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StartseiteCampus & KarriereAuf den Einstieg kommt es an12.01.2010

Auf den Einstieg kommt es an

Studienabbrüche können durch gezielte Zuwendung reduziert werden

Der Bachelor hat im Bereich der Sprach- und Kulturwissenschaften zu einem Rückgang der Studienabbrüche geführt. Anders bei den Naturwissenschaften und in den Ingenieurwissenschaften - hier hat sich die Abbrecherquote erhöht. Dabei gibt es ein einfaches Mittel dagegen.

Ulrich Heublein im Gespräch mit Lothar Guckeisen

Studierplatz mit aufgeschlagenen Büchern (Stock.XCHNG - Sanja Gjenero)
Studierplatz mit aufgeschlagenen Büchern (Stock.XCHNG - Sanja Gjenero)

Lothar Guckeisen: Jeder fünfte Studienanfänger in Deutschland bricht sein Studium ohne Abschluss ab. Dieser Befund ist im Prinzip bekannt, aber was man bisher nicht detailliert wusste, ist, warum so viele junge Leute ihr Studium schmeißen. Was sind Ursachen und Motive, und hat sich mit der Einführung der Bachelor- und Master-Studiengänge etwas verändert? Eine aktuelle Studie der Hochschul-Informations-System GmbH, kurz HIS, gibt darauf jetzt Antwort. Insgesamt 2500 Studienabbrecher wurden gefragt, warum sie nicht zu Ende studiert haben. Dr. Ulrich Heublein, Projektleiter der Studie, was sind denn die drei Hauptgründe für einen Studienabbruch, was wurde genannt?

Dr. Ulrich Heublein: Also oben an stehen Leistungsprobleme. Das meint Studierende, denen es nicht gelingt, die es nicht schaffen, die Studienanforderungen zu erfüllen. Wichtig, ähnlich bedeutsam ist die Frage der Fachidentifikation, der Studienmotivation, also Studierende, die mit falschen Erwartungen das Studium beginnen, scheitern auch sehr häufig. Und schließlich gibt es noch einen dritten wichtigen Grund, das sind die finanziellen Probleme. Wobei finanzielle Probleme nicht einfach nur meint, die Studierenden haben zu wenig Geld, sondern finanzielle Probleme stellen sich auch dann ein, wenn die Studierenden ihre Studienfinanzierung sehr stark durch Jobben, durch Berufstätigkeit bestreiten und wenn es dann zu einer Unvereinbarkeit von der Erwerbstätigkeit mit den Studienanforderungen kommt.

Guckeisen: Das heißt, Probleme mit der Studienfinanzierung, Sie haben es gesagt, ist auch einer der Hauptgründe, sogar der zweithäufigst genannte Grund, ich habe in Ihre Studie geblickt: 19 Prozent, das heißt jeder Fünfte derjenigen, der abbricht, begründet das mit finanziellen Problemen. Das gibt doch eigentlich den Kritikern der Studiengebühren recht, oder?

Heublein: Ja, aber man muss Folgendes sehen: Wenn man die Studienabbrecher aus den herkömmlichen Studiengängen mit jenen vergleicht, die in Bachelor-Studiengängen ihr Studium abgebrochen haben, dann zeigt sich ein bemerkenswerter Unterschied, nämlich der, dass Bachelor-Studienabbrecher weniger aus finanziellen Gründen ihr Studium abbrechen, und die in herkömmlichen Studiengängen es viel häufiger aus finanziellen Gründen abbrechen mussten. Das heißt, es gibt eine Tendenz – oder man könnte das so interpretieren –, es gibt eine Tendenz, dass finanzielle Probleme in Zukunft vielleicht weniger eine Rolle spielen beim Studienabbruch. Es hängt übrigens damit zusammen, also warum Bachelor-Studienabbrecher weniger an den Fragen der Studienfinanzierung scheitern, weil in den Bachelor-Studiengängen der Studienabbruch relativ früh geschieht – im Durchschnitt nach zweieinhalb Semestern, während das in den herkömmlichen Studiengängen, also sprich in den Diplom- und Magister-Studiengängen im Durchschnitt der Studienabbruch erst nach sechs Semestern vonstattengeht.

Guckeisen: Das ist ja auch das Interessante Ihrer Studie, Sie haben verglichen, wie war das früher bei den oder noch Diplom-Studierenden, die in den Diplom-Studiengängen sind, und denjenigen, die auf Bachelor studieren. Und Sie haben jetzt gesagt, da wurde vorhin genannt als Hauptgrund eben die gesteigerten Leistungsanforderungen.

Heublein: Ja.

Guckeisen: Wie ist das, wenn man das vergleicht, ist das eine Folge der Umstellung, also der Reform Bachelor auf Master?

