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StartseiteSport am WochenendeAttacken in Aachen04.02.2012

Attacken in Aachen

Wie rechte Schläger antirassistische Ultras der Alemannia bedrohen

Rechtsextremismus im Fußball? Dieses Problem wird vor allem im Osten Deutschlands verortet. Doch was sich zurzeit in Aachen abspielt, ist vermutlich einzigartig. Eine antirassistische Ultra-Gruppe der Alemannia wurde während eines Heimspiels im Fanblock von Neonazis überfallen. Die Sozialarbeiterin des Fanprojekts wurde ebenfalls bedroht. Der Zweitliga-Verein hat die rechtsextreme Unterwanderung lange verharmlost.

Von Ronny Blaschke

Springerstiefel des Teilnehmers einer Demonstration der Rechten Szene (picture alliance / dpa / Bernd Thissen)
Springerstiefel des Teilnehmers einer Demonstration der Rechten Szene (picture alliance / dpa / Bernd Thissen)

Zwei Gruppen prägen die Ultra-Szene von Alemannia Aachen: Die so genannten "Aachen Ultras" zählen 80 Mitglieder. Sie engagieren sich gegen Rassismus, Antisemitismus, Homophobie. Ihr gegenüber steht die "Karlsbande" mit 180 Mitgliedern. Sie will Fußball und Politik strikt trennen. Dass auch Neonazis in ihren Reihen auftauchen, ist ihnen egal, so lange diese die Alemannia loyal unterstützen. Die Klubführung hat den Konflikt zwischen "Aachen Ultras" und "Karlsbande" lange als Fußnote der Fankultur heruntergespielt. Inzwischen erkennt auch Geschäftsführer Frithjof Kraemer die politische Dimension:

"Wir haben ja teilweise Leute, Eltern, Partner, Sponsoren, die uns anrufen, die wissen, ihre Kinder sind in der Karlsbande: Muss ich mir Sorgen machen? Und ich sage denen auch, es wäre gut, wenn du mit denen abends mal diskutieren würdest über grundsätzliche Einstellungen, wie die was sehen."

Immer wieder hatte es Anfeindungen gegen die "Aachen Ultras" gegeben, begleitet von antisemitischen Schmähungen und homophoben Sprüchen. Der Gruppe wurde nahegelegt, auf politische Äußerungen zu verzichten. Doch die Gruppe hielt sich nicht daran, besuchte im Dezember eine Lesung zum Thema Rechtsextremismus im Fußball, gehalten durch den Autor dieses Radio-Betrages. Zu Beginn jenes Abends wurden Mitglieder der Karlsbande gebeten, den Saal zu verlassen, andere Gäste hatten sich von ihnen bedroht gefühlt. Tage später wurden die "Aachen Ultras" während des Heimspiels gegen Aue im eigenen Fanblock von 30 zum Teil vermummten Männern angegriffen. Zufall? Oder doch eine Rache-Aktion? Alemannia-Geschäftsführer Kraemer spricht auch über Drohungen aus dem rechten Spektrum gegen antirassistische Fans, Drohungen außerhalb des Stadions, in Kneipen, sogar von "Hausbesuchen" ist die Rede.

"Also wenn man das selbst erleben würde, das geht ja gar nicht, man traut sich ja gar nicht mehr vor die Tür. Und das kann man ja keinem wünschen, aber das ist Fakt, das ist real. Da muss man sagen: das darf es überhaupt nicht geben."

Eine Woche nach dem Spiel gegen Aue verwehrten Mitglieder der Karlsbande den "Aachen Ultras" den Zugang zum Gästeblock in Braunschweig. Dort hatten bereits Hooligans und Neonazis der Kameradschaft Aachener Land positioniert. Der Verfassungsschutz betrachtet diese Kameradschaft als einen äußerst gewaltbereiten Schwerpunkt für Neonazismus in Nordrhein-Westfalen. In Braunschweig wurde auch Kristina Walther der Zugang zum Gästeblock von Rechtsextremen verweigert. Walther leitet das Aachener Fanprojekt und will sich pädagogisch gegen Rechtsextremismus engagieren:

"Ich wurde beschimpft, ich wurde als Schuldige genannt, warum auf einmal die Fanszene sich so zerstritten hat. Wenn auf einmal eine große Gruppe Menschen auf einen zugeht und erst kurz davor vor einem ausweicht, einen starr anguckt, neben einem auf den Boden spuckt, einen verbal attackiert, dann sehe ich das schon als Bedrohung an."

