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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturAuf den Spuren des jüdischen Lebens20.06.2011

Auf den Spuren des jüdischen Lebens

Olivier Guez: "Heimkehr der Unerwünschten. Eine Geschichte der Juden in Deutschland nach 1945."

Der französische Journalist Olivier Guez hat ein Buch über jüdisches Leben in Deutschland nach 1945 geschrieben und erzählt darin zugleich eine politisch-gesellschaftliche Geschichte beider deutscher Staaten. Die vormals "unmögliche Rückkehr" der Juden ins "Land der Mörder" habe sich heute gerade in Berlin zu einem "Laboratorium jüdischen Lebens" gewandelt, konstatiert der Autor.

Von Cornelius Wüllenkemper

Die Synagoge in der Berliner Rykestraße. (AP)
Die Synagoge in der Berliner Rykestraße. (AP)

Es beginnt mit einem Spaziergang durch Berlin-Mitte. Der Pariser Journalist und Publizist Olivier Guez flaniert durch das "neue Berlin", vorbei an über 200 Erinnerungsorten und Gedenkstätten, die an die Opfer des Krieges und des Naziregimes erinnern. Er trifft auf Synagogen, jüdische Schulen und ein russisches Restaurant, in dem Gerichte "nach koscherer Art" angeboten werden, er mischt sich unter die Besucher im Jüdischen Museum und am Holocaustmahnmal und stellt sich am Ende seines Rundgangs mit journalistischer Neugier die einfache Frage: Wie ist das möglich?

Gerade einmal 14.000 Juden hatten den Holocaust in Deutschland überlebt und dennoch ließen sich Ende 1945 270.000 osteuropäische Juden in dem Land nieder, das sie nur wenige Monate zuvor mörderisch verfolgt hatte. Wer waren diese Menschen und was wurde aus ihnen, nachdem das letzte der 184 Camps für "displaced persons" im Oberbayerischen Föhrenwald aufgelöst worden war?

120.000 von ihnen emigrierten nach Israel, viele ließen sich jedoch von der Aussicht, in einem Land mit unbekannter Zukunft und unter ständiger Bedrohung durch die Nachbarstaaten abschrecken und blieben im geteilten Deutschland.

"Die Juden, die Ende der 40er-Jahre in die DDR gegangen sind, waren Idealisten - Sozialisten und Marxisten. Diese Intellektuellen merkten bald, dass die DDR nur eine Diktatur am Tropf von Moskau war, in der wie in ganz Ost-Europa antizionistische und Anfang der 50er-Jahre sogar antisemitische Kampagnen betrieben wurden. Viele hatten keine andere Wahl, als in den Westen zu gehen. Dort hatten sich die Gesellschaftsstrukturen allerdings von der Hitler-Zeit bis 1970 kaum geändert. Hier herrschte eine gewisse Kontinuität in Verwaltung, Wirtschaft, an den Universitäten und in der Anwaltschaft. Das war für viele Juden natürlich psychologisch eine sehr schwierige Situation."

"Der Hass war unermesslich", schreibt Guez über das Gefühl der Zurückgebliebenen. Der Journalist und Schriftsteller Ralph Giordano berichtet Guez zugleich, dass es dennoch ein schreckliches Opfer gewesen wäre, seine Heimatstadt Hamburg und die deutsche Sprache aufzugeben. Die Deutschen sahen sich derweil selbst als Opfer. Während man in der DDR den Faschismus als Ausgeburt des Kapitalismus möglichst weit von sich wies und die leidvolle Vergangenheit bestmöglich ignorierte, arbeitete der damalige Bundeskanzler Konrad Adenauer im Westen am Mythos des verführten Volkes. Wenn die BRD religiöses und kulturelles Leben der Juden ab den 1950er-Jahren aktiv unterstützte, das Wiedergutmachungsabkommen unterzeichnete und den Staat Israel diplomatisch anerkannte, geschah dies niemals ohne politischen Eigennutz, meint Olivier Guez.

