• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 06:35 Uhr Morgenandacht
StartseiteHintergrundVerrostete Fässer und ungeklärte Standortfragen07.06.2015

AtommüllVerrostete Fässer und ungeklärte Standortfragen

Die Suche nach einem atomaren Endlager drängt. In den nächsten fünf Jahren müssen 26 Fässer mit nuklearem Abfall aus dem Ausland wieder nach Deutschland überführt werden. Und die Aussicht auf verbindliche Standorte für deutschen Atommüll scheint getrübt. Nur eines ist sicher: das Zwischenlager Gorleben scheidet aus, bekräftigt Bundesumweltministerin Hendricks.

Von Barbara Schmidt-Mattern

Stahlblechfässer mit radioaktivem Abfall lagern im Feststofflager des Kernkraftwerks Brunsbüttel. (Vattenfall, dpa picture-alliance)
Die rund 630 Fässer mit radioaktivem Abfall im Kernkraftwerk Brunsbüttel stammen aus den 1980er-Jahren. (Vattenfall, dpa picture-alliance)
Weiterführende Information

Barbara Hendricks "Halte Klimaabgabe für ausgewogen und vorsichtig"

Atommüll-Zwischenlager Genehmigung für Brunsbüttel endgültig entzogen

AKW Brunsbüttel Mehr Atommüll-Fässer rostig

Endlager-Suche Schacht Konrad soll es richten

Frauenstimme vom Band:

"Fünf, vier, drei, zwei, eins..."

Ein weißer Kittel, weiße Stoffüberschuhe, und ein Messgerät, das jede noch so geringe radioaktive Strahlung misst...

"Das ist jetzt Ihr Dosimeter...so gehen wir jetzt hinein...das müssten Sie bitte in die rechte Brusttasche des Kittels tun..."

Vattenfall-Manager Pieter Wasmuth ist als Generalbevollmächtigter unter anderem zuständig für das Atomkraftwerk Brunsbüttel. Seit Jahren schon ist es vom Netz. Übrig bleibt unter anderem tonnenweise strahlender Müll, der zum Teil in einem eigens errichteten Zwischenlager direkt auf dem Kraftwerksgelände steht. Wer die mit Brennelementen befüllten Castoren besichtigen möchte, wandert durch penibel saubere Flure mit Kunstlicht und PVC-Böden, immer begleitet vom Wachpersonal. Bis es nicht mehr weitergeht.

Sicherheitsschleuse ist wie eine massive Lagerhalle

Stimme vom Band:
"Linke Hand einlegen... ratternde Schleusentür."

Ein Schritt hinein in die Sicherheitsschleuse des Zwischenlagers, bis die Glastüren aufspringen und den Besucher auf der anderen Seite jenseits der Schleuse wieder ausspucken. Die Halle besteht im Wesentlichen aus viel Beton, Überwachungs-Kameras und kalter Luft. Pieter Wasmuth erklärt:

Neun Castoren in Brunsbüttel

"Im Prinzip ist das eine große, sehr massiv errichtete Lagerhalle. Das heißt, wenn ein Castor im Kraftwerk beladen wird mit Brennelementen, dann wird er hinterher auf dem Kraftwerksgelände hier in das Gebäude hineingefahren, und dann haben wir hier eine Krananlage, mit der dann der Castor zwei Zentimeter über dem Boden ganz langsam an seinen Standort gebracht wird. Früher wäre er dann von hier per Bahn nach Gorleben transportiert worden...."

