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StartseiteTag für TagBrutale Variante der Märtyrer-Idee23.03.2016

Attentate von BrüsselBrutale Variante der Märtyrer-Idee

Islamistische Terroristen wie die von den Anschlägen von Brüssel verstehen sich als Gotteskrieger. Die Logik: Sterben sie in ihrem Dschihad, werden sie als Märtyrer gefeiert. Märtyrer spielen in allen Weltreligionen eine Rolle, wobei diese sowohl offensiv als auch defensiv ausgerichtet sein können.

Michael Wolffsohn im Gespräch mit Susanne Fritz

Blumen und Trauerbekundungen liegen vor dem Bahnhof Zaventem. (picture alliance / dpa / Edouard Bride)
Wie sollten Juden, Christen und Muslime auf die offensiv-brutale Variante des Märtyrer-Gedankens reagieren? (picture alliance / dpa / Edouard Bride)

Muslime müssen die Gewalttraditionen im Islam zähmen, sagt der Historiker Michael Wolffsohn. Er war Professor an der Bundeswehr-Universität in München. Als Publizist beschäftigt er sich immer wieder auch mit Fragen von Religion und Gesellschaft.

Susanne Fritz: Entsetzt haben die Menschen weltweit auf die gestrigen Anschläge in Belgien reagiert. Nach dem bisherigen Stand sollen zwei muslimischer Selbstmordattentäter an den Anschlägen am Brüsseler Flughafen und in einer U-Bahn Station beteiligt gewesen sein. Diese radikalen Islamisten rechtfertigen ihre Tat mit dem Islam und bezeichnen sich selber als Märtyrer. Doch was ist das überhaupt, ein Märtyrer? Und wie unterscheidet sich ein islamischer vom jüdischen und christlichen Märtyrer? Darüber spreche ich jetzt mit Professor Michael Wolffsohn, jüdischer Historiker und Publizist in München. Guten Morgen.

Michael Wolffsohn:. Guten Morgen, Frau Fritz.

Fritz: Herr Wolffsohn, bevor ich mit Ihnen übe die religiösen Motive und Rechtfertigungen der Selbstmordattentäter in Belgien spreche, möchte ich mit ihnen einen Blick auf die anderen großen monotheistischen Religionen werfen. Wann spricht man im Judentum von einem Märtyrer?

Wolffsohn: Ein Märtyrer ist jemand, der sich "dem Namen Gottes" opfert, also sich selbst opfert - und keine anderen.

Fritz: Was ist wichtiger im Judentum, sein Leben zu schützen, um im Leben gute Taten zu vollbringen, oder für seinen Glauben zu sterben?

Wolffsohn: Ersteres – also gute Taten zu vollbringen. Das Sterben wird nicht freiwillig gewählt, sondern immer nur dann, wenn er oder sie gezwungen werden soll, den jüdischen Glauben aufzugeben.

Fritz: Hat ein Jude das Recht, das Martyrium zu suchen und sein Leben vorsätzlich in Gefahr zu bringen?

Wolffsohn: Definitiv nein. Es ist sozusagen die letzte Verzweiflungstat, bevor man den Glauben der Väter aufgibt. Die Konversion wird abgelehnt, nicht weil das Judentum die allein selig machende Religion ist, sondern weil es die Aufgabe der eigenen Religion, die Aufgabe eigenen individuellen und kollektiven Ichs wäre.

Fritz: Was gibt es für Märtyrerfiguren im Judentum?

Wolffsohn: Es gibt vor allem - und vor allem mit der größten Fernwirkung - den Rabbi Akiba, ein früh-talmudischer Gelehrter, der den jüdischen Aufstand gegen die römische Weltmacht unterstützte in den Jahren 132 bis 135. Aber Teil dieses – man muss es so nennen – Guerillakrieges gegen die römische Weltmacht war das Praktizieren des Judentums. Das war der Hauptgrund auch für den Aufstand. Das Praktizieren des Judentums war nicht möglich. Rabbi Akiba wurde von den Römern ergriffen und dann ermordet, und zwar bei lebendigem Leibe gehäutet mit glühenden Kämmen, eisernen Kämmen. Das war sein Märtyrertod. Und dabei sagte er: "Jetzt erfülle ich das göttliche Gebot." In dem Gebet "Höre Israel – Schma Jsrael", wo es heißt: "Du sollst Gott mit deiner ganzen Seele dienen!" Dann sagte Rabbi Akiba seine letzten Worte: "Jetzt diene ich meinem Herrn mit meiner ganzen Seele, in dem ich mich selbst aufgebe."

Der Kreuzestod als Märtyrertod

Fritz: Der jüdische Märtyrer stirbt für seinen Glauben. Dabei ist er aber Opfer von Gewalt, ohne selbst Gewalt zu erzeugen, das haben Sie gerade dargestellt. Als der erste christliche Märtyrer gilt der heilige Stephanus. Er soll wegen seines Glaubens gesteinigt worden sein. Auch er ist Opfer von Gewalt. Wie unterscheiden sich christliche von jüdischen Märtyrern?

Wolffsohn: Diesbezüglich eigentlich gar nicht. Aber ich würde eine leise, nein, sogar sehr laute Umakzentuierung machen. Der erste, der Märtyrer des Christentums und im Christentum, bevor es ein Christentum gab, war Jesus, aus christlicher Sicht der Christus. Der Kreuzestod ist ja ein Märtyrertod. Und auch das ist kennzeichnend – es ist ein Märtyrertod, in dem kein anderer Mensch – sei er göttlich oder nur menschlich – in dem eben kein anderer ebenfalls sterben muss. Jesus ist das Opfer schlechthin, mehr noch – er nimmt christlich gesehen und gesagt, die Sünden der Menschen, der Menschheit auf sich durch seinen Kreuzestod.

