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StartseiteHintergrundAtomausstieg ja, die Frage ist nur wann?27.05.2011

Atomausstieg ja, die Frage ist nur wann?

Am Wochenende beraten Ethikkommission und Koalitionsausschuss

Der Rückbau stillgelegter Kernkraftwerke könnte Alltag in Deutschland werden. Denn die Vorbereitungen für eine Energiewende gehen in die letzte Phase. Der Abschlussbericht sogenannten Ethik-Kommission soll Grundlage für die anstehende Entscheidung der Bundesregierung zum Atomausstieg sein.

Von Dagmar Röhrlich, Wolfram Stahl und Dirk Vilsmeier

Fünf vor Zwölf für deutsche Atomkraftwerke - der Ausstieg ist beschlossen. Ein Termin allerdings noch nicht. (picture alliance / dpa)
Fünf vor Zwölf für deutsche Atomkraftwerke - der Ausstieg ist beschlossen. Ein Termin allerdings noch nicht. (picture alliance / dpa)

Eine Betonstraße führt kilometerlang durch den Naturpark am Stechlinsee im Norden Brandenburgs. Sie endet an einer Mauer mit Stacheldraht: dahinter das stillgelegte Kernkraftwerk Rheinsberg.

Kameras überwachen das Gelände. Der Wachschutz lässt nur angemeldete Besucher und Beschäftigte ein. Der Reaktor wurde bereits 1990 - noch vor der Wiedervereinigung - abgeschaltet, seit 1995 wird rückgebaut. Hartmut Gülow leitet die Demontage im Atomkraftwerk Rheinsberg.

"Wenn hier nicht das letzte My von Kontamination aus diesem Bau entfernt ist, werden wir nicht aus dem Atomgesetz entlassen, und danach muss man diese Anlage auch weiterhin bewachen."

Der Rückbau stillgelegter Kernkraftwerke könnte Alltag in Deutschland werden. Denn die Vorbereitungen für eine Energiewende gehen in die letzte Phase. Morgen kommt unter der Leitung von Klaus Töpfer die sogenannte Ethik-Kommission zur Zukunft der Energieversorgung zu ihrer Abschlusssitzung zusammen. Deren Abschlussbericht soll Grundlage für die anstehende Entscheidung der Bundesregierung zum Atomausstieg sein. Nach der Katastrophe im japanischen Fukushima stellte die schwarz-gelbe Koalition ihre erst im vergangenen Herbst beschlossene Laufzeitverlängerung auf den Prüfstand. Von den 17 deutschen Atommeilern mussten die sieben ältesten vom Netz. Auch nach Ablauf des dreimonatigen Atommoratoriums am 15. Juni sollen sie – darauf einigten sich heute die Umweltminister von Bund und Ländern – abgeschaltet bleiben.

Jeden Morgen bespricht Ingenieur Gülow mit seinen Leuten den Tagesplan. Vor 45 Jahren, am 9. Mai 1966, ging Rheinsberg ans Netz - noch vor Gundremmingen in Bayern. Damit hatte die DDR damals den technologischen Wettlauf um Atomstrom gegen die Bundesrepublik gewonnen. Der 70-Megawatt-Reaktor konnte eine Stadt wie Leipzig mit Strom versorgen. Über der Tür im zentralen Schaltraum hängt heute noch ein Kalender aus DDR-Zeiten. Kernkraft für eine friedliche Zukunft – ist darauf zu lesen.

"Wir haben über 530 Räume im Kontrollbereich, wo wir Armaturen, Antriebe bis hin zum Brennelemente-Becken haben, die wir alle zurückbauen müssen. Wir haben noch ein Lager für feste und flüssige Rückstände, bis 2014 hoffen wir, dass wir alles Wichtige rausgebaut haben, denk ich."

Auf ein Datum einigen konnte sich die schwarz-gelbe Berliner Koalition dagegen noch nicht. Eine Entscheidung könnte aber bereits an diesem Wochenende fallen. Am Sonntag beraten die Koalitionsspitzen im Kanzleramt. Bislang hat sich die CDU unter Bundeskanzlerin Angela Merkel noch nicht auf ein konkretes Ausstiegsdatum festgelegt. Die CSU unter Parteichef Horst Seehofer plädiert für das Jahr 2022. Die FDP unter ihrem neuen Vorsitzenden Philipp Rösler wiederum will ein Ausstiegsdatum mit den Fortschritten beim Umbau der Energieversorgung verknüpfen. Das Kabinett soll Anfang Juni entscheiden. Danach sollen die Gespräche über Atomausstieg und Energiewende mit SPD und Grünen fortgesetzt werden.