Doch damit ist schon lange Schluss. 2011 rollte der vorerst letzte Castorbehälter mit hoch radioaktivem Müll ins Zwischenlager Gorleben. Er kam damals zurück aus der Das atomare Zwischenlager (vorne) am Kernkraftwerk (l hinten) in Brunsbüttel (Schleswig-Holstein), aufgenommen am 20.06.2013. (dpa / picture-alliance / Christian Charisius)Das Kernkraftwerk Brunsbüttel darf nicht mehr als Atommüll-Zwischenlager genutzt werden. (dpa / picture-alliance / Christian Charisius)französischen Wiederaufbereitungsanlage in La Hague. Weitere Transporte sind politisch seit Jahren unerwünscht, zu heikel sind die Bilder von Großdemonstrationen und teuren Polizei-Einsätzen. Also werden seit 2005 keine deutschen Brennstäbe mehr ins Ausland, nach La Hague oder ins britische Sellafield, geliefert: Wer weniger wegschickt, muss auch weniger zurückholen. Beziehungsweise stehen jenseits der Grenze ohnehin noch 26 deutsche Castoren herum, fünf in Frankreich und 21 in Großbritannien: In den kommenden fünf Jahren sollen sie wieder nach Deutschland gebracht werden, dazu ist die Bundesrepublik völkerrechtlich verpflichtet. Nur weiß bislang niemand so recht, wohin mit dem verstrahlten Müll. Zumal in den deutschen Atomkraftwerken eh schon reichlich Brennelemente lagern, jeweils aus den "eigenen" Reaktoren. So auch in Brunsbüttel:

"Insgesamt stehen hier im Moment neun Castoren, wir haben 80 Standorte, die wir insgesamt belegen können, immer fünf in einer Reihe. Und sie werden auch durch Euratom überwacht, sodass man hier auch von außen eine Fernüberwachung hat."

Vattenfall-Manager Wasmuth zeigt auf einen der königsblauen Zylinder. Jeder Castor wiegt gut 120 Tonnen, sieht aus wie eine überdimensionierte Litfaßsäule und wird, wenn er frisch beladen wird, im Innern bis zu 70 Grad Celsius heiß. Die Verantwortung liegt bei den Kraftwerks-Betreibern: Sie müssen direkt vor Ort für eine sichere Zwischenlagerung der strahlenden Brennelemente sorgen. Pieter Wasmuth tritt den Rückweg Richtung Schleuse an:

"Genau, jetzt muss jeder hier 1 Mal in den "Toaster"...gemessen, ob Sie kontaminiert sind oder nicht..."

Ein Mikrosievert misst das Dosimeter nach dem Besuch. Ein unbedenklicher Wert sei das, versichert Wasmuth.

"Guten Tag, bitte Kleinteile einlegen... Füße positionieren..."

Lizenz zur Lagerun hätte 40 Jahre Gültigkeit

Theoretisch könnten die verstrahlten Abfälle noch Jahrzehnte in Brunsbüttel bleiben, die entsprechende Lizenz gilt eigentlich für vierzig Jahre. Doch im Januar hat Vattenfall die Betriebsgenehmigung für das Zwischenlager nach jahrelangem Rechtsstreit verloren. Ein Ehepaar aus Brunsbüttel hatte geklagt. Die Richter am Bundesverwaltungsgericht gaben den Anwohnern recht: Demnach fehlt der Nachweis, dass das Zwischenlager ausreichend gesichert ist gegen Terroranschläge oder Flugzeugabstürze. Pieter Wasmuth bemüht sich um Gelassenheit, und legt dann den Finger in die Wund: Das Urteil ist nicht nur eine Niederlage für Vattenfall, sondern es beschreibt auch das Dilemma der Politik: Nämlich sichere und verbindliche Lagerstellen für den deutschen Atommüll zu finden, ganz egal, ob es nun um Zwischen- oder um Endlager geht:

"Es zeigt, dass wir in dieser großen Diskussion um die Endlagerung von Kernbrennstoffen und auch anderen Abfällen natürlich alle gemeinsam Rechtssicherheit brauchen. Denn es nützt nix, wenn der Gesetzgeber sagt, jetzt macht das bitte so. Wir machen das dann, und hinterher heißt es, so ist es aber auch nicht richtig, und hier haben wir jetzt einen Standort, der faktisch genutzt wird, aber rechtlich nicht mehr existiert."

