelmen auf dem Kopf in einem der Bombenschächte. Raymond ist der Einzige auf dem Bild, der heute noch am Leben ist. Jeder seiner Freunde starb an Leukämie, Raymond leidet seit Jahren an Krebs. Seine Zeit auf Moruroa kommt einem Todesurteil gleich.

"Was die französische Regierung meinem Volk angetan hat, ist nur schwer zu vergeben. Die Atomversuche haben Generationen von Tahitianern umgebracht. Und wer schwer krank ist, der weiß, dass die Zeit auf dem Atomtestgelände daran schuld ist."

Roland Oldham ist kein Arzt, sondern Gewerkschafter. Er vertritt 3000 Arbeiter, die auf Moruroa beschäftigt waren. Kaum einer ist älter als 50. Wie viele Tahitianer, die über Jahre auf dem Testgelände angestellt waren, das wissen nur die Franzosen. Doch sie halten alle Dokumente als "streng geheim" unter Verschluss. Die Regierung in Paris streitet weiter ab, dass die Atomtests die Menschen und die Umwelt Tahitis jemals radioaktiv verseucht hätten - eine Behauptung gegen die Mitte der 90er Jahre Rüstungsgegner weltweit Sturm liefen.

Zehntausende demonstrierten in den Nachbarländern Neuseeland und Australien vor den französischen Landesvertretungen. Waren und Flüge aus Frankreich, selbst Sprachkurse wurden boykottiert. Restaurantbesitzer Jean-Claude Demary aus Toulouse fürchtete um sein Leben. Genauso wie Champagner, Autos, Mode und Parfum aus Frankreich stand auch sein Bistro in Sydney auf der schwarzen Liste. Seine Zukunft in Australien wurde von seiner französischen Vergangenheit eingeholt.

"Wie jeder war auch ich gegen die Bombe. Aber ich hätte bald schließen
müssen. Anderen Läden wurden sogar die Scheiben eingeworfen. Ein französisches Restaurant hat einfach ein Schild ins Fenster gestellt: 'Schweizer Gasthaus – Wir kaufen australisch'."

In der Sprache der Ureinwohner bedeutet Moruroa "Großes Geheimnis". Die Franzosen haben 40 Jahre lang alles getan, dass das auch so bleibt. Für Journalisten oder unabhängige Wissenschaftler gilt auf Moruroa "Betreten verboten". Bis heute existieren keine offiziellen Strahlungstabellen, Krebsstatistiken oder Umweltgutachten der französischen Regierung. Laut einer Studie der Vereinten Nationen sind 20.000 Menschen allein in Tahiti an den Folgen der Atomtests gestorben. Dr. Gilles Soubiran, ein Mediziner in der Hauptstadt Papeete, aber glaubt, dass die Zahl weit höher liegt:

"Viele Menschen sind vor den 80er Jahren gestorben. Damals war unser
Gesundheitssystem noch so unterentwickelt, dass wir Folgekrankheiten wie Leukämie gar nicht feststellen konnten."

Die Wirtschaft und der Tourismus, Tahitis Haupteinnahmequelle, stagnieren. Die Kluft zwischen Arm und Reich ist größer, die Loyalität der Südsee-Kolonie zu Frankreich aber ist kleiner geworden. Heute tickt dort eine gesellschaftliche Zeitbombe. Denn nicht nur die früheren Arbeiter auf Moruroa, auch die französischen Veteranen der Atomtests, wollen von der Regierung in Paris Schadenersatz. Mechaniker Michel Desfontaine ist heute fast blind. Er kam jahrelang mit verseuchtem Wasser in Berührung, als er Beobachtungsflugzeuge abspritzte, die bei den Tests durch radioaktive Wolken geflogen waren.

"Ich habe Frankreich gedient, und dafür möchte ich eine Anerkennung. Wir Veteranen wollen nicht nur finanziell entschädigt werden, wir haben auch eine moralische Wiedergutmachung verdient."

Erst im Jahr 2000, nach fast 200 unter- und überirdischen Atomtests, zogen die Franzosen von Moruroa ab. Zurück blieb eine riesige Atommüllhalde – perforiert von 140 Bohrschächten in denen, kilometertief, radioaktive Abfälle liegen. Greenpeace-Aktivistin Jill Emberson nennt Moruroa ein Tschernobyl unter Wasser. Denn der poröse Basaltsockel der Korallen-Insel ist so löchrig wie ein Schweizer Käse:

"Greenpeace hat Beweise für tiefe Risse im Atoll und die Verstrahlung des gesamten Gebietes. Es ist eine Schande, das ein Land, das sich gerne als die Wiege der Demokratie darstellt ein ganzes Volk solch einem fürchterlichen Experiment aussetzt - und dann vorgibt, es sei nie passiert."

Trotz Plutoniums in der Lagune, Cäsium-verseuchtem Meeresplankton und
toten oder missgebildeten Fischen mit Strahlenwerten bis zu 2500 Mal über Normal: Für die Regierung Frankreichs ist 40 Jahre nach dem Zünden der ersten Bombe das Kapitel "Nuklear-Testgelände Moruroa" beendet. Die Menschen in Französisch Polynesien aber müssen weiter mit den Folgen leben - und auch weiter daran sterben. Und das wohl noch die nächsten 100.000 Jahre.

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