Schrauben werden aufgedreht, Kleinteile auseinander gebaut, Rohre durch Schweißen getrennt. Die Betonwände im Kernkraftwerk Rheinsberg sind 1,70 m stark und mit Eisen armiert, so dick wie ein Unterarm. Brennkammer und Brennstäbe wurden schon demontiert und lagern seit Jahren im Zwischenlager Greifswald. Als Nächstes ist die sogenannte heiße Zelle im Innern des Reaktors dran. Geschützt durch Beton und dickes Bleiglas werden dort Armaturen ferngesteuert zerlegt. Die Männer tragen orangefarbene Overalls, Hand- und Überschuhe. In ihren Brusttaschen stecken Dosimeter.

"Also beim Rückbau im Reaktorsarg gab es noch keine gefährlichen Situationen, wo eine Dosis überschritten wurde. Also der betriebliche Grenzwert für die Dosisbelastung des Personal ist 200 Mikrosievert pro Tag. Das entspricht ungefähr fünf Flügen von New York nach Frankfurt."

Eine gigantische Menge von etwa 300.000 Tonnen Beton, Schutt, Sand, Metall und anderen Stoffen wird bis zum vollständigen Rückbau im Jahr 2014 auf Strahlung untersucht worden sein. Die Kosten für die Demontage werden auf 560 Millionen Euro geschätzt. Von ehemals 500 Mitarbeitern sind noch 140 in der Anlage beschäftigt. Die große Erfahrung und das immense Wissen der Rheinsberger Ingenieure sind laut Hartmut Gülow mittlerweile auch anderswo gefragt.

"Wir sind ja in Jülich beim Rückbau des Hochtemperaturreaktors, wir sind in der Wiederaufbereitungsanlage in Karlsruhe, wir haben einen Auftrag in Obrigheim beim Kernkraftwerk dort, den Reaktor mit Einbauten zu zerlegen und zu entsorgen. Der Markt, der verlangt förmlich nach Ingenieuren, Technikern, die erst einmal die ganze Vorlaufplanung machen."

Auf den ersten Blick ist es kein Problem, ein Kernkraftwerk abzuschalten: Die Steuerstäbe werden vollständig eingefahren - die Kettenreaktion stoppt - und das war es. Allerdings ist der Begriff "abgeschaltet" relativ: Denn auch ohne Kettenreaktion läuft der radioaktive Zerfall, und damit entsteht in den Brennelementen weiterhin Wärme, sie bleiben sehr heiß. Michael Sailer vom Ökoinstitut Darmstadt und Mitglied der Reaktorsicherheitskommission:

"Mit dem Abschalten ist natürlich das Risiko, dass der Reaktor beim Betrieb Schwierigkeiten hat, weg. Sie müssen aber auch die abgeschalteten Brennelemente kühlen, und dort ist dann auch noch Sicherheit erforderlich."

Denn der radioaktive Zerfall bleibt vier, fünf Jahre lang so intensiv, dass die Brennelemente aktiv gekühlt werden müssen:

"Wenn die Kühlsysteme nicht funktionieren, wird das Lagerbecken heiß. Das ist ja so ein großes Schwimmbad mit Fächern, in denen dann die Brennelemente drin stehen, und das dauert viele Stunden, bis man zur Siedetemperatur kommt, wenn die Kühlung ausgefallen ist."

Genau das verhindert derzeit in zwei - bereits vor Erdbeben und Tsunami - abgeschalteten Blöcken von Fukushima Daiichi eine einzige unbeschädigte Notkühlanlage. Würde auch sie ausfallen, würde das Wasser verdampfen und die hier gelagerten, längst "ausgedienten" Brennelemente könnten schmelzen. Nach dem Abschalten eines Atomkraftwerks ist das Risiko also nicht schlagartig gleich null - es sinkt allerdings beträchtlich:

"Wenn was schief geht, geht es dann aber nicht um Viertelstunden, sondern eher um viele Stunden, also Sie können besser reagieren und Sie haben mehr Zeit zum Reagieren, wenn ein System kaputt geht. Sie müssen natürlich auch aufpassen, dass Sie keine massive Auswirkung von außen kriegen, die sozusagen das Lagerbecken leckschlägt. Denn wenn das Wasser wegläuft, geht natürlich auch keine Kühlung mehr."

