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StartseiteBüchermarktAuf dem Weg zum Abgrund03.05.2007

Auf dem Weg zum Abgrund

In ihren Tagebüchern offenbarte die Lyrikerin Alejandra Pizarnik ihre Verwundbarkeit

In ihrer Heimat Argentinien wird die Dichterin Alejandra Pizarnik, die sich 1972 im Alter von 36 Jahren das Leben nahm, als eine der wichtigsten lateinamerikanischen Dichterinnen des 20. Jahrhunderts verehrt. Dem Ammann Verlag ist es zu verdanken, dass die Lyrikerin inzwischen auch im deutschsprachigen Raum bekannt ist. 2002 veröffentlichte er eine zweisprachige Ausgabe ihrer Gedichte. Jetzt sind die Tagebücher Alejandra Pizarniks erschienen.

Von Wera Reusch

Für Pizarnik war ihr Tagebuch ein poetologisches Projekt. (Stock.XCHNG / Elena Buetler)
Für Pizarnik war ihr Tagebuch ein poetologisches Projekt. (Stock.XCHNG / Elena Buetler)

"Das ist Alejandra, das begabteste Mädchen der Welt. Sie hat alles, was Gott einem menschlichen Wesen schenken kann [...] und trotzdem ist sie immer traurig."

Die Bemerkung eines Jugendfreundes, von der 19-jährigen Alejandra Pizarnik in ihrem Tagebuch notiert. Mit 18 Jahren fing die argentinische Lyrikerin an, Tagebuch zu schreiben und setzte dies bis zu ihrem Tod fort: ein umfangreiches Werk, das in der deutschen Ausgabe 500 Seiten umfasst. Umfangreich nicht zuletzt im Vergleich zu den sechs schmalen Lyrikbänden, die Pizarniks Ruf als wichtige Vertreterin der Avantgarde in Lateinamerika begründeten. Es ist ein literarisiertes Selbstgespräch, alltägliche Begebenheiten und Anekdoten, Klatsch und Geschwätzigkeit sucht man darin vergebens. Für Pizarnik ist ihr Tagebuch ein poetologisches Projekt, wie einer ihrer ersten Einträge aus dem Jahr 1955 nahe legt:

"Nachdenken über das literarische Werk. Das Beste, was mir einfällt, ist eine Art Tagebuch, gerichtet an (einmal angenommen) Andrea. [...] Es könnte in zwei oder drei Bereiche unterteilt sein. Einer, der der Liebe gewidmet ist, ein weiterer der Angst, der dritte, mon dieu!, hier wäre noch die Frage, sich zu entscheiden, zu wählen: entweder die Welt einfangen oder sie zurückweisen."

Pizarnik entscheidet sich, die äußere Welt zurückzuweisen, denn ihre innere ist bedrohlich genug. Könnte man zunächst noch mutmaßen, es handle sich um die existenzialistische Attitüde einer frühreifen Jugendlichen, so wird schnell klar, dass sich Pizarnik ein Leben lang mit Angst und Einsamkeit auseinandersetzen wird, mit Begehren und Liebesverlust, mit Verwundbarkeit, Schmerz und Tod. Am 16. Dezember 1957 notiert sie:

"Es ist, als hätte man mir das Blut amputiert. Nachts mit einem Dolch in der Hand aufstehen und das Land der Träume verwüsten. Das Land der wirklichkeitsfremden Träume. [...] Scham zu leben oder zu sterben. Ich werde auch beschämt sein, wenn ich sterbe. Ich werde eine verhinderte große Tote sein. Möglichkeiten zu leben? Ja, es gibt eine. Es ist ein weißes Blatt Papier - mich auf das Papier stürzen, mich selbst zurücklassen und auf einem weißen Blatt Papier auf Reisen zu gehen."

Gedichte zu schreiben, Tagebuch zu führen, ist für Pizarnik ein notwendiger Akt, um zu überleben. Charakteristisch für ihre Lyrik ist eine extreme Verknappung und Verdichtung. Es sind Prosagedichte von großer sprachlicher Präzision, denen jegliches rhetorische Beiwerk fehlt, oft sind sie so kurz wie Aphorismen. Dem Tagebuch ist zu entnehmen, dass sie Hunderte von Gedichten wegwarf, ihre Texte zigmal korrigierte und kürzte mit einer Rigidität, die ihr selbst unheimlich war.

"Die Gefahr in meiner Dichtung ist eine Tendenz hin zum Sezieren der Wörter: Ich befestige sie im Gedicht, als würde ich sie anschrauben. Jedes Wort wird zum Stein. Und das rührt zum Teil von meiner Furcht, in eine tragische Klage zu verfallen. Und auch die Furcht, welche die Wörter in mir wecken."

