Kultur heute / Archiv /

 

Auf der Schlachtbank

"König Lear" an den Münchner Kammerspielen

Von Sven Ricklefs

Der Intendant der Münchner Kammerspiele, Johan Simons, inszeniert "King Lear".
Der Intendant der Münchner Kammerspiele, Johan Simons, inszeniert "King Lear". (picture alliance / dpa - Frank Leonhardt)

Der Intendant der Münchner Kammerspiele, Johan Simons, hat sich bei seiner Inszenierung von Shakespeares wohl krudestem Stück für eine sehr bewusst ebenso krude Umsetzung entschieden. Er hat "König Lear" im Bauernformat auf die Bühne geklotzt und ist dem Stück damit auf seine Art sehr nahe gekommen.

Die Welt ist eine Scheibe und die ist rund. Klein ist sie und Gras wächst darauf, eine Scholle ist sie, auf dass der Mensch, der sie besitzt, sie teilen kann, zerteilen, wie Lear das tut, für seine Erbinnen, die drei Töchter.

"Hört. Dass wir das Reich gedrittelt haben und es ist fest unser Vorsatz, von unseren Schultern Sorgen und Mühen zu schütteln, sie jüngeren Schultern aufzulasten. Während wir entbürdet kriechen hin zum Tod."

Zwar hat er eine Krone auf dem Kopf und auch seine Kleidung zeigt Majestät, und trotzdem sieht er lumpig aus, dieser Lear von André Jung auf der Bühne der Münchner Kammerspiele, mit seinen langen Lodderhaaren, dieser Mensch Lear, dieser Narr Lear, vielleicht auch dieser Bauer Lear.

Die Schweine jedenfalls, die zeitweise um ihn herum auf freier Bühne ihr Wesen treiben, scheinen gut in sein Ambiente zu passen. Zugleich sind diese ja auf das deutlichste auch Sinnbild für die nackte Kreatur, als die Shakespeare den Menschen in seinem Lear auch zeigen wollte: Die nackte Kreatur, die höheren Mächten ausgeliefert - im Fall der Schweine wäre das der Mensch - ein zumeist blutiges Schicksal erleidet.

Und was, wenn nicht eine einzige Schlachtbank ist auch das Ende von Shake-speares Stück, wenn sie fast alle hingemetzelt sind, und all das nur, weil da ein alter Sack sich seiner Macht entledigen will und zugleich dann so eisern an ihr festhält, dass er jeweils das Schlechteste oder das Beste aus den anderen Figuren herausholt.

"Ist der Mensch nicht mehr als das? Seht ihn euch an: Du schuldest der Raupe keine Seide, dem Vieh kein Fell, der Ratte keinen Moschus. Ja der Mensch ist nicht mehr als so ein zweigebeintes nacktes Tier wie du!"

Der Intendant der Münchner Kammerspiele hat sich bei seiner Inszenierung von Shakespeares wohl krudestem Stück für eine sehr bewusst ebenso krude Umset-zung entschieden. "Look there" steht gleich zweimal auf dem billigen Plastikvor-hang, der vor der Szene hängt: Look there, was wohl so viel heißen soll wie: Schau da genau hin und du wirst dir selbst begegnen.

Wobei die Personage, die einen dann aus diesem Spiegel anschaut, eher einem archaischen Tarotspiel entsprungen scheint. Und so zeichenhaft, manchmal auch so dick aufgetragen wird dann auch gespielt, so als sei Shakespeares "König Lear" fast so etwas wie die szenische Version einer Moritat, die man auf dem kleinen Erdenrund lauthals zum Besten geben will.

Liebhaber psychologischer Feinjustierungen kommen hier sicherlich nicht auf ihre Kosten, fragt sich nur, ob die bei diesem im Grunde ziemlich grobschlächtig daherkommenden Stück überhaupt gefragt ist. Denn die Dramaturgie dieses groß-artigen Welttheaters ist bei näherer Betrachtung eigentlich so ziemlich mit dem Holzhammer gewerkt, all die Verwandlungen und Verkleidungen und Handlungs-sprünge kommen aus der Tonne: Glaub Vogel oder stirb.