Brunsbüttel hat Sondergenehmigung

Die neun Castoren sind im Brunsbütteler Zwischenlager nur deshalb immer noch an Ort und Stelle, weil das Land Schleswig-Holstein eine Sondergenehmigung erteilt hat – man weiß schlicht nicht, wohin sonst mit dem strahlenden Material. Auch die Landesregierung in Schleswig-Holstein hat jetzt ein Problem. Denn eigentlich hatte das Kieler Energiewende-Ministerium der Bundesregierung angeboten, in Brunsbüttel neben den eigenen auch gleich noch einen Teil der wiederaufbereiteten Brennstäbe aus Sellafield unterzustellen. Ein Minister von den Grünen will freiwillig Atommüll aufnehmen, der gar nicht aus seinem Sprengel stammt? Energiewende-Minister Robert Habeck (Die Grünen) erklärt das so:

"Natürlich ist es gerade für die grüne Partei, die immer gegen Atommüll war, irgendwie eine Zumutung zu sagen, jetzt gibt es Länder, die bereit sind, Atommüll zu nehmen. Aber ich glaube, die allermeisten Menschen haben verstanden, dass es nichts Schändliches ist, dass die Grünen jetzt in der Regierung versuchen, diese Last der Vergangenheit loszuwerden, sondern dass es aus meiner Sicht geradezu ein Ehrenzeichen für die Partei ist, dass wir uns einem Problem stellen, das wir gar nicht produziert haben. Andere Parteien müssen sich fragen lassen, die immer für die Atomkraft waren, warum sie kein Teil der Lösung sein wollen!"

Hendricks: Gorleben wird nicht zum Endlager

Die Bundesumweltministerin Barbara Hendricks am 24.10.2014.  (Fredrik Von Erichsen / dpa)Die Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (Fredrik Von Erichsen / dpa)Das fragt sich auch Barbara Hendricks. Die Bundesumweltministerin ist genervt. Unter der Überschrift "Was jetzt zu tun ist", schrieb sich Hendricks im Februar ihren Frust von der Seele: In einem Zeitungsaufsatz für den "Tagesspiegel" erklärte die SPD-Politikerin die Vereinbarungen zwischen Bund und Ländern zur Rücknahme von Atommüll aus dem Ausland kurzerhand für gescheitert. Gemeint ist das sogenannte Standort-Auswahl-Gesetz: 2013 hatten die Ministerpräsidenten eigentlich zugesagt, bundesweit drei Standorte für die Castoren aus La Hague und Sellafield zur Verfügung zu stellen. Zumindest für die nächsten Jahrzehnte, so lange es noch kein Endlager gibt.
Zwei Jahre sind inzwischen verstrichen, aber noch immer steht nicht fest, welches Bundesland an welchem Standort wie viel Atommüll zwischenlagern wird. Die Zeit drängt, denn eigentlich sollen die ersten Castoren innerhalb der nächsten zwei Jahre nach Deutschland zurückrollen. Auf Freiwilligkeit könne sie nun nicht länger setzen, so rügt Hendricks die Länderfürsten und kündigt ein eigenes Konzept an:

"Die 26 Behälter sollen an Standorten untergebracht werden, wo Zwischenlager genehmigt sind. Das sind im Prinzip alle AKW-Standorte von AKWs, die jetzt noch in Betrieb sind, oder schon aus dem Betrieb rausgegangen sind oder demnächst aus dem Betrieb rausgehen. Und ich werde dafür sorgen, dass wir eine ausgewogene Verteilung über die Bundesrepublik Deutschland hinbekommen; und Gorleben ist ausgenommen."

Das hat politische Gründe: Gorleben ist als Zwischenlager ausdrücklich ausgeschlossen, um bloß nicht den Eindruck zu erwecken, dass am Ende eben doch aller Atommüll in dem niedersächsischen Salzstock verbuddelt wird, und Gorleben damit "automatisch" vom Zwischen- zum Endlager wird.

"Nein, natürlich nicht."

Barbara Hendricks verweist auf die eigens im letzten Jahr konstituierte Kommission im Deutschen Bundestag, die dafür sorgen soll, Kriterien für ein Endlager zu erarbeiten. Die Bundesumweltministerin weiß, dass diese ungelöste Frage ein Vielfaches mehr an politischem Sprengstoff birgt, als die Suche nach "nur" geeigneten Zwischenlagern. Die jahrzehntelangen Proteste im Wendland hat Hendricks nicht vergessen.

"Also es ist klar, es geht um 26 Castoren und die werden nicht nach Gorleben kommen - um das vorweg zu schicken."

