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StartseiteEine WeltAuf der Suche nach Perspektiven04.09.2010

Auf der Suche nach Perspektiven

Jugendliche in Ciudad Juárez

Sie gilt als die gewalttätigste Stadt der Welt - Ciudad Juárez in Mexiko. Allein in den letzten zwei Jahren kamen bei Banden- und Dorgenkriegen 5000 Menschen ums Leben. Betroffen von der Gewalt sind vor allem Kinder und Jugendliche.

Von Anne Demmer

Gedenken an die  Mordopfer in Ciudad Juárez (AP)
Gedenken an die Mordopfer in Ciudad Juárez (AP)
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Blutiger Krieg

"Wir sind in einen Laden gegangen und von dort haben sie uns einfach mitgenommen. Sie haben uns beschuldigt, Überfälle zu machen und dass sie davon Fotos und Videos hätten. Aber das ist einfach nicht wahr. Sie haben uns in einen Tunnel gebracht und dort geschlagen, sie haben unsere Handys und Geld weggenommen, Fotos von uns gemacht und alle Daten aufgenommen."

Leches kann es bis heute nicht fassen. Die Erinnerungen an den brutalen Vorfall wirken nach: Vor einem Jahr war der 16jährige zusammen mit Freunden von Polizisten verschleppt worden. Erst Stunden später wurden sie wieder freigelassen.

Leches hockt mit seinem Freund Gustavo auf dem Bett und starrt auf den Flachbildschirm des Fernsehers. Neben ihm steht ein Holzstuhl – mehr nicht. Zusammen mit seiner Mutter und dem Stiefvater wohnt Leches am Rande von Ciudad Juárez, der Stadt, die, laut Statistik, die gewalttätigste der Welt sein soll.

Leches und seine Freunde hatten gerade die Arbeit an einem ihrer Graffitis beendet, ein Projekt der Gemeinde, um das Viertel zu verschönern. Sie waren in einen Laden gegangen, wollten Getränke kaufen, als die Polizisten sie aufgriffen. Die Jugendlichen hatten noch ihre Spraydosen dabei. Damit wurden sie von den Polizisten später vollgesprüht. Einem Freund stülpten sie eine Tüte über den Kopf. Der sei fast zu Tode geprügelt worden, sagt Leches. Die Polizisten hätten geglaubt, er sei ihr Anführer. Ohnmächtig hätten sie den jungen Mann dann zurückgelassen.

In Ciudad Juárez herrscht Krieg – ein Krieg der Regierung gegen die Drogenkartelle und ein Krieg der Kartelle und Banden untereinander. Wer hier aufwächst, kann kein normales Leben führen. Dem von Präsident Calderón erklärten "Drogenkrieg" sind in den letzten zwei Jahren in Ciudad Juárez mehr als 5000 Menschen zum Opfer gefallen. Die Mehrheit, 80 Prozent, sind zwischen 15 und 25 Jahre alt. Viele Häuser stehen mittlerweile leer. Wer es sich leisten kann, geht. Leches und Gustavo müssen bleiben. Für sie gehört die Gewalt zum Alltag.

"Es gibt bestimmte Orte, die meiden wir. Genau da, wo ich wohne, an der Ecke, haben sie schon auf uns geschossen."

Es ist heiß an diesem Tag. 38 Grad zeigt das Thermometer an. Die beiden Freunde beschließen trotzdem, eine Runde durch das Viertel zu drehen. Wie so oft versuchen sie, die Zeit totzuschlagen.

Gustavo und Leches blicken sich um. Eine Polizeipatrouille ist weit und breit nicht zu sehen. Keine blauen Pickups, mit denen die Polizisten, teils vermummt, mit ihren Maschinengewehren im Anschlag durch die Viertel fahren. Die beiden Freunde atmen auf. Jugendliche wie sie stehen beim Militär und bei der Polizei unter Generalverdacht: Sie sollen mit dem Drogenmilieu verbandelt sein. Sie, die Generation "NiNi – Ni Trabajo, Ni Escuela": 70 000 Jugendliche gibt es in Ciudad Juárez, die weder arbeiten, noch zur Schule gehen und auf der Straße herumlungern.