Und abgesehen von Lear selbst ist für keine der Figuren wirklich eine Entwicklung vorgesehen, da steht eher böse oder gut oder zumindest hart oder weich von Be-ginn an auf die jeweilige Stirn geschrieben. Und so ist es denn auch im Kreise der lautstarken Archetypen der Lear von André Jung, auf den sich in den Münchner Kammerspielen die Aufmerksamkeit konzentriert. Und wenn ihn zwar wahrschein-lich nicht die Einsicht, sondern zunächst einmal wohl eher die Begegnung mit Sturm und Blitz auf der Heide endlich von seiner Anmaßung geläutert hat, dann ist es schon eine Lust diesem Schauspieler dabei zuzusehen, wie er da in seiner Narrenstrumpfhose sitzt, Undefinierbares aus seiner Einkaufstüte knabbert und sich sichtbar erleichtert in seine kleine erbärmliche Menschlichkeit ergibt.

Look there, Johan Simons hat das Königsspiel Lear im Bauernformat auf die Bühne geklotzt und ist dem Stück damit auf seine Art sehr nahe gekommen.



Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

Gülle, Torf und Humus

 

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Kultur heute

Salzburger Festspiele"Blut ist die beste Soße"

Festspielhäuser an der Hofstallgasse  in Salzburg

Bei den Salzburger Festspielen gibt es den Young Directors Club. Künstler, von denen man sich wegweisende Impulse erhofft, werden dort gezeigt. Jetzt feierte das Stück "Hinkemann" von Ernst Toller, inszeniert vom serbischen Regisseur Miloš Lolić, Premiere. Der Kriegsheimkehrer hat keine Kraft zum Kämpfen, Leben und Träumen mehr.

Christenvertreibungen im Irak"Scheitern der islamischen Kultur"

Der deutsch-ägyptische Politologe Hamed Abdel-Samad befürchtet neue Gewalt

Der deutsch-ägyptische Politologe Hamed Abdel-Samad macht die radikalen Islamisten der ISIS für eine Welle der Christenvertreibung verantwortlich. Es sei traurige Wirklichkeit, dass die 2.000-jährige Geschichte des orientalischen Christentums gerade zu Ende gehe, sagte Abdel-Samad im DLF.

Zum Tod Harun Farockis"Er hat die Grenze zwischen dokumentarischem Arbeiten und Kunst aufgelöst"

Der deutsche Filmkünstler Harun Farocki in seiner Ausstellung "Spiel und Spielregeln"  im Edith-Ruß-Haus für Medienkunst in Oldenburg, April 2013

"Was ist eigentlich Arbeit?" - Diese Frage stand im Zentrum des Schaffens von Harun Farocki. Das Verhältnis von Arbeit und Theatralisierung war ein roter Faden in den Arbeiten des Filmemachers, Drehbuchautors und Künstlers und machte ihn einzigartig, sagte der Kulturjournalist Stefan Reinecke im Deutschlandfunk.

 

Kultur

Christenvertreibungen im Irak"Scheitern der islamischen Kultur"

Der deutsch-ägyptische Politologe Hamed Abdel-Samad befürchtet neue Gewalt

Der deutsch-ägyptische Politologe Hamed Abdel-Samad macht die radikalen Islamisten der ISIS für eine Welle der Christenvertreibung verantwortlich. Es sei traurige Wirklichkeit, dass die 2.000-jährige Geschichte des orientalischen Christentums gerade zu Ende gehe, sagte Abdel-Samad im DLF.

Zum Tod Harun Farockis"Er hat die Grenze zwischen dokumentarischem Arbeiten und Kunst aufgelöst"

Der deutsche Filmkünstler Harun Farocki in seiner Ausstellung "Spiel und Spielregeln"  im Edith-Ruß-Haus für Medienkunst in Oldenburg, April 2013

"Was ist eigentlich Arbeit?" - Diese Frage stand im Zentrum des Schaffens von Harun Farocki. Das Verhältnis von Arbeit und Theatralisierung war ein roter Faden in den Arbeiten des Filmemachers, Drehbuchautors und Künstlers und machte ihn einzigartig, sagte der Kulturjournalist Stefan Reinecke im Deutschlandfunk.

The Forbidden ZonePerfekte Inszenierung für Salzburger Festspiele

Die Schauspielerin Jenny König als Claire Haber in "The Forbidden Zone", Salzburger Festspiele 2014

Es ist eine feministische Geschichte von der Ohnmacht der Frauen im Krieg, die Katie Mitchell und Duncan Macmillan in "The Forbidden Zone" erzählen: Claire Haber, Chemikerin während des Zweiten Weltkriegs in den USA, ergründet darin ihre familiäre Vergangenheit - die voller Tragödien steckt.