Freitag, 24.11.2017
StartseiteBüchermarktAuf dem Weg nach Messara16.04.2002

Auf dem Weg nach Messara

Alexander Fest Verlag.187 S., EUR 17,90

<em>"Hörst du mir zu?" fragte meine Mutter. Ich warte darauf, dass sie weiterredet, aber sie schweigt. Ich presse das schnurlose Telefon ans Ohr und schweige auch. Beide warten wir auf ein Zeichen, sie in Messara und ich in Berlin, an der der Fensterbank meines Wohnzimmers lehnend, einen alten Ledersessel im Blick und den Tisch vom Trödel, auf dem sich Rechnungen und Werbeprospekte stapeln. Dann wiederholt sie. "Dein Großvater ist tot."</em>

Joachim Scholl

Nichts kann unheimlicher sein als Schweigen am Telefon. Eine Mutter ruft ihren Sohn an. Berichtet vom Tod des Großvaters. Keine Antwort zunächst. Die Mutter erzählt weiter, davon, dass sie den Sterbenden in den Armen gehalten habe und seine Augen leuchteten im Moment des Todes. "Das ist schön", sagt der Sohn. - So zögerlich, mit bedrückenden Pausen und jener lastenden Stille, die mehr verrät als Worte, verlaufen viele Gespräche in diesem Roman: "Wovon redest du?" heißt es, oder: "Was soll ich sagen?" Eine weitverstreute deutsch-griechische Familie trifft sich zur Beerdigung in Messara. Marko, der Erzähler, hat sein Studium abgebrochen, jobbt als Kurier in Berlin. Früher ist er oft gependelt, hat seine griechische Mutter Dimitra, eine Innenarchitektin, bei Projekten und Verhandlungen unterstützt, sein deutscher Vater ist schon lange tot. Doch mit den Jahren wuchsen Distanz und Entfremdung, kaum begründbar. Marko spürt, dass irgendetwas fehlt, ungeklärt ist, ausgesprochen werden muss. Er macht sich auf den Weg nach Messara. Schäfer:

Der Plan entstand eigentlich, als ich auf einer Beerdigung in Griechenland war und mitbekommen habe, wie die ganze Familie zusammengekommen war. Da sind so viele Geschichten aufgetaucht, und ich wollte eigentlich schon früher die Geschichte zwischen einer Mutter und einem Sohn schreiben. Auf dieser Beerdigung habe ich plötzlich die Form vor mir gesehen. Ich habe dann gewusst: ich mache das in ein oder zwei Tagen, das war erstmal der Zeitraum der Handlung, und dann haben sich die Episoden mehr oder weniger von allein ergeben.

Die Familie kommt zusammen, und die Erinnerung setzt ein. An die vielen Geschichten, die sich um den Großvater Panajotis ranken. Ein Frauenheld, ein Bonvivant war er, jeder der Verwandten stülpt seine individuelle Lesart über die massive Gestalt, getragen von Bewunderung, Verklärung oder Missgunst. Und mehr noch. Mit dem Großvater erklärt man sich das eigene Leben. Schäfer:

Der Großvater ist ja eigentlich eine autoritäre Figur, so eine Art Patriarch, der aber in der Familie zugleich merkwürdig abwesend ist. Er hat so dieses Schillernde oder nicht richtig zu Fassende. Und dadurch ist er natürlich eine Einladung für Projektionen. Dieses Kriterium teilt er mit allen Figuren innerhalb dieser Familie. Alles läuft hier über Projektionen, der Großvater ist die größte, sozusagen die auslösende Projektionsfläche. Der Großvater steht für den Zusammenhalt der Familie, gleichzeitig lässt sich die Familie über den Großvater nicht fassen. Diese Zweischneidigkeit ist, glaube ich, für diese Familie, wie sie in dem Buch beschrieben wird, für die Art und Weise, wie sie miteinander umgehen, charakterisierend. Als ich den Großvater hatte, war damit die Wahrnehmungsweise innerhalb dieser Familie gefasst.

