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StartseiteInterview"Auch Einzeltäter sind eingebettet in ein soziales Klima"19.06.2016

Attentate in Orlando, Magnanville und Birstall"Auch Einzeltäter sind eingebettet in ein soziales Klima"

Bei den Attentaten in Orlando, Magnanville und Leeds habe das leidenschaftliche Gefühl des Hasses eine zentrale Rolle gespielt, sagte der Psychoanalytiker Hans-Jürgen Wirth im DLF. So hätten Einzeltäter ihren Privathass im ideologischen Rahmen einer fanatisierten größeren Gruppierung ausgelebt. Deren Radikalisierung werde von Vorbildern wie Trump, Putin oder dem IS beflügelt.

Hans-Jürgen Wirth im Gespräch mit Maja Ellmenreich

Ein undatiertes Foto des 29-jährigen US-Amerikaners Omar Mateen aus den sozialen Medien. (imago / ZUMA Press)
Ein undatiertes Foto des 29-jährigen US-Amerikaners Omar Mateen aus den sozialen Medien. (imago / ZUMA Press)
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Maja Ellmenreich: Am frühen Sonntagmorgen der vergangenen Woche schießt ein US-Amerikaner im Nachtclub "Pulse" in Orlando, Florida, 49 Menschen nieder und verletzt 53 weitere.

Am Montagabend ersticht ein 25-jähriger Franzose einen Polizeibeamten, vor dessen Wohnhaus im Pariser Vorort Magnanville. Später bringt er auch die Lebensgefährtin des Polizisten um.

Am Donnerstagmittag schießt ein Mann auf offener Straße nahe Leeds in Nordenglang auf die britische Labour-Abgeordnete Jo Cox, sticht zudem auf sie ein. Sie stirbt wenige Stunden später.

Drei Taten innerhalb von nur fünf Tagen. Die Untersuchungen laufen, über Motive wird gemutmaßt. Alle drei Täter sind wohl Einzeltäter gewesen. "Radikalisierte Einzeltäter" – heißt es immer wieder. "Lone Wolfs" – einsame Wölfe.

Der Gießener Psychologe und Psychotherapeut Hans-Jürgen Wirth hat viel über Terror und Trauma geforscht und publiziert. Herr Wirth, ist diesen drei Taten, die in der vergangenen Woche verübt wurden, so unterschiedlich sie auch sind – ist ihnen gemein, dass das Gefühl Hass der Auslöser jeweils war?

Hans-Jürgen Wirth: Ja. Ich glaube, dass das leidenschaftliche Gefühl des Hasses, dass das in allen drei Fällen eine zentrale Rolle spielt.

Ellmenreich: Ist der Hass schon der Kern der Sache, oder ist dieses Gefühl nur ein Symptom für irgendwie ein noch tiefer liegendes Gefühl?

"Der Hass wird auf Sündenböcke verschoben"

Wirth: Ja, es ist sehr häufig so, dass der Hass eigentlich eine Verarbeitungsform von sozialen und psychischen Verletzungen ist, von Verletzungen des Selbstwertgefühls, das damit kompensiert wird, dass man den Hass auf andere richtet, sich sozusagen auch relativ wahllos Opfer sucht und damit Schuldige hat, vermeintliche Schuldige, gegen die man Rache üben kann.

Ellmenreich: Wahllos, sagen Sie jetzt gerade. Bei den Taten in den USA und in Frankreich ist ja von islamistischen und vielleicht auch von homophoben Motiven die Rede, in England von rechtsextremen. Ist das wirklich Wahllosigkeit? Hier klingt es ja eigentlich eher so, als wäre ein ideologischer Überbau jeweils an dieser Tat beteiligt beziehungsweise würde über der Tat stehen.

Wirth: Wahllos nur in dem Sinne, dass die eigentlichen Verursacher der Kränkungen, die vielleicht schon lange zurückliegen und die konkrete Personen waren, dass die nicht angegriffen werden, sondern der Hass verschoben wird auf Sündenböcke. Und ja, es werden natürlich nicht irgendwelche Sündenböcke rausgesucht, sondern das sind häufig Opfer, die sich aufgrund der fanatischen Ideologie, die der Hasser hat, als Opfer anbieten.