Keine tragische Klage, kein Kitsch. Das Tagebuch selbst dokumentiert eindrucksvoll das literarische Verfahren Pizarniks. Es handelt sich nicht um spontane Notizen alltäglicher Befindlichkeiten, sondern um stark verdichtete Texte, die ihr Ringen um angemessenen Ausdruck widerspiegeln. "Mein Problem ist, dass ich sogar (und vor allem) meine Selbstgespräche in hermetischer Sprache führe", heißt es an einer Stelle. Der Preis, den Pizarnik für ihre Kompromisslosigkeit zahlt, ist hoch. 1964 schreibt sie:

"Ich habe Angst, und es gibt keinen Grund dafür. Doch. Ich habe Angst vor dem monströsen Denken in mir, vor meiner Selbstgefälligkeit und zugleich vor meiner extremen Härte. Ich möchte heiter sein. Dies schreibe ich zitternd. Mein Durst nach Realität ist, aufgrund meines erzwungenen Eingesperrtseins in der Literatur, etwas Gefangenes, das sich nur durch die sexuelle Begierde bemerkbar macht."

Die äußere Realität taucht in Pizarniks Aufzeichnungen kaum auf. Nur selten schildert die Autorin ihre Umgebung oder soziale Ereignisse, Personen sind mit Initialen abgekürzt, Liebesbeziehungen, die Pizarnik zu Frauen und Männern unterhielt, sind in stark verschlüsselter Form erwähnt. Der deutsche Übersetze, Klaus Laabs ist nicht nur für seine kongeniale Übersetzung dieser Texte zu loben. Hoch anzurechnen ist ihm auch, dass er zumindest das Geschlecht der anonymisierten Personen kenntlich gemacht hat, was sich im Spanischen umgehen läst, und damit Pizarniks Homosexualität nicht einfach übergeht. Sehr dezent sind im Tagebuch die Hinweise auf Pizarniks Medikamentenabhängigkeit, psychoanalytische Behandlungen und die Aufenthalte in psychiatrischen Kliniken während ihrer letzten Lebensjahre.

Als 2003 die spanische Ausgabe der Tagebücher erschien, wurde der Vorwurf laut, es handle sich um eine zensierte und verstümmelte Version der Originale, die sich in der Bibliothek der Universität Princeton befinden. Auf Druck der Familie sei alles Private gestrichen worden. Tatsächlich schreibt die Herausgeberin und Freundin Pizarniks, Ana Becciu, in ihrem Vorwort, dass sie eine Auswahl getroffen habe, um die Intimität der Familie, der Autorin und noch lebender Dritter zu schützen. Wieviel und was genau fehlt, lässt sich nicht beurteilen. Auffallend ist allerdings, dass die Eintragungen Ende 1971 enden. Die letzten Aufzeichnungen bis zu Pizarniks Selbstmord am 25. September 1972 wurden nicht veröffentlicht. Doch auch ohne diese Passagen wird deutlich, dass sich die Schriftstellerin immer mehr auf den Abgrund zu bewegt, dass sie längst die allseits geachtete und preisgekrönte Dichterin ist, die sie immer sein wollte, ändert daran nichts: "Nichts ist mir ferner als dieses absurde Bild", heißt es in ihrem Tagebuch.

"Die Wörter sind schrecklicher, als ich es geahnt habe. Mein Bedürfnis nach Zärtlichkeit ist eine lange Karawane. Was das Schreiben angeht, so weiß ich, dass ich gut schreibe, und das ist alles. Aber es hilft mir nicht, um geliebt zu werden."

Dieser Eintrag vom 9. Oktober 1971 ist einer der letzten veröffentlichten. Pizarnik hatte zu diesem Zeitpunkt bereits mehrfach versucht, sich das Leben zu nehmen. Im April 1966 hatte sie noch geschrieben:

"Man muss bis auf den Grund gehen. Trotz der Ängste - es sind die größten, die ich je im Leben durchgemacht habe -, ihnen zum Trotz muss ich bis auf den Grund gehen."

In ihrem allerletzten Gedicht scheint sie auf diese Tagebuchpassage Bezug zu nehmen. Man fand es nach ihrem Selbstmord in der Nacht vom 25. auf den 26. September 1972:

"Geschöpf beim Gebet
Wut auf den Nebel.
Im Morgenrot geschrieben
gegen das Düstere.
Ich will nicht weiter als bis zum Grund gehen."

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