Was das für einen Reaktor im Rückbau schlimmstenfalls bedeuten könnte, zeigt wieder das Beispiel Fukushima. Dort war Block 4 zum Zeitpunkt des Erdbebens in Revision und entladen. Deshalb stehen im Lagerbecken nicht nur die ausgedienten Brennelemente, sondern auch die heißen. In diesem Block ist die Notkühlung ausgefallen - und das Wasser seit Wochen am oder kurz vor dem Siedepunkt. Würde jetzt die behelfsmäßige Kühlung versagen, käme es nach wenigen Tagen zur Kernschmelze.

"Wenn die Brennelemente sich überhitzen, können ähnliche Mengen an längerlebigen radioaktiven Stoffen herauskommen, Cs 137 zum Beispiel."

Schließlich steckt in den Brennelementen fast die gesamte Radioaktivität eines Reaktors. Das heißt: Solange die Brennelemente aktiv gekühlt werden müssen, kann durch ein schweres Erdbeben oder einen Flugzeugabsturz Radioaktivität freigesetzt werden. Egal, ob der Reaktor nun vom Netz ist oder nicht. Dabei ist das Risiko von Anlage zu Anlage unterschiedlich. Michael Sailer:

"Wenn man die älteren Siedewasserreaktoren anguckt, Anlagen wie Brunsbüttel oder Krümmel, ist das Lagerbecken an einer ähnlichen Stelle wie in Fukushima. Im oberen Stockwerk der Anlage. Wenn also das Gebäude oben zerstört wird, würden die Brennelementlagerbecken frei stehen."

Das gilt auch für das Kernkraftwerk Isar 1 bei Landshut - und überhaupt für die ältesten deutschen Anlagen wie Biblis A oder Brunsbüttel, die nur schlecht gegen Flugzeugabstürze gewappnet sind. Bei den moderneren Duckwasserreaktoren wie Neckarwestheim 2 sieht die Lage anders aus:

"Wenn Sie die Druckwasserreaktoren, also alle die, die die bekannten Kuppeln haben, angucken, da ist das Lagerbecken /mit den gleichen Barrieren nach außen geschützt wie der Reaktor selbst."

Schwere Unfälle sind auch in einem abgeschalteten Kernkraftwerk möglich – allerdings sind sie sehr viel unwahrscheinlicher. Das Risiko, das nun noch von ihnen ausgeht, erledige sich erst nach einigen Jahren, erklärt Frank-Peter Weiß, technisch-wissenschaftlicher Geschäftsführer der GRS, der Kölner Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit und ebenfalls Mitglied der Reaktorsicherheitskommission:

"Langfristig, ganz klar, bekommen Sie einen Zuwachs an Sicherheit/, wenn Sie die Brennelemente nicht mehr nass lagern müssen. Wenn Sie sie trocken lagern können in Castoren, so wie das heute schon in den standortnahen Zwischenlagern getan wird, weil sie da mit Blick auf den Flugzeugabsturz eine sehr gute Situation haben, denn die Castor-Behälter bieten Schutz gegen den Flugzeugabsturz, sogar gegen den Absturz der großen zivilen Maschine."

Die Castorbehälter sind so dickwandig und der Verschluss so dicht, dass das Restrisiko erheblich geringer ist als zuvor. Massive Gebäude zum Schutz der Brennelemente sind in diesem Stadium nicht mehr notwendig, erläutert Michael Sailer vom Ökoinstitut.

"Der Behälter ist die eigentliche Barriere, und solange der Behälter nicht so beschädigt wird, dass viel Radioaktivität rauskommt, machen andere Beschädigungen nichts aus."

Erst in diesem Stadium, wenn nach vier, fünf Jahren die Brennelemente aus dem Reaktorgebäude heraus sind, kann der eigentliche Rückbau eines Kernkraftwerks beginnen. Frank-Peter Weiß:

"Freisetzungen größerer Mengen radioaktiver Spaltprodukte können Sie dann ausschließen. Das geht im Wesentlichen um staubartige Kontaminationen, die Sie noch haben und Aktivierungen von Komponenten des Primärkreislaufs."