Ellmenreich: Gehört denn Hass zur angeborenen Gefühlspalette von uns Menschen, so wie Liebe zum Beispiel?

Wirth: Ja, das denke ich schon, dass Hass eigentlich nur die extremste Steigerung von Aggression, Ärger, Wut und dann eben Hass darstellt. Jeder Mensch hat die Möglichkeit, aber auch die Fähigkeit, zu hassen. Das gehört zum menschlichen Repertoire dazu. Gut, wir alle lernen aber im Laufe unserer Entwicklung, unseren Hass zu kontrollieren und mit Gefühlen von Aggression, Wut und Hass umzugehen und sie in Bahnen zu lenken, dass sie sozialverträglich geäußert werden können, oder Hassgefühle vielleicht mal in der Fantasie auftreten, aber man sie nicht in der Realität ausagiert. Und Menschen, die da weniger kontrolliert sind, oder die stärker labil sind, gekränkt sind, verunsichert sind, vielleicht auch traumatisiert sind, die haben ihren Hass nicht mehr unter Kontrolle und sie werden vielleicht auch von anderen angestachelt, den Hass in bestimmter Richtung auszuleben.

Ellmenreich: Und sind dann wiederum ganz "dankbare Opfer"?

"Privathass im Rahmen einer fanatisierten größeren Gruppierung ausagieren"

Wirth: Sie sind dann auch dankbare Opfer von Strategien, die andere Leute entwickeln. Die Fälle, die Sie aufgezählt haben, das sind zwar einsame Wölfe, es sind Einzeltäter, aber so ganz allein sind sie doch nicht, denn sie sind eingebettet in ein soziales Klima, in eine Atmosphäre ihrer Subgruppe, die aber auch vielleicht in der Gesellschaft eine große Rolle hat, und werden davon angestachelt.

Ellmenreich: Da sind wir wieder beim ideologischen Überbau. Das heißt, der Einzeltäter, der eigentlich ein "Lone Wolf" ist, der nimmt sozusagen das naheliegendste ideologische Konstrukt und sucht sich eine Gruppe, eine soziale Gruppe, der er sich anschließen kann?

Wirth: Ja. Wenn in der Gesellschaft sich über politische Fragen, sei es jetzt meinetwegen der Brexit, die Gesellschaft so polarisiert, dann gibt es das Phänomen, dass Einzeltäter, deren Problem eigentlich ganz individuell in ihrer Lebensgeschichte liegt, dass die sich einer radikalisierten und fanatisierten Gruppierung anschließen und da ihren Privathass ausagieren im Rahmen einer fanatisierten größeren Gruppierung.

Ellmenreich: So grausam solche Taten auch sind, versuchen wir ja auch immer, irgendwie sie zu erklären, sie nachvollziehen zu können, sie herzuleiten. Auch unser Gespräch ist jetzt ja eigentlich ein Beispiel dafür. Ist das eine ganz menschliche Reaktion, dieses, was uns doch irgendwie auch wiederum als so unmenschlich vorkommt, dennoch irgendwie verstehen zu wollen?

Wirth: Ja. Ich glaube, dass das notwendig ist, das psychologisch, aber auch gesellschaftlich zu verstehen, wie solche Phänomene zustande kommen, auch um präventiv etwas tun zu können, um bestimmte Entwicklungen schon zu erkennen und zu versuchen, es in konstruktivere Bahnen zu lenken.

Ellmenreich: Was für Möglichkeiten gibt es da?

Wirth: Man müsste versuchen, dass gesellschaftliche Fragen, dass sich die Positionen nicht zu stark polarisieren, beispielsweise jetzt über die Problematik in England der Brexit, in Deutschland, wie geht man mit den Flüchtlingen um. An solchen sehr kontroversen Fragen entzünden sich leicht Polarisierungen, die dann auch Zündstoff bieten für hassvolle Auseinandersetzungen.

