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StartseiteBüchermarktAuf Abenteuerreise im Wilden Osten14.07.2011

Auf Abenteuerreise im Wilden Osten

Jörg Kuhbandner/Jan Oelker (Hrsg.): "Transit". Cornelia Klauß/Frank Böttcher: "Unerkannt durch Freundesland"

Reisefreiheit war eins der großen Themen, als die DDR ihrem Ende entgegentaumelte: 20 Jahre nach Wende und Wiedervereinigung erscheinen zwei Bücher, in denen Dutzende ehemalige DDR-Bürger von ihren abenteuerlichen Reisen durch die Weiten der Sowjetunion berichten.

Von Uli Hufen

DDR-Reisepass mit einem Visum "gemäß Antragstellung" zur mehrmaligen Ausreise in die Bundesrepublik (picture alliance / dpa / Michael Reichel)
DDR-Reisepass mit einem Visum "gemäß Antragstellung" zur mehrmaligen Ausreise in die Bundesrepublik (picture alliance / dpa / Michael Reichel)
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Transitnik - Unerkannt durch Freundesland

Wer hätte das gedacht: 20 Jahre nach Wende und Wiedervereinigung erscheinen zwei Bücher, in denen Dutzende ehemalige DDR-Bürger von ihren abenteuerlichen Reisen durch die Weiten der Sowjetunion berichten.

Das eine der beiden Bücher heißt "Transit" und ist derzeit Reisebuch des Jahres 2010 beim Outdoorausrüster Globetrotter. Das zweite Buch ist noch besser, weil vielfältiger, und heißt "Unerkannt durch Freundesland". Beide Bücher sind faszinierende, fette Schmöker randvoll mit Abenteuergeschichten und tollen Bildern, beide regen zum Träumen an, beide haben die Kraft, neue Generationen für den Wilden Osten zu begeistern. Beide liefern zudem wichtige Bausteine zu einem differenzierten Bild der Sowjetunion und der DDR.

Aber der Reihe nach.

Reisefreiheit war eins der großen Themen, als die DDR vor 22 Jahren ihrem Ende entgegentaumelte. Die meisten Menschen verbinden damit die Vorstellung, dass Ostdeutsche den Eisernen Vorhang nur sehr schwer überwinden konnten. Das stimmt, doch waren auch Reisen in die sozialistischen Bruderländer des Ostblocks nicht so einfach, wie man im Westen gern annimmt. Die Tschechoslowakei, Ungarn, Rumänien und Bulgarien waren in den 70er und 80er-Jahren vergleichsweise einfach zu bereisen. Für Reisen nach Prag reichte der Personalausweis. Wer nach Budapest, Bukarest, Sofia, zum Balaton, ans Schwarze Meer oder in die Karpaten wollte, beantragte bei der Polizei ein Visum und erhielt das gewöhnlich auch. Reisen nach Polen aber waren seit 1981 nahezu unmöglich. Ebenso Reisen nach Jugoslawien. Auch der größte der sozialistischen Brüder, die Sowjetunion, war zumindest für private Reisen gesperrt.

Für Reisen in die Sowjetunion brauchten DDR-Bürger ein Visum. Das aber bekam man nur als Mitglied einer Reisegruppe oder auf persönliche Einladung. Auf Individualtouristen mit Rucksack, die ihre neugierigen Nasen in die entfernteren Ecken des Riesenreichs stecken wollten, hatte die paranoide Sowjetunion keine Lust.

Weil aber der real existierende Sozialismus weit weniger gut organisiert und kontrolliert war, als man gemeinhin annimmt, gab es auch hier ein Schlupfloch, das in den 70er und 80er-Jahren Tausende Wagemutige zu spektakulären Reisen nutzten.

"Es gab so ein Abkommen zwischen der DDR und der SU, und wohl auch nur zwischen der DDR und der SU und nicht mit den anderen sozialistischen Ländern, dass man wenn man nach Rumänien wollte, man über Polen und die Sowjetunion im Transit reisen konnte. Also nicht auf dem kürzesten Weg, über die CSSR und Ungarn, sondern mit diesem kleinen Umweg."

Frank Böttcher ist der Gründer und Verleger des Berliner Lukas-Verlag, einer der beiden Herausgeber des Bandes "Unerkannt durch Freundesland" und in den 80er-Jahren selbst mehrfach in der Sowjetunion gereist.