Die Experten jedenfalls können, wenn in absehbarer Zeit auch in anderen Kernkraftwerken der Rückbau anlaufen sollte, auf viel Erfahrung zurückgreifen. In Großwelzheim, Kahl, Niederaichbach sind die Anlagen mittlerweile verschwunden. Der Rückbau zur "grünen Wiese" wird bald auch in Rheinsberg, Obrigheim, Gundremmingen A, Mülheim-Kärlich, Würgassen und Stade erledigt sein. Und auch das weltweit größte Stilllegungsprojekt steht kurz vor dem Ende: 2012 sollen die fünf Blöcke des Kernkraftwerks Greifswald Geschichte sein. Tatsache aber ist: Ein Kernkraftwerk zu bauen, ist sehr viel schneller erledigt, als eines zurückzubauen: Das dauert durchaus 20 Jahre und mehr. Und die Eigentümer der Meiler – die vier deutschen Stromkonzerne RWE, E.ON, Vattenfall und EnbW - sind alles andere als begeistert.

"ABSCHALTEN, ABSCHALTEN ..."
"Meine Damen und Herren. Von dem erfolgreichen Abscheiden Ihrer .. RWE .. Sehen Sie lachen meine Damen und Herren, von dem erfolgreichen Abschneiden Ihrer RWE profitieren auch Sie in Form einer attraktiven Dividende. ..."

Es war nur ein kleiner Versprecher von RWE-Chef Jürgen Großmann. Eine kurze Irritation während der Hauptversammlung im April, als Atomkraftgegner es für kurze Zeit in die Essener Gruga-Halle schafften. Mehr allerdings nicht.

"Wir betreiben Kernkraftwerke. Und dazu stehen wir."

RWE ist der einzige Konzern, der gegen das Atommoratorium der Bundesregierung klagt. Denn auch der Meiler Biblis musste nach der japanischen Atomkatastrophe für drei Monate vom Netz.

"Die Klage ist weder eine Kampfansage an die Politik noch wollen wir Menschen brüskieren, die sich ernsthaft sorgen."

In der Sache hart, im Ton aber, zumindest gegenüber den Aktionären, bleibt Großmann versöhnlich. Er weiß, dass er den Bund bei einer erneuten Veränderung der Beschlusslage zum Atomausstieg auf Schadenersatz verklagen kann. Schließlich greift – davon gehen seine Juristen aus - eine Verkürzung der Laufzeiten ziemlich sicher in die Eigentumsrechte der Atomkonzerne ein. Großmann kann deshalb halbwegs entspannt Gesprächsbereitschaft über einen noch früheren Atomausstieg andeuten, als ihn die frühere rot-grüne Bundesregierung im Jahr 2000 ausgehandelt hatte. Der sollte bis etwa 2021 über die Bühne gehen.

"Wenn es der feste Wille der Mehrheit der deutschen Bevölkerung und der sie vertretenden Politik ist, zukünftig auf Kernkraft zu verzichten, werden wir uns dem nicht verschließen. Es gilt klar das Primat der Politik."

Im Ausland dagegen will RWE auf keinen Fall auf Atomenergie verzichten. Erst vergangene Woche wurde bekannt, dass der Konzern plant, sich in den Niederlanden am dort einzigen Atomkraftwerk zu beteiligen. Diese Anlage steht in Borssele an der Nordseeküste, rund 200 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt.

Etwas gemäßigter gab sich da, zumindest auf den ersten Blick, Unternehmenschef Johannes Teyssen auf der Hauptversammlung des Düsseldorfer RWE-Konkurrenten E.ON Anfang Mai.

"Wir haben Verständnis, dass die Politik diese Denkpause verordnet hat, auch wenn die begleitende Stilllegung älterer Anlagen allenfalls die gefühlte Sicherheit verbessert hat. Ihr Vorstand hat nach dem Grundsatz gehandelt: Wenn man nichts gewinnen kann, kann man nur verlieren. Und dies galt es zu vermeiden."

Anders sieht die Lage aus, wenn es um die Zeit nach dem Moratorium der Regierung geht, das am 15. Juni ausläuft. Da droht Teyssen regelrecht mit Klagen:

"Sie können aber gewiss sein, dass wir bei der langfristigen Neuausrichtung der Energiepolitik Ihre berechtigten Ansprüche auf Schutz des Vermögens wahren werden."

Sehr viel vorsichtiger war EnBW-Chef Hans-Peter Villis auf seiner Hauptversammlung. Kein Wunder, schließlich ist sein wichtigster Großaktionär das mittlerweile grün-rot regierte Baden-Württemberg. Atomkraftwerke, die keinen Strom erzeugen, erwirtschaften keine Gewinne, machte der Konzernchef klar. Und spricht deshalb von gemindertem finanziellem Spielraum bei der EnBW.

