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AtomenergieDas Dilemma der Versicherer

In den 50er-Jahren hoffte alle Welt auf die friedliche und saubere Atomenergie. Nur die Versicherer waren skeptisch: Wie sollten sie das Risiko dieser neuen Technologie bloß kalkulieren? Der Historiker Christoph Wehner hat untersucht, wie die Versicherungswirtschaft mit der Atomgefahr umgegangen ist.

Von Dagmar Röhrlich

Blick auf das Atomkraftwerk Windscale, Großbritannien, 14.04.1963. Gut zu erkennen sind die vier Kühltürme links, die Turbinenhalle in der Mitte und das runde aluminiumverkleidete "Containment"-Gebäude rechts. Die Atomanlage wurde vor allem durch zahlreiche nukleare Störfälle bekannt. Der schwerste davon, ein Feuer bei dem eine Wolke mit radioaktivem Material freigesetzt wurde, ereignete sich am 10.10.1957. Im Jahre 1981 wurde die Anlage in Sellafield umbenannt. | (Central Press Photos Ltd.)
Blick auf das Atomkraftwerk Windscale, Großbritannien, 14.04.1963. Die Atomanlage wurde vor allem durch zahlreiche nukleare Störfälle bekannt. (Central Press Photos Ltd.)
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1955, die erste Genfer Atomkonferenz: Vor allem US-amerikanische Experten entwerfen optimistische Zukunftsvisionen, die das scheinbar unendliche Potential der Kerntechnik in glühendsten Farben schildern. Das "friedliche Atom" bringt utopische Verheißungen, wie Christoph Wehner schreibt:

"Insbesondere die Bundesrepublik wurde 1955 von einer regelrechten 'Atomeuphorie' erfasst [...]. Es kam zu einem 'Ausbruch von Hoffnungen auf ein neues technisches Zeitalter', das in der Vorstellung vieler Zeitgenossen einer paradiesischen Welt entsprach."

Kardinalproblem der Kernenergie

Die Kernenergie avanciert zum Zukunftsversprechen schlechthin: zum Symbol für Fortschritt, Wohlstand und Modernisierung. Politiker, Wissenschaftler, Gesellschaft, sie sind begeistert. Nur - die Versicherungswirtschaft nicht. Der Grund: Wie soll sie das Risiko einer Technologie kalkulieren, die sich in den Kinderschuhen befindet? Zu der es keine Erfahrungswerte gibt?

"Die Dimension des Haftungsrisikos erwies sich als Kardinalproblem der frühen Kernenergiepolitik."

Schreibt der Historiker Christoph Wehner, dessen Dissertation nun in gekürzter Form vorliegt. Darin untersucht der Autor, wie der "Ausbruch des Atomzeitalters" die Assekuranz an ihre Grenzen führte. Er spannt dabei den Bogen vom Beginn des Expertendiskurses nach dem Zweiten Weltkrieg über die Ausgestaltung der Risiko- und Haftungspolitik in der frühen Bundesrepublik bis zu ihrer Skandalisierung in den Atomkontroversen der 70er Jahre.

Schadenspotenzial war nicht abzuschätzen

Dabei dient die Debatte um die Kernenergie als Lehrstück für andere Globalrisiken wie Klimawandel oder Bankenkrise.

"Ich glaube in dem Zusammenhang ist Atomenergie tatsächlich ein ganz zentrales Laboratorium, weil das einfach auch zukünftige Problematiken aufgrund eben der enormen Reichweite der damit verbundenen Risiken gewissermaßen vorweggenommen hat."

Der nüchterne Blick, mit dem die Unternehmen Tag für Tag Risiken berechnen, zeigte ihnen damals, dass da eine Technologie in den Startlöchern stand, deren Schadenspotential nicht abzuschätzen war. Gestützt wurde diese Skepsis durch einen Report des Brookhaven National Laboratory aus dem Jahr 1957:

"Auf der einen Seite der Ergebnisbilanz stand zwar die beruhigende These, dass ein schweres Reaktorunglück nahezu ausgeschlossen werden könne [...]. Auf der anderen Seite veranschlagte die Studie den in einem solchen Fall möglichen Maximalschaden jedoch auf die astronomische Summe von bis zu 7 Milliarden Dollar, wobei diese Schätzung lediglich auf Sachschäden bezogen war."

