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StartseiteUmwelt und Verbraucher"Katastrophe ist sicher noch nicht vorbei"09.03.2016

Atomkomplex Fukushima"Katastrophe ist sicher noch nicht vorbei"

In Deutschland wurde der atomare Super-GAU von Fukushima zum Sargnagel für die Kernenergie. In Japan hingegen sind die ersten Reaktoren wieder in Betrieb. Die Gesellschaft für Reaktorsicherheit (GRS) hat jetzt einen Lagebericht veröffentlicht. Der Unfall hätte verhindert oder zumindest stark abgemildert werden können, sagte ihr Sprecher Sven Dokter im DLF.

Georg Ehring im Gespräch mit Sven Dokter

Die Ruine des Atomkraftswerks Fukushima fotografiert aus einem Helikopter. (picture alliance / dpa )
Das kontaminierte Wasser, das noch immer in Fukushima entsteht, muss gereinigt und gelagert werden (picture alliance / dpa )
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Georg Ehring: In Deutschland wurde der atomare Supergau von Fukushima zum Sargnagel für die Atomkraftwerke, deren Laufzeit die schwarz-gelbe Bundesregierung kurz zuvor gerade verlängert hatte. Auch in Japan wurden erst einmal alle Kernreaktoren heruntergefahren. Jetzt allmählich werden einzelne Kraftwerke wieder ans Netz angeschlossen. Die Regierung setzt weiter auf die Atomkraft. Ist die Katastrophe vorbei und die Lage in Fukushima wieder unter Kontrolle?

Sven Dokter ist Sprecher der Gesellschaft für Reaktorsicherheit (GRS) und die GRS hat jetzt einen ausführlichen Lagebericht über den Atomkomplex von Fukushima veröffentlicht. Herr Dokter, guten Tag erst mal.

Sven Dokter: Guten Tag, Herr Ehring. Ich grüße Sie.

Ehring: Ist die Katastrophe fünf Jahre danach überstanden?

Dokter: Nun ja. Es ist die Frage, was man als überstanden definieren möchte. Wenn man sich die Lage auf der Anlage selber anschaut, dann ist das ein eher gemischtes Bild. Auf der einen Seite sind vor allem in den letzten zwei Jahren dort zum Teil doch schon ganz beachtliche Fortschritte gemacht worden. Auf der anderen Seite ist es nach wie vor so, dass dort jeden Tag radioaktive Stoffe in die Umwelt gelangen, wenn auch sehr viel weniger als noch vor zwei, drei, vier Jahren. Insofern kann man da sicherlich nicht von Normalität sprechen und klar ist auch, dass der Weg beispielsweise bis zum endgültigen Abbau der Reaktoren noch sehr lang ist. Und wenn man den Blick ein bisschen weitet, dann ist die Katastrophe sicherlich für die Leute, für die rund 100.000 Menschen, die dort ihr Zuhause verloren haben, sicherlich nicht vorbei.

Ehring: Jetzt rückblickend betrachtet, hätte man durch bessere Vorbeugung, durch größere Sicherheitsmaßnahmen das Ganze verhindern können? Oder war dieser gewaltige Tsunami eine Naturgewalt, gegen die es überhaupt keine Vorbeugung gibt?

Die Überflutungen haben den Anlagen das Genick gebrochen

Dokter: Mit dem Kenntnisstand, den man mittlerweile hat, kann man mit einer ziemlich hohen Wahrscheinlichkeit sagen, dass der Unfall entweder hätte verhindert, oder aber doch zumindest stark in seinem Verlauf abgemildert werden können. Wir wissen, dass die Anlagen in der Zeit zwischen dem Erdbeben und dem Tsunami eigentlich sich weitgehend so verhalten haben, wie sie es sollten. Das heißt, dass dort noch die Notkühlung gegeben war. Was den Anlagen tatsächlich dann am Ende das Genick gebrochen hat, waren die Überflutungen, und da gibt es vor allen Dingen zwei Faktoren, die das ermöglicht haben. Das war zum einen, dass die völlig unzureichend gegen Überflutung geschützt waren, obwohl spätestens seit den frühen 2000er-Jahren bekannt war, dass dort mit deutlich höheren Überflutungshöhen zu rechnen war. Das ist der eine Punkt. Das hat erst ermöglicht, dass diese Wassermassen bis an die Anlage heran konnten. Der andere Punkt war die Auslegung der Notstromversorgung. Da war das so, dass in den havarierten Blöcken eins bis vier die ganzen Notstromdiesel sich auch ausgerechnet in den Untergeschossen befunden haben und natürlich dann sofort zerstört worden sind. Das hätte sicherlich anders ausgehen können. Das sieht man an den Blöcken fünf und sechs, die das Ganze relativ unbeschadet überlebt haben. Bei denen war ein einziger Notstromdiesel luftgekühlt an einer erhöhten Stelle platziert und der hat letztendlich die Anlagen gerettet. Beides zusammen hätte sicherlich ein anderes Bild gegeben.