"Wenn man das Visum bekommen hat, man musste das in der DDR beantragen, dann war man in dem Land drin und hatte aber nur 48 oder 72 Stunden Zeit, die SU zu durchqueren. Aber es kam darauf an, sich jetzt unabhängig zu machen, also abzuhauen von der offiziellen Route. Also sich in einen Zug zu setzen oder zu trampen. Das war der heikelste Moment der ganzen Reise. Wenn man es geschafft hatte, 1000 oder 2000 Kilometer ins Land zu kommen, dann sah keiner mehr durch. Dann konnte man sich da relativ frei bewegen."

Genaue Angaben darüber, wie viele DDR-Bürger die Ritzen des Systems so frech und elegant zu nutzen wussten, sind schwierig. Aber es müssen Tausende gewesen sein. Wie die Reisen organisiert wurden, was man in der Sowjetunion erlebte und was passierte, wenn die Sache doch aufflog, ist dank der beiden Bände "Transit" und "Unerkannt durch Freundesland" nun in fantastischem Detailreichtum belegt.

"Es waren vor allem junge Leute, die wenig Rücksicht auf Familie nehmen konnten und wagemutig waren. Es gehörte ein gutes Maß an Unabhängigkeit dazu, ein bisschen Chuzpe. Es war kein dissidentischer Akt, aber es war ein Akt von Staatsferne, glaub ich schon."

Frank Böttcher:

"Ansonsten gab es zwei Gruppen: eine starke Bergsteiger- und Naturburschenfraktion. Die kamen oft aus dem Süden, aus Sachsen und aus Thüringen, die schon immer in der Sächsischen Schweiz waren und und und, die die Berge reizten und die die mittelasiatischen Städte oder Tbilissi noch dazu nahmen. Als bunte Dreingabe. Das andere waren Leute, die stärker kulturell oder unter politischen Auspizien gereist sind, ins Baltikum. Oder der Pfarrer, der Bibeln geschmuggelt hat, Leute, die sich mit den Bürgerrechtsbewegungen kurzgeschlossen haben und stark die Begegnungen mit den Menschen gesucht haben."

Pamir, Kaukasus, Fan-Gebirge, Alai, Tien Shan, Altai: In den Hochgebirgen der Sowjetunion warteten zahlreiche Fünf-, Sechs- und sogar Siebentausender und wurden auch bestiegen. Unter abenteuerlichen Bedingungen. Professionelles Bergesteigerequipment war in der DDR Mangelware und wurde oft selbst hergestellt. Von selbst geschmiedeten Steigeisen über selbst genähte Daunenschlafsäcke bis hin zu selbst hergestelltem Müsli. Vernünftiges Kartenmaterial gab es auch nicht. Weil die Abenteurer aus Sachsen und Thüringen zudem kein Geld hatten, um Hubschraubertransporte in die Basecamps am Pik Korzhenewskaja oder am Pik Kommunismus zu bezahlen, lagen vor den eigentlichen Gipfelstürmen oft wochenlange Märsche mit schwersten Gepäck. Man liest das und staunt über den Willen und die Leidensfähigkeit, aber auch über den Erfindungsreichtum und die Chuzpe.

"Da wurde unendlich improvisiert. Wir haben ja ein paar Extremgeschichten drin, dass da welche im Winter über den Baikalsee mit selbst gebauten Schlitten-Eisseglern gefahren sind und die Bauanleitung hatten sie aus dieser Comiczeitung Fix&Fax bekommen."

Cornelia Klauß und Frank Böttcher: "Unerkannt durch Freundesland. Illegale Reisen durch das Sowjetreich" (Lukas Verlag)Cornelia Klauß und Frank Böttcher: "Unerkannt durch Freundesland. Illegale Reisen durch das Sowjetreich" (Lukas Verlag)""Es wurde eine ganz verrückte Nacht: Zwischen mir und den Tausend Metern Wasser in der Tiefe befanden sich nur eine vergleichsweise hauchdünne Eisschicht von einem Meter und eine Isomatte. Dazu kam eine wirklich atemberaubende Geräuschkulisse. Ich lag mit dem Ohr auf dem Eis und hörte unheimliche Schläge. Sie kamen von den Ausdehnbewegungen des Eises. Es klang wie in einem Geisterfilm. Ich konnte kaum schlafen und wenn dann hatte ich Albträume von diesen Geräuschen und dem Zerren des Windes, der immer heftiger wurde und sich in einen Sturm verwandelte, der die ganze Nacht wütete und beinahe unser Zelt zerfetzte.""