"Das gleiche Kalkül findet man Anfang der 90er-Jahre bei Helmut Kohl wieder, als Deutschland den Juden aus den ehemaligen UdSSR-Republiken die Einwanderung nach Deutschland ermöglicht. Kohl war von dieser Politik anfänglich nicht gerade begeistert, denn die Idee stammte ja noch aus der Endphase der DDR. Letztlich hat er sich aber bewusst gemacht, dass es angesichts der Vorbehalte gegen das wiedervereinte Deutschland das denkbar größte Symbol wäre, so viele Juden wie möglich aufzunehmen – als ultimativer Normalitäts-Beweis. Und zudem kamen die Juden ja auch freiwillig, Deutschland wurde ihr "Gelobtes Land" in Europa."

Eine ehrliche Aufarbeitung, die dann auch zusehends eine relative Normalisierung des deutsch-jüdischen Verhältnisses nach sich zog, begann nicht vor 1980, so die überraschende aber nicht abwegige These von Olivier Guez. Nicht Hannah Arendt oder Theodor W. Adorno, nicht die kämpferischen Forderungen der 68er-Generation, die in ihren Extremen selbst wieder in einem hasserfüllten Antisemitismus mündete, sondern die US-amerikanische Fernsehserie "Holocaust" habe dazu den entscheidenden Impuls gegeben.

"Natürlich gab es schon davor Dokumentationen zum Thema, aber da ging es eher um abstrakte, monströse Zahlen, wie sechs Millionen getötete Juden. Selbst die Bilder, wie britischen Soldaten das KZ Bergen-Belsen befreien und wir Leichenberge von zehn oder gar Hunderten Toten sehen konnten – man wusste nicht, wer diese Menschen waren, der Holocaust war geradezu entmenschlicht. In der TV-Serie "Holocaust" konnte man sich dagegen direkt mit diesen Menschen identifizieren. Somit verankerte sich der Holocaust zentral im Bewusstsein der Deutschen."

Olivier Guez hat keine wissenschaftliche Studie geschrieben, sondern sich mit journalistischer Neugier auf die Spuren des jüdischen Lebens in Deutschland gemacht, hat mit Daniel Cohen-Bendit, Henryk M. Broder, Maxim Biller, Edgar Hilsenrath, Beate Klarsfeld, Michael Wolfssohn, Vladimir Kaminer und vielen anderen gesprochen, um der unmöglichen Rückkehr und den jüdische Befindlichkeiten in Deutschland nachzuspüren. Er verweist auf eine beeindruckende Anzahl von Biografien, Romanen, Statistiken und Analysen, um eine fundierte und gut lesbare, kursorische aber dennoch erhellende deutsch-jüdische Geschichte der letzten 65 Jahre zu schreiben. Guez überzeugt mit einem erfrischenden Blick auf ein Thema, dem man sich hierzulande nur mit spitzen Fingern nähert. Guez spart nichts aus, die Schizophrenie im Nachkriegsdeutschland, die moralisierenden Gefechte der Generationen und Systeme, die "Moralkeule" des Martin Walser und das wachsende Desinteresse der jungen Generation gegenüber der deutsch-jüdischen Geschichte.

"Der Bezug zu den Fakten, aber auch zu den Zeitzeugen scheint heute zusehends distanzierter. Deutschland blickt heute mit sehr viel mehr Ruhe und Selbstbewusstsein auf sich selbst. Dass man sich heute weniger für den Holocaust interessiert, ist aber nicht einmal schlecht für die Juden in Deutschland. Sie wollen nicht andauernd gezählt, beobachtet, geliebt oder gehasst werden. Mit Ruhe ist ihnen viel mehr gedient, und ich glaube, heute gibt es keine sogenannte "Judenfrage" mehr in Deutschland. Ich denke, die Juden leben hier so wie in anderen westeuropäischen Staaten."

Olivier Guez: "Heimkehr der Unerwünschten. Eine Geschichte der Juden
in Deutschland nach 1945."

Piper Verlag, 416 Seiten, 22,95 Euro
ISBN 978-3-492-05262-7

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