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Seit 07:15 Uhr Interview
StartseiteKommentare und Themen der WocheEs war ein Anschlag aus Habgier21.04.2017

Attentat in DortmundEs war ein Anschlag aus Habgier

Die Gewaltbereitschaft in der Gesellschaft habe mit dem Anschlag auf den BVB-Mannschaftsbus einen neuen Höhepunkt erreicht, kommentiert Rolf Clement die Verhaftung des mutmaßlichen Attentäters. Doch die Qualität des Sprengsatzes herauszustellen, wie es der nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Jäger getan habe, sei "in hohem Maße unprofessionell".

Von Rolf Clement

Der Bus von Borussia Dortmund steht mit einer beschädigten Scheibe am 11.04.2017 in Dortmund (Nordrhein-Westfalen) an einer Straße.  (dpa/Ina Fassbender)
Der Bus von Borussia Dortmund mit der vom Anschlag am 11.04.2017 beschädigten Scheibe. (dpa/Ina Fassbender)
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Es fällt schwer, einen Begriff zu finden, der in diesem Programm salonfähig ist, um die Niedertracht zu umschreiben, die den mutmaßlichen Attentäter von Dortmund zutreffend qualifiziert. Es hat nichts mit einem Terroranschlag zu tun, wenn ein Mensch aus reiner Gier und Gewinnzucht den Tod einer Gruppe von Menschen plant – nicht nur hinzunehmen bereit ist, nein, bewusst plant. Es ist reine Kriminalität, eine mit den niedrigsten Beweggründen, die man haben kann. Da er sich das Unternehmen Borussia Dortmund ausgesucht hat, musste diese Tat in aller Öffentlichkeit begangen werden, und dies zu einem Zeitpunkt, da dieses Unternehmen gerade dabei war, sich in der europäischen Spitzenklasse erneut prominent zu platzieren.

Niederträchtige Fährte in Terrorismus gelegt

Diese Niedertracht wird noch weiter gesteigert, indem der Täter eine Spur in den Terrorismus legt. Die Verteilung von Schriftstücken, nach denen der IS die Verantwortung für diese Tat übernimmt, soll die Fahnder auf eine falsche Fährte lenken. Es spricht für unsere Sicherheitskräfte, dass sie auf diesen Leim nicht gegangen sind. Es ist auf der anderen Seite beruhigend, dass der mutmaßliche Täter auch ein Maß an Dilettantismus an den Tag legt, der just diese Ablenkung von Anfang an nicht greifen ließ.

Das beginnt mit der Formulierung der sogenannten Bekennerschreiben, geht über die Ausrichtung der Sprengsätze, die ihr Ziel nicht treffen konnten, bis zum falschen Zeitpunkt für deren Auslösung. Das wird noch gesteigert durch die Tatsache, dass die Optionsscheine, die den Gewinn bringen sollen, aus dem Mannschafthotel der schwarz-gelben Elitekicker heraus gekauft wurden. Hat er noch nie etwas davon gehört, dass solche Handelswege zurückverfolgt werden können?

Lob für Sprengsatz soll Image von NRW-Innenminister aufpolieren

Der nordrhein-westfälische Innenminister Jäger hat dem Verhafteten hohe professionale Qualitäten attestiert, vor allem beim Bau der Sprengsätze. Das mag technisch vielleicht sein, aber alles andere war in hohem Maße unprofessionell. Ein Lob für die Qualitäten des mutmaßlichen Täters soll die Arbeit der Polizei besonders herausstellen und damit das Image des angeschlagenen Ministers im Wahlkampf aufpolieren. Schade, dass er zu solchen Versuchen greift. Ja, die Polizei hat gut gearbeitet, aber der mutmaßliche Täter hat es ihnen nicht so schwer gemacht.

Ist das ein Beispiel dafür, dass wir künftig mit ähnlichen Tätern rechnen müssen, die ihre plumpen kriminellen Absichten unter dem Scheindach des Terrorismus verstecken wollen? Es ist zu hoffen, dass das nicht geschieht. Die Tat von Dortmund muss uns dennoch nachdenklich stimmen: Die Gewaltbereitschaft in unserer Gesellschaft hat mit dieser Tat einen neuen Höhepunkt erreicht. Wenn für einen gar nicht zuverlässig bezifferbaren Gewinn der Tod einer symbolträchtigen Personengruppe angestrebt wird, haben wir einen Tiefpunkt erreicht. Die Gesellschaft insgesamt muss aufwachen und sich gegen die zunehmende Gewaltbereitschaft auflehnen. Wenn das die Lehre aus dieser niederträchtigen Tat wäre, hätte sie zumindest etwas bewirkt.

Rolf Clement (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Rolf Clement (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Rolf Clement, geboren 1953 in Stuttgart, studierte Jura in Bonn. Er ist Korrespondent für Sicherheitspolitik beim Deutschlandfunk. Seit 1989 ist er beim DLF. Bis 2007 leitete er die Abteilung Hintergrund. Vor seiner Zeit beim DLF war er Parlamentskorrespondent des NDR in Bonn.

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