Gustavo ärgert sich über die Vorurteile, die nicht nur die Sicherheitskräfte hegen, sondern auch die Leute in seinem Viertel:

"Sie denken, dass wir faul sind. Ich denke, sie sollten toleranter sein. Es gibt viele Jugendliche, die Drogen nehmen und abhängig geworden sind, weil ihre Eltern sie nicht akzeptieren. Sie wissen nicht wohin, sie haben keinen Zufluchtsort. Und Drogen sind dann das erste, was ihnen auf der Straße in die Hände fällt."

Einst zog Ciudad Juárez Menschen aus dem ganzen Land an. In den unzähligen Niedriglohn-Fabriken, den Maquiladoras, in denen Exportartikel gefertigt werden, fanden sie Arbeit. Doch die Wirtschaftskrise hat die Stadt hart getroffen. 300.000 Stellen sind in den letzten Jahren in der 1,5 Millionen Stadt gestrichen worden. Leidtragende der Krise sind vor allem Kinder und Jugendliche. Sie werden einfach sich selbst überlassen, städtische Betreuungsangebote gibt es kaum. Das Geschäft mit den Drogen und das organisierte Verbrechen scheint daher vielen Heranwachsenden der einzige Ausweg aus der Sackgasse. In den Schulen und auf der Straße findet die Drogenmafia ihren Nachwuchs.

Für den jungen Gustavo sieht die Zukunft düster aus. Ein halbes Jahr hat er die weiterführende Schule besucht, dann konnten seine Eltern das Schulgeld nicht mehr bezahlen.

"Sie haben das Geld nicht, besser sie sparen es."

Gustavo fährt mit der Hand durchs schwarze Haar. Das war einmal lang. Doch er hat es abschneiden lassen. Jetzt ist es kurz und mit Gel in Form gebracht. Mit dem neuen Outfit falle er nicht mehr so negativ auf, meint er.

"Sie beschimpfen uns, sagen, wir seien Drogenabhängige. Sie denken, ich sei wie die anderen. Nur weil ich mich mit Leuten treffe, die rauchen und trinken. Deswegen versuche ich auch, andere Sachen zu machen, kulturelle Sachen."

Leches und Gustavo steuern zielstrebig auf eine Mauer mit bunten Graffities und Malereien zu. Sie treffen Erick Orozco Gutiérrez. Der 26jährige Soziologiestudent hat mit ihnen ein Kollektiv gegründet und ein Graffiti- und Siebdruck-Projekt begonnen. Der angehende Soziologe forscht über das Thema "Jugendliche und Gewalt in Ciudad Juárez". Vor zwei Jahren traf er die beiden zum ersten Mal.

"Es gab Konflikte zwischen den Banden in diesem Viertel. Die Jugendlichen konnten sich nicht frei bewegen. Deswegen haben wir dieses Projekt gemacht. Wir wollten sie von der Straße holen. Sie sollten etwas lernen, irgendwie weiter kommen können."

Gustavo lässt seinen Blick entlang der Mauer schweifen. Die war mal grau. Jetzt reiht sich ein Bild an das andere. Eigentlich hatten er und sein Freund etwas zum Thema Korruption entwerfen wollen. Aber da hatte der Geldgeber, eine amerikanische Stiftung, etwas dagegen. Korruption sei kein positiver Wert, hieß es. Gustavo fand das ärgerlich, war aber dann doch bereit, einen Baum mit vielen Blättern zu malen. Der Baum soll für die Zukunft stehen, sagt er. Auf jedem Blatt stehe etwas geschrieben. Und dann liest er vor, was da steht – gelangweilt – als habe das alles nichts mit ihm zu tun …

"Ich habe das Gefühl, dass ich die Welt verändern kann. Wir haben die Kraft, etwas zu verändern. Und dann noch Liebe, Gleichheit, Freundschaft, Kompromiss, Bildung, Solidarität, Bewunderung, Respekt. Das sind halt Werte."

Von der amerikanischen Stiftung haben sie sich mittlerweile getrennt und eine neue Finanzierung gefunden.

Die Übergriffe der Polizei haben Leches und Gustavo nie zur Anzeige gebracht, aus Angst vor Repressionen. An Gerechtigkeit können sie bis heute nicht glauben, genauso wenig an ein Ende der Gewalt.

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