Ellmenreich: Wir sprechen zwar jetzt gerade über drei konkrete Fälle, Orlando, Magnanville und Leeds. Aber das Wort beziehungsweise das Phänomen Hass hat ja in diesen Wochen Hochkonjunktur. Da sind die russischen, englischen und auch deutschen Hooligans, die aufeinander losgehen mit brutalster Gewalt. Auch Politiker schüren auf ganz unterschiedliche Weise den Hass. Am prominentesten ist da vielleicht Donald Trump in den USA uns jetzt allen gerade vor Augen, der ja offen zur Gewalt aufruft. Hat Hass zurzeit in unseren Gesellschaften auf dieser Welt Hochkonjunktur? Fallen da Tabus?

"Der Mensch ist ein zutiefst soziales Wesen"

Wirth: Wenn man das Weltgeschehen unter diesem Blickpunkt betrachtet, kann man zu diesem Eindruck kommen. Und es gibt sicher auch einen Ansteckungseffekt, dass Trump nicht nur in Amerika eine Rolle spielt, sondern dass der eigentlich auch in anderen Teilen der Welt eine Radikalisierung beflügelt. Aber das gleiche gilt natürlich auch etwa für Putin oder auch den IS. Wenn in Gesellschaften solche Vorbilder sind und das alles wird über die Medien schnell transportiert, dann fühlen sich auch Länder, die nicht direkt betroffen sind, angesprochen, sich so zu verhalten.

Ellmenreich: Die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker, die ja im letzten Herbst auch Opfer einer Messerattacke geworden ist, die hat jetzt anlässlich der Ereignisse in Nordengland gesagt, sie befürchte, dass es mehr Taten dieser Art gebe. Befürchten Sie das auch?

Wirth: Ja wie gesagt, es gibt schon auch eine Ansteckungswirkung von solchen Einzeltaten. Auf der anderen Seite: Gut, es gibt auch die Ansteckungswirkung von sozialem und konstruktivem Engagement. Davon fühlen sich Leute auch motiviert, sich selber konstruktiv zu engagieren. Der Mensch ist ein zutiefst soziales Wesen, das sehr stark beeinflusst wird durch das, was andere tun, sowohl im positiven als auch im negativen Sinne.

Ellmenreich: Und das ist einfach ein Fakt und an dem wird man wahrscheinlich nichts ändern können, im Positiven wie im Negativen?

"Ein stiller Hass, der die Atmosphäre vergiftet"

Wirth: Im Grundsätzlichen ja, aber man kann sich natürlich schon auch ein friedlicheres Zusammenleben sowohl innerhalb einer Gesellschaft als auch zwischen Gesellschaften vorstellen. Wenn nämlich das Potenzial, Konflikte konstruktiv zu lösen, wenn das größer ist, dann kommt es schon zu einem Rückgang von Gewalt. Wir erleben ja auch, meinetwegen in Deutschland sind wir noch relativ verschont von diesen extremen Formen von Gewalt. Aber es gab andere Zeiten in der Geschichte, wo das nicht der Fall war.

Ellmenreich: Na ja, und die Welle, die sozusagen aus dem Osten herüberschwappt, die AfD, die Pegida-Welle, die ist vielleicht auch nicht ganz klein zu reden, auch wenn es da vielleicht nicht unbedingt gleich zu den schlimmsten Bluttaten kommt. Aber natürlich trotz allem haben wir es da mit verbaler Äußerung von Hass zu tun.

Wirth: Das ist richtig. Gut, die NSU gab es hier auch. Sie war so sehr im Untergrund und auch so isoliert, dass sie in dieser Form keine breite Anhängerschaft zum Glück rekrutieren und anziehen konnte. Aber Pegida und die AfD, das sind schon auch Bedrohungen, die in diese Richtung gehen. Bei Pegida beobachte ich das Verbreiten von Ressentiments, und Ressentiments, das ist noch kein explosiver Ausdruck von Hass, aber es ist ein stiller Hass, der die Atmosphäre vergiftet und der auch zu einer Selbstvergiftung derjenigen, die da hassen, führt oder Ausdruck einer Selbstvergiftung ist, die um sich greift.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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