Fritz: Kann man nach Ihrer Ansicht bei solchen Arten des Martyriums von der Macht der Gewaltlosigkeit sprechen?

Wolffsohn: Ja. Der Triumph des Christentums – und es war dann ja letztlich auch ein machtpolitischer Triumph, unabhängig davon, wie man jetzt das machtpolitische Vorgehen beurteilt – aber aus dieser völligen Machtlosigkeit und Gewaltlosigkeit ergibt sich überhaupt erst die Machtmöglichkeit des frühen Christentums, welches dann Staatsreligion im Römischen Reich wurde und als Staatsreligion dann bekanntlich sehr Unchristliches auch vollbracht hat. Aber der Ansatz war: Macht und Kraft aus der Macht- und Kraftlosigkeit. Und ähnlich kann man das auch in Bezug auf das Judentum sehen, das bekanntlich nun keine Macht war und ist, aber in manchen antisemitischen Phantasien zu einer Weltmacht umstilisiert wird. Das Judentum aus der totalen Niederlage der sechsmillionenfachen Vernichtung des Holocaust steht sozusagen auf und gründet seinen eigenen Staat Israel, der von vielen als nahöstliche Großmacht betrachtet wird – lassen wir das mal beiseite. Aber aus der Kraft- und Machtlosigkeit wird Kraft geschöpft. Und das sollte eigentlich – meine Hoffnung jedenfalls –Inspiration auch für den Islam sein, dass Martyrium – wenn überhaupt – defensiv, individuell auf sich genommen wird und aus der Machtlosigkeit die Kraft auch zu sammeln, um sich zu erneuern.

"Im Islam haben wir die offensive Form des Martyriums"

Fritz: Sie haben es jetzt grade schon angesprochen, Sie sind auf den Islam zu sprechen gekommen. Wenn wir uns jetzt diese dritte monotheistische Religion einmal anschauen, was versteht denn der Islam unter einem Märtyrer?

Wolffsohn: Leider eine offensive Variante, um dieses Problem kommen wir nicht herum. Die beiden anderen Religionen Judentum und Christentum haben auch ein Gewaltproblem, aber anders akzentuiert. Und sie haben in der fortschreitenden Theologie sich von diesen wortwörtlich zu interpretierenden Verständnissen gelöst. Im Islam haben Sie die offensive Form des Martyriums durch die Mission, Mission und Martyrium miteinander verflochten und dann die allseits bekannte Belohnung im Jenseits – egal ob das jetzt nun 70 Jungfrauen sind oder was auch immer – aber jedenfalls im Jenseits für das diesseitige Martyrium. Also eine offensive Variante.  

Fritz: Und eine Variante, wo eben auch Gewalt von ausgeht. Also der islamische Märtyrer ist nicht Opfer von Gewalt, sondern erzeugt auch Gewalt.

Wolffsohn: Er übt offensiv Gewalt aus. Und das ist auch der fundamentale Unterschied des islamischen Propheten, also Mohammed, der ein Prophet des Schwertes gewesen ist – anders als Jesus, der Christus, der eben den Kreuzestod gestorben ist. Der Dialog der Religionen, wenn er denn ein echter Dialog ist, soll nicht mit Sirup übergossen werden, sondern von dieser Grundproblematik ausgehen und fragen: Wie können wir für die Würde des Menschen, im Sinne von menschenwürdiges Leben – Akzent auf Leben – miteinander kommunizieren und die Reste der Gewalttheologie liquidieren?

"Interreligiösen Dialog nicht überzuckern!"

Fritz: Wie wichtig ist es Ihrer Meinung nach, dass sich islamische Theologen mit dem Verhältnis des Islams zur Gewalt auseinandersetzen?

Wolffsohn: Noch wichtiger und offensiver. Ich gebe Ihnen mal ein Beispiel der "jüdischen" Theologie. Wir kennen alle die biblische Geschichte vom Durchschreiten der Kinder Israels des Roten Meeres auf der Flucht von Ägypten. Das wird im Alten Testament bejubelt. Dann entwickelt sich aber die rabbinische Diskussion weiter. Es wird erzählt, es gab eine himmlische Versammlung - mit Gott natürlich als den Vorsitzenden. Gott fragt die himmlische Versammlung: Wie findet ihr denn den Untergang der Ägypter, die die Kinder Israels verfolgt haben? Antwort der himmlischen Versammlung: Großartig! Darauf antwortet Gott in der rabbinischen Erzählung: Nein, das ist nicht großartig! Ich kann nicht jubeln, wenn meine Geschöpfe sterben. Das ist die Fortentwicklung der Theologie der Gewalt. So etwas gibt es sehr viel später auch im Christentum. Das fehlt im Islam, soweit ich es sehe.

Fritz: Was kann denn der Westen dazu beitragen, dass sich eine moderne, liberale islamische Theologie entwickelt, die sich mit demokratischen Grundwerten vereinbaren lässt?

Wolffsohn: Die interkonfessionellen Dialoge nicht zu überzuckern, sondern die fundamentalen Fragen zu stellen – in einem freundschaftlichen, offenen Sinne - mit dem Ziel, zueinander zu kommen und nicht gegeneinander zu argumentieren und einander zu liquidieren.

Fritz: Vielen Dank für das Gespräch. Das war Professor Michael Wolffsohn, jüdischer Historiker und Publizist in München.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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