Energiekonzerne fühlen sich finanziell benachteiligt

Nur, wohin dann? Seitdem Deutschland beschlossen hat, aus der Atomkraft auszusteigen, steigt der Handlungsdruck. Die letzten Kernkraftwerke sollen bis zum Jahr 2022 Ein Frau entscheidet sich an einem Touchpad für einen Stromanbieter  (imago/Jochen Tack)Die Energiekonzerne müssen mit dem Abriss Ihrer Kernkraftwerke bald beginnen (imago/Jochen Tack)abgeschaltet werden, die Betreiber – also die vier großen Energiekonzerne Vattenfall, RWE, Eon und EnBW müssen früher oder später mit dem aufwendigen und Milliarden Euro teuren Abriss der Kraftwerke beginnen. Und die bestehenden Zwischenlager haben nur für vierzig Jahre eine Betriebsgenehmigung. Wie sollen wir so die Sicherheit, Kontrolle und Wartung der Castoren sicherstellen, fragt Robert Habeck. Und wer zahlt die Mehrkosten in Milliardenhöhe, falls sich alles verzögert? Die Energiekonzerne fühlen sich durch ein Urteil aus Luxemburg ohnehin finanziell benachteiligt: Am Donnerstag entschied der Europäische Gerichtshof, dass die umstrittene Kernbrennstoff-Steuer von Finanzminister Wolfgang Schäuble mit europäischem Recht vereinbar ist. Wieder geht es dabei um Atommüll, genauer um abgebrannte Brennelemente. Der Grünen-Politiker will bei der Entsorgung jetzt endlich Taten sehen:

"Wir haben eine Phase, wo sich alles zu verknoten scheint. Und ich glaube, jetzt muss mal jemand den Knoten durchschlagen..."

Gemeint ist Bundesumweltministerin Hendricks. Bund und Länder schieben sich derzeit gegenseitig den Schwarzen Peter zu...

"Wir verstolpern gerade die Möglichkeit, Lösungen zu finden für den Atomausstieg im Sinne von Abschaltung und Verwahrung des Atommülls. Es muss möglich sein, in dieser politischen Generation – und 35 Jahre ist mehr als eine politische Generation – diese Verantwortung schultern zu wollen. Dann lasst uns sehen, dass wir in die Gänge kommen!"

Habeck selbst ist schon vor zwei Jahren in die Gänge gekommen, als er Brunsbüttel als Zwischenlager-Standort anbot. Nach dem Verlust der Betriebsgenehmigung durch das Bundesverwaltungsgericht bringt der Schleswig-Holsteiner nun den Standort Brokdorf ins Gespräch. Und auch in der baden-württembergischen Landeshauptstadt zeigt sich der zuständige Ministerialdirektor der grün-roten Landesregierung verantwortungsbewusst:

"Baden-Württemberg und Schleswig-Holstein haben gesehen, dass es notwendig ist, dass man nicht nur im Standort-Auswahlgesetz sagen kann, wir packen die Abfälle aus der Wiederaufbereitung nicht mehr nach Gorleben, sondern man muss das auch irgendwo hintun. Und es ist die politische Bereitschaft dieser beiden Länder erklärt worden, dass diese Abfälle dann ins Zwischenlager in den eigenen Bundesländern hinkommen können."

Zur Castor-Zwischenlagerung keine Stellungnahme aus Bayern

Sagt Helmfried Meinel aus dem Stuttgarter Umweltministerium. Baden-Württemberg wäre also bereit, die fünf verbliebenen Castoren aus dem französischen La Hague aufzunehmen. Anders in Bayern: Mit seinen momentan noch vier in Betrieb befindlichen Kraftwerksblöcken zählt der Freistaat zu den größten Atommüll-Produzenten in Deutschland. Doch bislang liegt von der CSU geführten Staatskanzlei kein offizielles Angebot vor, Castoren aus dem Ausland zwischenzulagern. Am anderen Ende der Republik, in Kiel, sorgt das für Kopfschütteln. Robert Habeck:

"Von Bayern kenne ich nur so Halbzitate: ‚Wieso, wir sind doch gar nicht gefragt worden'. Aber gemeint gewesen sind sie, ohne Frage. Und aus meiner Sicht ist es auch vernünftig, dass sich jetzt die Politik nicht immer wegduckt. Wenn alle immer nur sagen, fragt bitte unseren Nachbarn, und wir wollen keine unangenehmen Fragen beantworten, dann finden wir nie eine Antwort auf die unangenehmen Probleme. Und wenn alle sich so verhalten, wie sich einzelne Länderfürsten verhalten, dann können wir die Republik auch irgendwann sein lassen. So geht es nicht."