Was aber war mit Angst, was mit den Gefahren, die jenseits von Gletschern, hochalpinen Geröllwüsten und zugefrorenen Seen und Flüssen lauerten? Was war mit Miliz und KGB? Schließlich waren die Reisenden ja oft monatelang komplett illegal unterwegs. In der bösen Sowjetunion? Nun, allem Anschein nach verflog die Angst schnell. Man sammelte Erfahrungen und merkte zweierlei. Erstens: Die Gastfreundschaft der Russen, Kirgisen, Burjaten, Georgier und dutzender anderer sowjetischer Völker war prinzipiell. Es gab wohl niemanden, der nicht wie selbstverständlich zum Essen und Übernachten, auf Geburtstagsfeiern und Hochzeiten eingeladen worden wäre. Oft mehrfach.

Die Gefahr, wirklich übellaunigen Beamten in die Hände zu fallen bestand auch, aber wirklich Schlimmes ist niemandem passiert.

"Irgendwie ging das immer, weil die Behörden eigentlich überfordert waren. Ich selber war in der verbotenen Stadt am Schwarzen Meer, es war noch dazu ein Sonntag, und die wollten einen einfach nur loswerden. Da gab es vor den Orten solche Verkehrskontrollposten, da haben die mich hingefahren und mir selber noch ein Auto gewinkt, damit ich aus ihrem Bereich rauskomme. Das ist sehr vielen so passiert. Auch die Leute, die wirklich vom KGB verhört wurden, sind am Ende alle wieder glimpflich rausgekommen."

"Transit" und "Unerkannt durch Freundesland" sind wunderbare Reisebücher. Es sind auch Bücher über die verblichenen Staaten Sowjetunion und DDR. Beide erscheinen in diesen Büchern in vielerlei Gestalt. Vor allem aber als wohl ambitionierte, aber doch inkompetente Diktaturen, deren Reisebeschränkungen mit etwas Mut, Fantasie und krimineller Energie leicht auszuhebeln waren. Zudem begegnet der Leser einer ganzen Phalanx cooler, frecher junger Leute, die weder linientreue Kommunisten noch regimekritische Aufrührer waren.

"Mensch Heinz, jetzt sind wir soweit östlich, dass wir bald im Westen sind."

ruft Uwe Müller seinem Freund Heinz Heilmann zu, als die beiden das Unmögliche geschafft haben und tatsächlich vor den Vulkanen der vom sowjetischen Militär streng abgeriegelten Halbinsel Kamtschatka stehen. Die Euphorie über den Streich, den man gleich zwei Staaten gespielt hat, ist mit Händen zu greifen.

Michael Möller notiert in ähnlicher Gefühlslage in Mittelasien:

"Wir fühlten uns vogelfrei und gingen in diesem grenzen- und zeitlos scheinenden Raum vollends auf. Wir waren bunt, unsterblich und sorglos."

"Wenn man das getan hat, war man unendlich frei auch im Kopf. Und stolz auf sich. Und man kam zurück in dieses verpupste, blöde Land und hat gesagt: So richtig müsst ihr mir nichts erzählen. Man hat ihnen nicht nur den Finger gezeigt, man hat sich wirklich ein bisschen frei gemacht. Das war gut und in welche Richtung das dann ging, ob man dann einfach anders durch den Alltag ging oder ob man sagt: Ich hab mit dem Land gar nichts mehr zu tun oder ob man sagt man geht in die Opposition, das ist ganz unterschiedlich. Aber grundsätzlich ist man unabhängiger zurückgekommen, als man vorher ohnehin schon war. Man hatte so ein Wissen und so einen stolzen Blick."

Jörg Kuhbandner und Jan Oelker (Hrsg.) :"Transit. Illegal durch die Weiten der Sowjetunion"
Notschriften-Verlag, Radebeul 2010
576 Seiten, 29,90 Euro

Von Cornelia Klauß und Frank Böttcher: "Unerkannt durch Freundesland. Illegale Reisen durch das Sowjetreich"
Lukas Verlag 2011
444 Seiten, 24.90 Euro

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