Mittwoch, 13.12.2017
StartseiteKommentare und Themen der WocheDie Kraft des Wortes 28.11.2017

Attentat auf Altenaer Bürgermeister Die Kraft des Wortes

Taten wie der Messerangriff auf Andreas Hollstein sind für viele das Resultat von Hetze – online wie offline – in einer Zeit, die fast keine Tabus mehr kennt. Das dürfe nicht ignoriert werden, meint Moritz Küpper. Dagegen müsse die Gesellschaft, anreden, aufstehen und vorgehen.

Von Moritz Küpper

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Der Bürgermeister von Altena, Andreas Hollstein (CDU), gibt am Tag nach dem Messerangriff eine Pressekonferenz. (dpa / Oliver Berg)
Er macht weiter: Andreas Hollstein (CDU), gibt am Tag nach dem Messerangriff eine Pressekonferenz (dpa / Oliver Berg)

Es waren ein paar einfache Sätze, die der Schriftsteller Navid Kermani gestern Abend, im Rahmen der Verleihung des NRW-Staatspreises im festlichen Kölner Gürzenich, an die Oberbürgermeisterin von Köln, Henriette Reker, sowie an Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble richtete: Auch im gut behüteten Deutschland kann Politik eine Frage von Leben und Tod sein, stellte er mit Blick auf die beiden fest, die jeweils Opfer von Attentaten geworden sind. Man müsse dankbar sein für Volksvertreter, die um ein Haar ermordet worden wären, ihre Gesundheit verloren haben – und doch weiter in der Politik geblieben seien. Das, so Kermani, sei keine kleine Sache, sondern heroisch.

In diesem Moment wurde aus ein paar Sätzen, mit der Kraft einiger Worte, ein großer, ein erhabener, ein bewegender Moment. Es sind Volksvertreter wie eben Reker und Schäuble, vor allem aber auch hunderttausende Lokal- und Kommunalpolitikerinnen und -politiker, die dafür sorgen, dass unsere Gesellschaft funktioniert, dass wir zusammen leben können.  

Es waren letztendlich nur wenige Worte – doch sie sind wichtig und hatten eine große Wirkung. Denn: In welche Richtung die Kraft der Worte auch führen kann, hatte sich nur einige Momente vorher, an einem andern Ort, gezeigt: In Altena im Sauerland verletzte ein Mann den dortigen Bürgermeister in einem Imbiss – und begründete dies mit dessen Flüchtlingspolitik.

Nach allem was bisher bekannt ist, gleichen sich die Umstände bei dem Messerangriff, mit denen auf die heutige Kölner Oberbürgermeisterin Reker – einzig mit dem glücklichen Umstand, dass Hollstein nur leicht verletzt wurde.

Über alle Parteigrenzen hinweg

Dennoch: Die Meldungen von Kommunalpolitikern, die nach Drohungen gegen ihre Familie aufgeben, Autos von Bundestagabgeordneten, die angezündet werden, Partei-Nachwuchskräfte, die krankenhausreif getreten werden, häufen sich. Übrigens über alle Parteigrenzen hinweg, von Linken, über Grüne, SPD, CDU, bis hin zur AfD. 

Und das, da sind sich viele einig, ist das Ergebnis einer immer schärferen, polarisierten Auseinandersetzung, die, mitunter digital und anonym, fast keine Tabus mehr kennt. Doch Hetze – online wie offline – darf nicht ignoriert werden. Dagegen muss die Gesellschaft, müssen wir alle – unabhängig von inhaltlichen Differenzen und unterschiedlichen politischen Ansichten – anreden, aufstehen, vorgehen.

Denn sie führt – siehe Köln, siehe Altena – zu Taten. Und nicht immer gibt es bewundernswerte Menschen wie eben die Kölner Oberbürgermeisterin Reker und den Altenaer Bürgermeister Hollstein, die dann weitermachen. Wir alle sollten wissen, dass unsere Gesellschaft, nur mit Politikerinnen und Politikern funktioniert – und ihnen danken. Und dabei wissen: Die Kraft des Wortes, das hat der gestrige Abend im Kölner Gürzenich, aber auch im Imbiss in Altena gezeigt – ist nicht zu unterschätzen.

Moritz Küpper (Deutschlandradio / Bettina Straub)Moritz Küpper (Deutschlandradio / Bettina Straub)Moritz Küpper, Jahrgang 1980, studierte Politik- und Kommunikationswissenschaften und Volkswirtschaftslehre in München und Washington, D.C. und besuchte die Deutsche Journalistenschule. Er promovierte an der Universität Bonn und arbeitete als Redakteur bei Capital, in der Online-Redaktion des Deutschlandradios sowie der Deutschlandfunk-Sportredaktion. Seit 2015 ist er als Deutschlandradio-Landeskorrespondent in Nordrhein-Westfalen tätig.

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