Heublein: Zweifelsohne steht der Anstieg, der starke Anstieg der Leistungsgründe beim Studienabbruch in Zusammenhang mit der Einführung der Bachelor-Studiengänge. Wir haben dort eine grundsätzlich geänderte Studiensituation, das heißt, wir haben jetzt schon sehr früh, in der Regel schon nach einem Semester, eine Leistungsüberprüfung, eine Prüfung, und die Studierenden, die mit Defiziten ins Studium kommen – und das sind gar nicht so wenige, vor allen Dingen in dem Bereich der Natur- und Ingenieurwissenschaften –, die Studierenden haben es sehr schwer, diese ersten Leistungsfeststellungen, diese ersten Prüfungen zu bestehen, beziehungsweise überhaupt den Anforderungen gerecht zu werden. Wir sprechen davon, dass es in diesen Fachkulturen zu einer Leistungsverdichtung gekommen ist oder Anforderungsverdichtung.

Guckeisen: Wenn Sie gerade differenzieren zwischen den einzelnen Fächern, kann man denn aus Ihrer Studie etwas ablesen? Ist es denn so, dass die Studienreform in allen Bereichen gleichermaßen gewirkt hat, oder kann man sagen, es gibt Bereiche, da war es zwar positiv und anderen weniger?

Heublein: Also wenn wir den Umfang des Studienabbruchs uns anschauen, dann stellen wir eine disparate Wirkung fest der Einführung des Bachelor-Studiums: Auf der einen Seite stehen die Sprach- und Kulturwissenschaften, auch die Sozialwissenschaften. Dort hat das Bachelor-Studium dazu beigetragen, dass der Studienabbruch zurückgegangen ist – im Bereich der Sprach- und Kulturwissenschaften übrigens zum ersten Mal, seitdem wir das überhaupt beobachten. In anderen Fachkulturen, vor allen Dingen in den Naturwissenschaften und in den Ingenieurwissenschaften, ist es aber dazu gekommen, dass auch im Bachelor-Studium ein hoher, oder sogar noch ein höherer Studienabbruch als bisher, sich eingestellt hat. Das heißt, wir hatten zwei Entwicklungen.

Guckeisen: Das heißt also, Ihre Studie ist im Grunde genommen auch ein Beleg für die Kritik an der Hochschulreform jetzt eben auch, diese Leistungsverdichtung ist eben tatsächlich etwas, worüber man nachdenken muss?

Heublein: In bestimmten Fachkulturen auf jeden Fall. Wir sind der Meinung oder die Studie zeigt eigentlich, dass es sehr darauf ankommt, wie die Studieneingangsphase gestaltet wird, wie jene Studierenden begleitet werden, die nicht mit idealen Studienvoraussetzungen ihr Studium aufnehmen.

Guckeisen: Aber ist das nicht auch die Gretchenfrage, die damit angesprochen ist, wenn Sie sagen Begleitung, das heißt Betreuung, Betreuung, das heißt aber auch Personal, und das ist eben sehr knapp an den Hochschulen. Da kommen ja auf einen Professor was weiß ich in manchen Bereichen 100 Studenten, da lässt sich das doch gar nicht bewerkstelligen, oder?

Heublein: Das ist eine wichtige Frage, ganz gewiss, aber es ist nicht nur eine Frage der Menge des Personals, der Anzahl von Professoren und wissenschaftlichen Mitarbeitern, es ist auch eine Frage der Betreuungskultur, der Frage, ob alle Lehrenden denn schon begriffen haben, dass es notwendig ist, auch Studierende von ihrem Fach zu überzeugen, zu motivieren, dass es differenzierte Formen geben muss der Zuwendung, dass es eben zu Studienbeginn eine andere Intensität der Zuwendung vonnöten ist als am Studiumsende, wenn die Studierenden selbstständiger geworden sind. Wir beobachten, dass das häufig eher umgekehrt ist, dass am Ende des Studiums ein sehr intensiver Lehrkraft-Student-Kontakt sich herausgebildet hat, aber am Anfang des Studiums die Lehrenden sich nicht unbedingt – ich formuliere das vorsichtig, weil es große fachkulturelle Unterschiede gibt –, also am Anfang des Studiums sich die Lehrenden nicht unbedingt intensiv den Studierenden zuwenden, sondern das eher als eine Art Pflichtaufgabe ansehen.

Guckeisen: Also da braucht man nicht nur eine Strukturveränderung, sondern auch einen Mentalitätswechsel – auf den Einstieg kommt es an. Das war in "Campus & Karriere" Ulrich Heublein über die neue HIS-Studie zu den Ursachen für einen Studienabbruch. Vielen Dank!

Heublein: Ja!

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