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StartseiteKalenderblattAuf dem falschen Trip16.04.2013

Auf dem falschen Trip

Vor 70 Jahren entdeckte der Schweizer Chemiker Albert Hofmann die halluzinogene Wirkung von LSD

Als Albert Hofmann das erste Mal sein Laborprodukt LSD zu sich nahm, war ihm nicht bewusst, welche Folgen das haben würde. Einst als Wundermittel für die psychiatrische Behandlung gefeiert, gilt LSD heute als eine der stärksten psychoaktiven Drogen.

Von Arnd Reuning

Der LSD-Entdecker Albert Hofmann wurde 102 Jahre alt. (AP)
Der LSD-Entdecker Albert Hofmann wurde 102 Jahre alt. (AP)

Es muss ein gehöriges Maß Intuition dabei gewesen sein, als Albert Hofmann die wohl folgenreichste Entscheidung seines Lebens traf: Unter den unzähligen Substanzen, die er im Forschungslabor des Schweizer Chemieunternehmens Sandoz in Basel hergestellt hatte, wählte er gerade jene mit dem Labornamen LSD-25 aus, um sie erneut unter die Lupe zu nehmen. Eine winzige Spur des Stoffes ist dabei wohl in seinen Körper gelangt.

"Und während dem ich diese Substanz neu synthetisiert habe, geriet ich in einen merkwürdigen Zustand. Ich bin dann nach Hause gegangen und habe mich hingelegt und habe richtig geträumt. Es war ein wunderbares Erlebnis."

So beschrieb Hofmann bei einem wissenschaftlichen Symposium vor einigen Jahren seine erste Bekanntschaft mit den halluzinogenen Kräften des LSD an jenem 16. April 1943. Ursprünglich hatte der Chemiker die Substanz in der Hoffnung hergestellt, sie als Kreislauf anregendes Mittel vermarkten zu können. Doch im Tierversuch zeigte sie nicht die erwünschte Wirkung. Und so verschwand das LSD zunächst für fünf Jahre in der Schublade – bis Hofmann es wieder hervor holte. Drei Tage nach seinem "wunderbaren Erlebnis" schritt er zum gezielten Selbstversuch. Er schluckt ein Viertel Milligramm des Wirkstoffes – eine grobe Überdosierung, wie sich hinterher herausstellen sollte. In seinem Laborjournal hielt er lapidar fest:

17:00: Beginnender Schwindel, Angstgefühl. Sehstörungen. Lähmungen, Lachreiz.

Unter dem Einfluss der Droge schwingt Hofmann sich auf sein Fahrrad und radelt nach Hause. Bereits auf dem Weg dorthin verschlechtert sich sein Zustand dramatisch.

"Es kam so stark und überrumpelte mich, und es war wirklich dann ein Horrortrip. Ich hatte das Gefühl, das Ende ist da, es war eine total andere Welt und ich habe mir gesagt: Donnerwetter, jetzt hast du eine große Erfindung gemacht, und jetzt musst Du gehen und hast eine junge Familie. Und es war ein merkwürdiger Zustand, es war so intensiv, es war so anders."

Und damit hatte sich LSD als ein Halluzinogen offenbart, das potenter war als alle Drogen, welche die Menschheit bis dahin gekannt hatte.

"Sofort hat man das realisiert, ich selbst auch. Das ist eine außerordentlich interessante Substanz für die Psychiatrie. Die Psyche wird verändert, das Bewusstsein wird verändert. Man hat ein neues Instrument in der psychiatrischen Forschung."

Ein Instrument wie ein Teleskop, das in die entferntesten Winkel des Universums schaut. Genauso erhofften sich die Experten vom LSD einen tiefen Blick in den inneren Kosmos. Unter dem Markennamen "Delysid" stellte Sandoz den Wirkstoff interessierten Forschungsinstituten als Versuchspräparat unentgeltlich zur Verfügung – unter anderem "zur seelischen Auflockerung bei analytischer Psychotherapie", wie es auf dem Beipackzettel hieß. Aber auch Künstler und Schriftsteller besorgten sich LSD, um die Pforten der Wahrnehmung weit aufzustoßen, sagt der Drogenforscher Henrik Jungaberle vom Universitätsklinikum Heidelberg:

"In den Sechziger Jahren ging es gesellschaftlich darum, Konventionen zu überwinden, traditionelle Herrschaftssysteme zu überwinden. Und es gab relevante Gruppen in der Wissenschaft und in der Gesellschaft, die LSD und andere Substanzen benutzt haben, um das zu beschleunigen, zu befördern."

Unter diesen Wissenschaftlern befand sich auch der amerikanische Psychologe Timothy Leary von der Harvard University. Er verherrlichte die psychedelische Substanz als neuen Königsweg zu der anderen Seite der Persönlichkeit. Doch seine anfänglich akademischen Forschungsprojekte verloren schnell ihren wissenschaftlichen Charakter. Aus medizinischen Testserien wurden regelrechte LSD-Partys.

Gleichzeitig verbreitete sich LSD immer stärker in der Drogenszene. Außerhalb des klinischen Umfeldes häuften sich die Vorfälle, bei denen Menschen durch LSD zu Schaden kamen. Im Jahr 1966 schließlich wurde die Substanz in den USA verboten, woraufhin Sandoz die Abgabe des Präparates sperrte – und zwar weltweit. Die medizinische Forschung an dem Halluzinogen war damit zwei Jahrzehnte nach Albert Hofmanns Entdeckung zum Erliegen gekommen. Erst vor wenigen Jahren hat eine Handvoll Wissenschaftler in der Schweiz eine LSD-Ausnahmegenehmigung für klinische Studien erhalten.

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