Auch im schwarz-grün regierten Hessen breitet sich Ungeduld aus. Umweltministerin Priska Hinz wunderte sich schon vor Wochen im Landtag, warum es eigentlich nicht vorangeht bei der Zwischenlagersuche. Denn: Auch Hessen steht bereit, sagt Grünen-Politikerin Hinz:

"Ich möchte an dieser Stelle noch einmal ausdrücklich betonen, dass das Land Hessen seine grundsätzliche Bereitschaft erklärt, Castoren aufzunehmen. Dies habe ich auch nochmals der Bundesumweltministerin in aller Deutlichkeit mitgeteilt."

Ausgewogene Verteilung auf Nord und Süd nötig

Warum Barbara Hendricks trotzdem immer noch kein Konzept für die Verteilung des Atommülls auf die einzelnen Bundesländer vorgelegt hat, dazu schweigt das Bundesumweltministerium. Schriftlich heißt es lediglich, die Arbeiten dazu seien noch nicht abgeschlossen. Hendricks muss wegen der öffentlichen Stimmung nicht nur auf eine ausgewogene Verteilung im Norden und Süden der Bundesrepublik achten. Sondern es geht bei der Verteilung der Castor-Behälter auch darum, lange Transport-Routen quer durch Deutschland zu vermeiden, um keine neuen Großdemonstrationen zu provozieren. Die seien jedoch so oder so absehbar, meint Vattenfall-Manager Pieter Wasmuth:

" Wenn man das tut, was Frau Hendricks sagt, dann muss man auch in Kauf nehmen, dass wir eben mehr Transporte haben werden in Deutschland. Die müssen dann auch akzeptiert werden. Es nützt nichts, wenn sich Bayern bereit erklärt, und dann sitzt Greenpeace auf den Gleisen und sagt, wir wollen die Transporte nicht, dann wird das faktisch auch nicht stattfinden."

Hier sei die Politik gefordert, sagt Wasmuth. Zwar sind die Betreiber der Atomkraftwerke gesetzlich verpflichtet, die wieder aufgearbeiteten deutschen Brennelemente zurückzunehmen und zwischenzulagern. Dafür müssen sie aber zunächst erst einmal neue Genehmigungen beim Bundesamt für Strahlenschutz beantragen. Die Müllfrage ist also für Politik und Energiekonzerne hoch kompliziert. Deshalb fordert Hessens Umweltministerin Priska Hinz:

"Das Konzept zur Rückführung muss vor allen Dingen von den Kraftwerksbetreibern akzeptiert werden. Und die sind auch diejenigen, die gesetzlich verpflichtet, die Anträge zu stellen und für die Finanzierung des Ganzen zu sorgen."

"Moin, moin! Wenn Sie hier den einen oder anderen Kollegen sehen, der... nur mit einem Kittel rumläuft, dann liegt das daran, dass wir hier die Kleidung wechseln..."

Pieter Wasmuth steht vor der Schleuse zur sogenannten Kavernenhalle auf dem Gelände des Atomkraftwerks Brunsbüttel. Hier lagert das nächste Problem: Ein paar hundert Meter entfernt vom Zwischenlager steht in der Kavernenhalle ebenfalls viel Müll herum: In versiegelten Fässern wird unterirdisch sogenannter schwach oder mittelmäßig strahlender Abfall aufbewahrt: Arbeitskleidung, Werkzeuge oder auch kontaminierte Putzlappen. Vor der Kavernenhalle geht es zu wie in einer Badeanstalt – ständig ziehen sich Mitarbeiter an oder aus. Statt eigener Kleidung ist hier nur so genannte "Kontrollbereichswäsche" erlaubt:

"Wir haben die Kittel, wir haben die Überschuhe, wir haben Handschuhe, Socken, Unterwäsche auch... Es ist für alles gesorgt."