Lukrativer Zukunftsmarkt

Und so empfahl der Gesamtverband der Deutschen Versicherungsgesellschaft seinen Mitgliedern nach dem Reaktorbrand im britischen Windscale 1957, "die 'Beteuerungen über die absolute Sicherheit von Reaktoren [...] nicht allzu wörtlich' zu nehmen."

Trotz ihrer Skepsis waren die Unternehmen erstens bereit, die normalen Sachversicherungen zu übernehmen, und sie gründeten zweitens einen Atompool, um einen kleinen Teil der potentiellen Schäden abzudecken. Sie wollten sich schließlich einen potentiell lukrativen Zukunftsmarkt nicht verschließen - und hofften auf den technischen Fortschritt.

In den 60er Jahren, als die Kommerzialisierung der Kerntechnik Fahrt aufnahm, hatte jedoch in der Bevölkerung die Begeisterung nachgelassen. Dafür setzte die ökologische Wende ein. In deren Folge wurde die Atomenergie zunehmend als feindlich und bedrohlich wahrgenommen. Die öffentliche Debatte nahm Fahrt auf - und dabei erwies sich die Frage der Versicherbarkeit und der Haftung als Achilles-Ferse der Atomenergie:

"Einfach weil diese Beobachtungslogik - also was sich nicht hinreichend versichern lässt, kann auch nicht sicher sein - natürlich etwas unglaublich Bestechendes hat. Man hat damit auch ein Argument in der Hand, das in der Lage ist, wenn man es skandalisiert und auch politisiert, die Atomenergie auszuhebeln."

Versicherbarkeit von Umweltgefahren

Die Nicht-Versicherbarkeit entwickelte sich zum zentralen Argument gegen das Narrativ vom sicheren Reaktor. Die Assekuranz war immer stärker gefordert, ihre Risikopolitik gegenüber einer kritischen Öffentlichkeit zu erklären:

"Deswegen ist auch diese Rolle der Versicherer in diesem Atomkonflikt eine sehr Interessante. Einerseits liegen sie gewissermaßen auf einer Linie mit den Kernkraftkritikern, weil sie eben einen ganz hypothetischen Denkstil pflegen und sozusagen das Worst-Case-Szenario des Super-Gau niemals ausschließen. Auf der anderen Seite positionieren sie sich aber auch zugunsten der Sicherheit von gerade deutschen Kernkraftwerken."

Die zivile Nutzung der Atomkraft sollte zudem nur die erste Bresche sein, die neue, grenzüberschreitende Dimensionen von Technik- und Umweltgefahren im 20. Jahrhundert in das System "Versicherbarkeit" schlagen sollten.

"Wenn man sich die Debatten anschaut, beispielsweise mit Klimawandel und Fukushima, dann haben wir es immer mit Problemen von Verantwortungsdiffusion zu tun, also dass Risiken nicht mehr zurechenbar sind und die Verantwortungen im Haftungsbereich sich immer weiter auflösen."

In seinem Buch seziert der Historiker Christoph Wehner spannend und gut verständlich ein Stück Zeitgeschichte, das angesichts globaler Herausforderungen seine Aktualität hat: Die Frage nach Sicherheit und Versicherbarkeit in einer vernetzten und mit immer größeren Risiken behafteten Welt wird immer akuter.

Christoph Wehner: "Die Versicherung der Atomgefahr. Risikopolitik, Sicherheitsproduktion und Expertise in der Bundesrepublik Deutschland und den USA 1945-1986"
Wallstein Verlag, 427 Seiten, 46 Euro.

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