In einer bemerkenswert ruhigen Diktion erzählt Andreas Schäfer seinen Roman. In einem eher sanften novellistischen Ton, mit klarer unaufdringlicher Sprache, entwickelt er die Geschichte, die ganz innerlich bleibt, fest eingelagert in den Empfindungen der Protagonisten. Nur manchmal zucken die Nerven, wird das Ritual gebrochen, wenn die einzelnen Familien-Mitglieder sich anfahren. Nichts wird dabei richtig ausgesprochen, doch eine durch Pietät nur matt gedämpfte Aggression schwingt noch in den harmlosesten Worten mit. Auch Marko, der eigentlich dahinterkommen will, wer sein Großvater in Wirklichkeit war, wird von dieser Atmosphäre eingesogen. Die Rolle des coolen Beobachters verliert sich rasch, eine Suche nach Identität, Selbstvergewisserung setzt ein. Auch die Frage nach Heimat spielt hier eine Rolle. Gewissermaßen als Nebenthema inszeniert Andreas Schäfer, der selbst deutsch-griechischer Herkunft ist, den Konflikt der Nationalität, an den er sich selbst nur zu gut erinnert:

Das ist sehr komplex. Auf jeden Fall habe ich das erlebt, auch als Kind schon, wenn ich im Sommerurlaub nach Griechenland gekommen bin. Die erste Frage: Was bist du ‚mehr'? Deutscher oder Grieche? Was ist besser? Deutschland oder Griechenland? Für wen bist, wenn die Fußballmannschaften gegeneinander spielen? Und wenn man dann die falschen Antworten gibt, sind die Leute wirklich beleidigt. Das ist ein sehr schwieriges Verhältnis. Es gibt einen sehr großen Stolz der Griechen auf ihr Land und gleichzeitig sehr schnell aber auch die Neigung, Griechenland selbst runterzuputzen. Und zu sagen, ach ja, in Deutschland sind die Straßen viel besser, diese ganzen Klischee-Dinge. Heute passiert mir das nicht mehr so oft, aber vor acht, neun Jahren ist mir das bei jeder Taxi-Fahrt passiert.

Im Zentrum der Geschichte bleibt die Konfrontation zwischen Mutter und Sohn. Beim Leichenschmaus schließlich kommt es zur Attacke, versucht Marko den Rahmen zu sprengen. Ob es gelingt, ist schwer zu sagen, weil am Ende doch das Schweigen wieder obsiegt. Souverän gestaltet Andreas Schäfer diese Spannung, die sich nie löst und dem Roman seine eigentümlich vibrierende, fast ängstliche Atmosphäre verleiht. Andreas Schäfer ist Lesern der "Berliner Zeitung" als pointierter, frecher Feuilletonist bekannt. Umso überraschender ist der leise, manchmal geradezu zagende Ton, der diese hitzeverbrannte griechische Landschaft durchweht. Der Autor hat diesen Ausflug ins literarisch Stille sichtlich genossen:

Das Tolle am literarischen Schreiben ist, dass man so wenig rhetorisch sein muss. Also im Journalismus steht man, zumindest im Feuilleton, wo es ja darum geht, dass der Leser gefesselt ist, immer ganz vorn, auf einer Art Bühne und muß auch sehr schnell seine Meinung unter die Leute bringen. Und beim literarischen Schreiben geht's ja genau um's Gegenteil. Das ist eher ein sich Versinken in Räume, die man dann abschreitet, das ist etwas wesentlich ruhigeres. Die Geschichten kommen eher auf einen zu, und man ist sozusagen Begleiter dieser Geschichten und bringt sie dann ans Tageslicht. Es ist wesentlich langsameres Arbeiten, und ich habe den Eindruck: es entspricht mir mehr.

Auf dem Weg nach Messara ist ein famoses, schönes, vielversprechendes Debüt. Ohne Gehabe und Pomp, beeindruckend sicher und schlicht entfaltet Andreas Schäfer seine Erzählung, die ihre Klugheit mit einfachen Sätzen tarnt und zugleich von jenem Geheimnis der Literatur überstäupt ist, dass sie keine Fragen beantwortet, sondern nur verstärkt. Nach der Beerdigung entscheidet sich Marko, allein in Messara, im Totenhaus des Großvaters, zurückzubleiben. "Aha", lautet der Kommentar der Mutter, sonst sagt niemand was.

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