Noch immer entstehen große Mengen an kontaminiertem Wasser

Ehring: Sie haben es gerade angesprochen: Es werden nach wie vor große Mengen an Radioaktivität frei. Wie ist denn der Umgang damit?

Dokter: Es sind definitiv viele Größenordnungen nicht mehr so viel, wie das noch, sagen wir mal, 2011 und 2012 der Fall ist. Das kann man an Luftmessungen sehen und auch an dem, was beispielsweise im Meer unmittelbar an und etwas weiter weg der Anlage gemessen wird. Der größte Teil, der aus den Anlagen austritt, der tritt mit diesem kontaminierten Wasser aus, das in den Anlagen entsteht. Da werden ja nach wie vor jeden Tag so ungefähr 300 Tonnen an Wasser zur Kühlung und zur Abschirmung eingepumpt, und weil diese Anlagen, die Blöcke eins bis drei, einfach innen drin so kaputt sind, dass es da ganz viele Lecks gibt, tritt dieses Wasser, nachdem es dort kontaminiert worden ist, aus, vermischt sich mit eindringendem Grundwasser, und so entstehen Tag für Tag dort relativ große Mengen an radioaktiv kontaminiertem Wasser. Das wird dann dort abgepumpt und es ist zumindest durch eine Reihe von Maßnahmen gelungen, diese Menge zu verringern und auch weitgehend zu verhindern, dass das dann von dort aus mit dem Grundwasser ins Meer gelangt.

Aber Fakt ist natürlich, dass es aus den Anlagen austritt und dass damit umgegangen wird. Das geschieht dann in Reinigungsanlagen. Das gehört auch sicherlich zu den Punkten, die ich eben angesprochen habe, wo man sagen kann, da hat sich einiges getan, sodass es jetzt zumindest was die sehr gefährlichen radioaktiven Stoffe angeht wie Cäsium und Strontium mittlerweile gelungen ist, das ganz weitgehend zu reinigen, so weit, dass es unter den Grenzwerten liegt. Was bleibt, ist das radioaktive Tritium, das irgendwann auch in den gesamten gigantischen Wassermengen vorhanden ist, die dort am Standort gelagert werden. Das sind rund 800.000 Tonnen.

Ehring: Können Sie noch ganz kurz sagen, wie es weitergeht?

Rückbau der Atomkraft wird noch Jahrzehnte dauern

Dokter: Wie geht es weiter? Zum einen wird man sich bemühen, die Lecks zu finden beziehungsweise dafür zu sorgen, dass man irgendwann nicht mehr in die Lage gerät, dass immer neues kontaminiertes Wasser entsteht, was schwierig genug ist, und man kann den Eindruck haben, dass TEPCO selber auch mittlerweile nicht mehr ganz daran glaubt, denn man verfolgt jetzt auch andere Strategien in Bezug auf den Rückbau, die ohne eine vollständige Flutung der Anlagen auskommen. Der andere Punkt ist natürlich, den Rückbau vorzubereiten. Aber das ist was, da reden wir über viele Jahrzehnte und da ist auch noch in meinen Augen ziemlich ungewiss, wie das genau vonstattengehen wird.

Ehring: Fünf Jahre danach ist die Katastrophe von Fukushima noch lange nicht überwunden. Herzlichen Dank für diese Einschätzungen an Sven Dokter von der Gesellschaft für Reaktorsicherheit.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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