Auch bei E.ON und RWE führen die Abschaltungen im Rahmen des dreimonatigen Atommoratoriums offenbar nicht direkt in den Ruin. Obwohl auch hier den Milliardengewinnen schmerzhafte Einbußen gegenüberstehen. So kosten die aktuellen Kraftwerksabschaltungen E.ON, eigenen Schätzungen zufolge, etwa 250 Millionen Euro und RWE 150 bis 200 Millionen Euro. RWE-Chef Großmann:

"Auf die Kernkraft entfallen nur etwa 20 Prozent unserer gesamten Stromerzeugung, weniger als beispielsweise bei EnBW und E.ON. In Deutschland insgesamt waren es 2010 rund 23 Prozent. Die deutsche Stromerzeugung insgesamt macht einen Anteil von rund einem Viertel des RWE-Unternehmenswertes aus. Die Kernenergie wiederum ist nur ein Teil davon – sie macht am Ende deutlich weniger als zehn Prozent aus."

Bei E.ON ist der Anteil des Atomstroms höher. Etwa die Hälfte des erzeugten Stroms kommt aus Atomkraftwerken. Dem Konzern mit weltweit 90 Milliarden Euro Jahresumsatz drohen also Milliardeneinbußen, wenn alle Atomkraftwerke in Deutschland dauerhaft abgeschaltet werden müssten. Ein Ausbau der Stromerzeugung mit fossilen und regenerativen Energien kann diese Verluste allerdings deutlich begrenzen. Auch der absehbare Verzicht der Bundesregierung auf die gerade erst beschlossene Brennelementesteuer könnte den Konzernen den endgültigen Ausstieg ein wenig versüßen. Schließlich sollte diese Steuer rund 2,3 Milliarden Euro jährlich abschöpfen.

Finanzielle Folgen hätte die Energiewende auch für die Kunden. Allerdings streiten sich die Experten noch darüber, wie teuer es für die Stromverbraucher wird. Das Öko-Institut rechnet zum Beispiel damit, dass ein schneller Ausstieg eine Familie rund 15 Euro im Jahr zusätzlich kosten wird. Forschungskoordinator Felix Matthes:

"Ich bin mir sicher, dass der Strompreiseffekt, dass der nicht, bei einem solchen Ausstieg, nicht wesentlich über 0,5 Cent pro Kilowattstunde hinausgeht. Weil das sind alles existierende Kapazitäten."

Bei einem Endkundenpreis von rund 20 Cent pro Kilowattstunde also eine Preiserhöhung um 2,5 Prozent. Der Chef der halbstaatlichen deutschen Energieagentur Kohler geht dagegen vom Zehnfachen aus. Eine Familie kostet ein schneller Ausstieg demnach nicht 15, sondern etwa 160 Euro im Jahr zusätzlich. Die Stromrechnung würde also von rund 800 auf 960 Euro steigen.

"Allein der Netzausbau, um 40 Prozent regenerative bis 2020 zu erreichen, kostet uns schon rund einen Eurocent pro Kilowattstunde. Und da sind noch nicht eingerechnet die Kosten durch die regenerative Stromerzeugung selber."

Noch höhere Zahlen hat der VIK vorgelegt, der Interessenverband der Industriellen Energie und Kraftwirtschaft. Er beruft sich auf Maximalwerte der Ethikkommission und kommt bei einem Dreipersonenhaushalt auf ein Plus von 225 Euro im Jahr. Für Industriebetriebe sind die Zahlen entsprechend höher. Für ein kleines Unternehmen, das Papier herstellt, so der VIK, könnte die Stromrechnung um 2,5 Millionen Euro steigen, für einen Großbetrieb in der Chemieindustrie um bis zu 50 Millionen.

Nicht dagegen gerechnet sind bei diesen Zahlen allerdings mittel- und langfristige gesamtwirtschaftliche Effekte, wie eine Veränderung der Erzeugungslandschaft, die womöglich die preistreibende Vormachtstellung der vier großen Stromerzeuger brechen könnte, der Zugewinn an Sicherheit, neue Arbeitsplätze in Zukunftsbranchen und vor allem auch die möglicherweise positiven Umwelteffekte. In verlässlichen Zahlen ausdrücken lässt sich das allerdings derzeit nicht. Vielleicht gibt der Bericht der sogenannten Ethikkommission dazu Auskunft, den der Vorsitzende Klaus Töpfer am Montag an Bundeskanzlerin Angela Merkel übergeben will.

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Atomkraft (dradio.de-Sammelportal)

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