Nach den Attacken im Dezember wollte die Geschäftsführung der Alemannia eine politische Dimension des Konflikts zunächst nicht erkennen. Stattdessen sollten sich nach ihrem Wunsch alle Parteien an einer Lösung beteiligen. Doch ist es legitim, Neonazis nach einem Vorschlag zu fragen? Wollte der finanziell klamme Klub das Thema aus den Medien heraushalten, aus Angst, Sponsoren und mögliche Bürgschaften zu verlieren? In jenen Wochen der Unklarheit schickte der langjährige Alemannia-Fan Sascha Wagner einen Brief an den Verein. Wagner, der oft Gast im Stadion war, ist eine Führungsfigur der NPD in Rheinland-Pfalz und sitzt im Vorstand der Jungen Nationaldemokraten, der Jugendorganisation der NPD. In dem Schreiben Wagners heißt es:

"Wir sind gegen jegliche Kleiderordnung und hören die Musik, die wir hören wollen.
Zeigt den Aachen Ultras die rote Karte! Löst das Fanprojekt auf! Die Aachener Fanszene möchte nicht das Experimentierfeld einer linksradikalen Sozialarbeiterin sein. Fußball bleibt Fußball und Politik bleibt Politik!"

Wieder hielt sich der Verein mit einer deutlichen Reaktion zurück. Die nächste Stufe der Eskalation dann Anfang Januar während eines Hallenturniers: "Aachen Ultras" wurden von Mitgliedern der Karlsbande attackiert und verfolgt. Wie Zeugen bestätigen, soll von einem anwesenden Mitarbeiter der Alemannia der Satz gefallen sein:

"Hoffentlich erfahren die Medien davon nichts."

Die Karlsbande hat in den vergangenen Jahren viele Mitglieder gewonnen. Auch der Verein hatte das Wachstum gestärkt, schließlich wünscht er sich in seinem neuen Stadion eine lautstarke Unterstützung von den Rängen. Dass in der Gruppe auch Neonazis einen Platz gefunden haben, scheinen einige Klubmitarbeiter noch immer nicht als Problem anzusehen. So sagt Lutz van Hasselt, der Fan-Beauftragte der Alemannia, über die Rolle des NPD-Funktionärs Wagner:

"Es ist natürlich auch eine Person, die kaum präsent ist, aktuell, die paar Mal im Jahr im Stadion ist. Ja, es sind sehr viele Leute, die irgendwelche Briefe schreiben und denen muss man auch nicht zu viel Bedeutung zumessen."

Einem NPD-Funktionär in der Fanszene soll man "nicht zu viel" Bedeutung beimessen? Wie ist dem Problem sonst zu begegnen? Ein Stadionverbot wegen einer NPD-Parteimitgliedschaft sei nicht möglich, weiß Alemannia-Geschäftsführer Kraemer:

"Ich würde kotzen, ehrlich gesagt, wenn ich sehen müsste, dass ein Stadionverbot per Gerichtsurteil aufgehoben würde, weil es mir nahegelegt würde, es sei Willkür gewesen."

Vor dem Spiel gegen St. Pauli an diesem Sonnabend hatte der Verein Position gegen Gewalt bezogen und seine Stadionordnung verschärft. Doch das sind nur kurzfristige Lösungen. Auch das pädagogische Fanprojekt stößt an seine Grenzen. In Kristina Walther konnte sich lediglich eine Sozialarbeiterin um die Fans kümmern. Demnächst soll sie Verstärkung erhalten, um Jugendliche für positive Ideen zu begeistern.

"Dementsprechend werde ich mit jedem sprechen, der das auch möchte, aber auch da werde ich Grenzen ziehen, wenn ich sehe, da ist die Nähe zur Kameradschaft Aachener Land zu sehr gegeben. Da muss ich auch mich selbst schützen. Wichtig ist, dass der normale Fan ein Auge drauf hat: Was passiert hier eigentlich mit meiner Alemannia, mit meiner Fanszene? Wer steht hier? Möchte ich den so hier haben mit seinem rechten Gedankengut? Und da glaube ist es wichtig, wenn sich da auch Fanklubs klar positonieren."

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