Die Strahlung hier ist zwar um ein Vielfaches geringer als bei den hoch radioaktiven Brennstoffen in den Castoren. Dennoch gelten auch in der Kavernenhalle strenge Sicherheitsvorkehrungen: Die rund 630 Fässer stammen zum Großteil aus den 1980er-Jahren. Irgendwann in den nächsten sieben bis zehn Jahren sollen sie in den Schacht Konrad nach Niedersachsen verbracht werden. Doch erst einmal wird jedes einzelne Fass neu gesichert werden müssen, unter anderem deshalb, weil über 150 Fässer voller Atommüll völlig verrostet sind. Man habe halt nicht erwartet, dass die Behälter so lange in Brunsbüttel bleiben, erklärt Pieter Wasmuth. Und damit möglichst nicht allzu viel Strahlung entweicht, habe man in die Kavernen zwischenzeitlich länger nicht reingeguckt:

"Wenn es keinen Grund gibt, die Kavernen zu öffnen, dann öffnet man sie auch nicht. Und im Rahmen von Umfüll-Kampagnen, die wir schon durchgeführt haben, ist eben dann aufgefallen, dass einige Fässer Korrosion aufgewiesen haben...

Durchgerostete Fässer machen Sorge

"Das Vergessen, dass man da Fässer in den Keller gestellt hat und das Pokern darauf, dass man irgendwie den Umgang (damit) schon hinbekommt, hat sich als fatal erwiesen..."

Kritisiert Schleswig-Holsteins Umweltminister Robert Habeck. Angesichts all der rostenden Fässer in Brunsbüttel wirft er Vattenfall eine "fehlende Sicherheitskultur" vor.

"Die Fässer sind so durchgerostet, dass sie jetzt mit kompliziertesten Bergungsmethoden gehoben werden müssen. Es müssen extra Kameras entwickelt werden für viele hunderttausend Euro, um überhaupt in diesem verstrahlten Bereich Aufnahmen machen zu können. Und die Lehre daraus ist, dass man jetzt dauerhaft und regelmäßig Kontrollen einführt für alle Lagerungsformen. Also jetzt müssen sich alle vier Jahre müssen sich alle Fässer von unten angucken lassen."

Die Bergung von durchgerosteten Fässern ist sehr kostenintensiv. (Sebastian Kahnert/dpa)Tonnen mit Radioaktiv-Zeichen (Sebastian Kahnert/dpa)Das Problem aber reicht viel weiter: Wie will ein Energiekonzern wie Vattenfall glaubwürdig gewährleisten, dass die hoch radioaktiven Castoren in den Zwischenlagern keine Gefahr sind, wenn es nicht einmal gelingt, die viel schwächer strahlenden Kavernenfässer zu kontrollieren? Die Korrosion sei übrigens nicht nur in Brunsbüttel aufgetreten, sagt Pieter Wasmuth:

"Nein, das klebt nicht an Brunsbüttel. Es ist ein Ergebnis oder eine Feststellung, die uns nicht erfreut, aber es gibt auch an anderen Standorten Korrosionsbefunde - auch in Brokdorf. Aber am Ende muss es natürlich jetzt so verpackt werden, dass so etwas nicht wieder passiert."

Ob verrostete Fässer oder ungeklärte Standort-Fragen: Für den Grünen Robert Habeck tritt die die atompolitische Debatte um Ausstieg, Abriss und Lagerung in Deutschland derzeit aus ganz anderen Gründen auf der Stelle:

"Die ganze Atompolitik leidet unter dieser Hybris: Es ist immer alles sicher, alles ist die beste Lösung. Alles ist immer im Superlativ gedacht, und relativ häufig ist es schief gegangen. Von meinen Fässern in Brunsbüttel angefangen bis zu all den GAUs, die wir in Fukushima und Tschernobyl gesehen haben. Warum nicht das einräumen, und wenn wir das mit zugestehen, dann sollte es auch möglich sein in 35 Jahren, nicht das für die Ewigkeit allerbeste Endlager zu finden, aber das relativ beste Endlager nach unseren Wissensmöglichkeiten jetzt. Und darauf würde ich einfach setzen."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk